ESSAY 16. Feb 2024

Falsche und andere Erlöser

Rose Resnick (rechts) mit einer Freundin, die die Publikation «Der Nayer Veg» hält.

Was die Befreiungsträume des Zionismus mit dem Kolonialismus zu tun haben – ein Essay zur laufenden Debatte.

Das obige Bild von zwei jugendlichen Zionisten wurde 1906 in Kamenetz-Podolsk, Ukraine, im damaligen Russischen Reich fotografiert. Rechts ist Rose Resnick zu sehen, die Grossmutter väterlicherseits meiner Frau Susan Blum. Auf der linken Seite hält eine Freundin, deren Name nicht bekannt ist, eine jiddische Publikation mit dem Titel «Der Nayer Veg» – Der Neue Weg – das Organ des Zentralkomitees der 1905 in Odessa gegründeten Zionistischen Sozialistischen Arbeiterpartei. Sie veröffentlichte zwischen Mai 1906 und Januar 1907 fünfundzwanzig Ausgaben, bevor sie von den zaristischen Behörden geschlossen wurde.

Nach dem Hamas-Anschlag vom 7. Oktober in Israel sind allerorten Debatten über Zionismus und Kolonialismus entbrannt, von Universitäten bis zur Generalversammlung der Vereinten Nationen Die Mädchen auf dem Foto jedenfalls waren keine Siedlerkolonialisten. Ihr Zionismus war eine Reaktion auf die verschärfte Verfolgung der Juden im Europa des späten 19. Jahrhunderts. Damals lebte etwa die Hälfte der Juden weltweit im Zarenreich und wurden immer Opfer blutiger Pogrome. Rose erinnerte sich an Gewalttäter, die einem jüdischen Bäcker die Hände abhackten und in seinen Ofen warfen, damit er nie wieder Brot kneten konnte. Die Grossmutter meiner Frau mütterlicherseits, Pauline Unger, erinnerte sich an das Pogrom von Odessa im Jahr 1905, als Nachbarn das Leben ihrer Familie retteten, indem sie den Pogromisten vor dem Haus mit einem Kreuz begegneten und schworen, im Haus befänden sich keine Juden.

«Der Nayer Veg» war ein Produkt der immensen Reaktion russischer Juden auf das Pogrom von Chisinau 1903 (etwa vierzig Tote, Hunderte von Vergewaltigungen) und die landesweiten Pogrome vom Oktober 1905 (mehrere Hundert Tote), letztere nach der gescheiterten Revolution in jenem Jahr. Im Zuge dieser Wellen von Revolution und Reaktion radikalisierte sich die jüdische Jugend zunehmend. «Für sie», schreibt der Historiker Jonathan Frankel, «bedeutete die Revolution nicht nur einen Kampf für soziale Gleichheit und politische Freiheit, sondern auch für die nationale, die jüdische Befreiung».

Dies ist die Tradition, die mir und vielen amerikanischen Juden meiner Generation über die Ursprünge des Zionismus durch Erziehung, Volkserinnerung und Artefakte wie das obige Foto vermittelt wurde. Für viele, die in dieser Tradition aufgewachsen sind, ist es unvorstellbar, dass diese Ideologie der Befreiung und Selbstbestimmung irgendetwas mit dem Kolonialismus zu tun haben könnte, genauso wenig wie das für Rose und ihre Freundin galt. Vor diesem Hintergrund bilden die Gründung und die wiederholten militärischen Siege des Staates Israel eine emotional überzeugende historische Erzählung, die das Lob Gottes in der Pessach-Haggada widerspiegelt: «Er hat uns aus der Sklaverei in die Freiheit geführt, aus der Trauer in die Freude und aus der Trauer in die Festlichkeit, aus der tiefen Finsternis in das grosse Licht und aus der Knechtschaft in die Erlösung.» Der Holocaust wird im Rückblick zu den «Geburtswehen» des Messias – den Schmerzen und Drangsalen, die das jüdische Volk vor der Einsammlung der Verbannten und ihrer Rückkehr in das Land Israel erleiden wird, wie es der Prophet Jeremia vorausgesagt hat: «Es ist eine Zeit der Trübsal für Jakob, aber aus ihr wird er gerettet werden.»

Dieses Drama der jüdischen Geschichte war und ist jedoch in die Weltgeschichte eingebettet, auch wenn die Nachrichten darüber manchmal nur langsam nach Kamenetz-Podolsk gelangten. Den Zionisten gelang es schliesslich, ihre Bemühungen um Selbstbefreiung aus der jüdischen in die Weltgeschichte zu übertragen, wie es seit den frühen Christen keinen jüdischen Aktivist mehr gelungen war. Doch dabei wurde der Zionismus etwas grundlegend anderes als die Visionen von Kamenetz-Podolsk.

In der jüdischen Geschichte gibt es zwei Verbannungen aus Palästina/Eretz Israel. Die erste, die babylonische Gefangenschaft, fand nach 586 v. Chr. statt, als Nebukadnezar Salomos Tempel in Jerusalem zerstörte und die Juden nach Mesopotamien und Persien verbannte. Im Jahr 538 verfügte der persische Kaiser Kyros, dass die Juden nach Judäa zurückkehren und den Tempel wieder aufbauen konnten. Dennoch blieben viele Juden in Mesopotamien, Persien und in Städten rund um das Mittelmeer (wie Alexandria) und entlang der Seidenstrasse (wie Buchara). Zur Zeit des zweiten Exils der Juden aus Palästina lebte die Mehrheit bereits in der Diaspora.

Das zweite Exil erfolgte nach der Niederlage des grossen Aufstands gegen Rom, der durch einen Konflikt zwischen Juden und Griechen in Caesarea im Jahr 66 n. Chr. ausgelöst wurde und mit der Zerstörung des Zweiten Tempels durch Titus im Jahr 70 n. Chr. endete – ein Sieg, an den der Titus-Bogen auf dem Forum Romanum erinnert. Der Exodus der meisten in Palästina verbliebenen Juden beschleunigte sich nach der Niederlage des Aufstands gegen Rom im Jahr 136 n. Chr., den Bar Kochba angeführt hatte und den der Rabbiner Akiba für den Messias hielt. Ein Bericht über Akibas grausame Hinrichtung findet sich in «Eleh Ezkerah», der Elegie auf die zehn von den Römern exektuierten Märtyrer, die Teil des zusätzlichen Gedenkens an Jom Kippur in der östlichen aschkenasischen Liturgie wurde.

Während des langen zweiten Exils bewahrten die Juden ihre Verbundenheit mit Palästina/Eretz Israel, auch wenn sie reiche und vielfältige diasporische Kulturen entwickelten. In der täglichen Liturgie wurde das Gebet wiederholt, dass Gott die Vertriebenen sammeln und sie in ihre Heimat zurückführen möchte. Durch Pilgerreisen und Studienzentren in Palästina hielten die Juden die Verbindung zu dem Land aufrecht, ohne in Konflikt mit seinen Bewohnern zu geraten. Im Laufe der Jahrhunderte ersetzten diese Bewohner das Aramäische und Griechische ihrer babylonischen, persischen, hellenistischen, römischen und byzantinischen Eroberer durch das Arabische, das der zweite Nachfolger (Kalif) des Propheten Mohammed ʿUmar ibn al-Chattāb, mitbrachte, der Jerusalem eroberte und den Islam 638 n. Chr. nach Palästina brachte.

Die jüdische Hoffnung auf Erlösung aus dem Exil durch den Messias brach manchmal in Volksbewegungen aus, die von so genannten Pseudo-Messiassen angeführt wurden, wie David Reubeni im 16. Jahrhundert, Schabbtai Zvi im 17. Jahrhundert und Jacob Frank im 18. Jahrhundert. Diese grosse Erzählung – von der Sklaverei zur Freiheit, vom Exil zur Erlösung – wiederholte sich in jeder Epoche und war die konstante, wenn auch manchmal kaum hörbare Hintergrundmusik für das Verständnis des jüdischen Volkes über die eigene und die Begegnung mit der Weltgeschichte.

Die Juden in Europa hatten grosse Hoffnungen in die Emanzipation gesetzt, die auf die Aufklärung und die französische Revolution folgte. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts nahm der rassistische Antisemitismus in ganz Europa jedoch in einem Masse zu, dass die Emanzipation eher als treibende Kraft für Judenhass, statt als Mittel zu dessen Überwindung erschien. Tatsächlich überzeugte das Spektakel eines antisemitischen Mobs, der 1894 in Frankreich, dem Ausgangspunkt der Juden-Emanzipation, nach dem Blut von Hauptmann Alfred Dreyfus verlangte, Theodore Herzl von der Notwendigkeit eines eigenes Staates für die Juden. Der Wiener Journalist wurde deshalb Begründer des politischen Zionismus. Ethno-nationale Staaten, die Juden ausschlossen, schienen die zukünftige Norm zu sein. Der politische Zionismus im Europa des späten 19. Jahrhunderts war eine säkularisierte Version religiöser und messianischer Traditionen, verschmolzen mit ethno-nationalistischen und revolutionären Hoffnungen, welche die Vorstellungskraft vieler Völker in den niedergehenden Imperien der Romanows, Habsburger und Ottomanen bewegten.

Einige Juden zogen sich damals in einen frommen Quietismus zurück und warteten auf die Ankunft des Messias, wenn Gott ihn schicken sollte. Andere entschieden sich für revolutionäre Bewegungen, vom Allgemeiner Jüdischer Arbeiterbund bis zu den Bolschewisten und ihren zahlreichen Vorläufern und Konkurrenten. Die meisten von ihnen packten wie meine Vorfahren ihre grossen Pläne in die Koffer, die sie auf dem Weg nach Amerika in die Zwischendecks schleppten, wo diese Tendenzen neue Formen annahmen. Sie konnten dies nur tun, weil die Vereinigten Staaten bis 1924 eine offene Tür für «weisse» Einwanderer hatten, bis der Kongress den antisemitische und rassistische Johnson-Reed-Immigration-Act erliess und damit die Goldene Tür zuschlug.

Der Zionismus betrachtete die ultraorthodoxe Berufung auf Gebet und Frömmigkeit als eine passive Doktrin des Ghettos, die Juden schutzlos machte. Der Zionismus war daher ebenso eine Revolte gegen diese Passivität, wie gegen den Antisemitismus. Anstatt auf einen Messias zu warten, suchte er die Erlösung durch kollektives Handeln. Andere politische Lösungen, so argumentierten die Zionisten, beruhten auf der Duldsamkeit anderer, seien es die jüdischen Mitbürger, revolutionäre Genossen oder Länder, welche Einwanderer aufnehmen würden. Sie vertraten die Ansicht, dass Juden aus eigener Kraft einen Staat errichten mussten, in dem sie sich endlich selbst verteidigen konnten.

In Ostmitteleuropa, vor allem auf dem Gebiet des alten polnisch-litauischen Gemeinwesens, das sich im 19. Jahrhundert über die Grenzen Russlands, Österreichs und Preussens erstreckte, hatten die Juden viele Merkmale einer selbstverwalteten Gruppe mit einer eigenen Kultur und Sprache, dem Jiddischen. Aber sie teilten dieses Gebiet mit vielen Mehrheiten und Minderheiten und hatten keine Kontrolle über ihre Sicherheit. Da das jüdische Volk kein Land besass, auf dem es einen Staat gründen konnte, machte sich die zionistische Bewegung auf die Suche nach einem Territorium – und nach einem Sponsor, der ihr den Zugang zu diesem Gebiet sichern konnte. Auf diese Weise wurde der Zionismus mit dem Kolonialismus verwoben.

Für die Mädchen aus Kamenetz und Tausende wie Sie war der Zionismus eine ermächtigende Bewegung der Selbstständigkeit und Selbstbestimmung. Doch Herzl behauptete, dass das unbewaffnete jüdische Volk nur durch Diplomatie mit Grossmächten Zugang zu einem eigenen Territorium erhalten könne. Die Suche nach einem solchen Sponsor nahm fast Herzls gesamte Zeit und Energie in Anspruch, von der Zeit vor dem Ersten Zionisten-Kongress 1897 bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1904. In diesen sieben Jahren reiste Herzl von Hauptstadt zu Hauptstadt und suchte die Unterstützung eines «Mutterlandes», um das zu unterstützen, was er unverblümt die jüdische «Kolonisierung» Palästinas nannte.

Es war das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert. Für die Europäer war «Kolonialismus» kein Schimpfwort, sondern die Grundlage der Weltordnung, unter der die «zivilisierten» Nationen Europas den Rest der Welt beherrschten, ohne daran zu denken, dass nicht-weisse Völker Rechte oder politische Handlungsfähigkeit hatten. Herzl schrieb, dass der Zionismus einen jüdischen Staat errichten würde, der «durch das öffentliche Recht gesichert» sei, womit damals die internationale kolonialistische Ordnung gemeint war.

Der Zionismus erwog Alternativen zu Palästina – Argentinien, Sinai und Uganda, beide unter britischem Protektorat – aber keine davon schien praktikabel. Die jüdischen Massen sehnten sich nach Palästina, wie sie es seit Jahrhunderten getan hatten. Dieses Palästina war die Verkörperung ihrer Hoffnungen – im Unterschied zu den real existierenden Provinzen des Osmanischen Reiches mit arabisch-muslimischer und -christlicher Bevölkerung.

Noch bevor der Erste Zionisten-Kongress sein Programm verabschiedete, schlug Herzl dem osmanischen Sultan einen Tauschhandel vor. Die Hohe Pforte sollte ein Territorium für den jüdischen Staat stellen und als Gegenleistung würden jüdische Finanziers einen Teil der osmanischen Schulden bezahlen. Allerdings gibt es keine Beweise dafür, dass Herzl eine entsprechende Zusage von Geldgebern erhalten hatte. Im Jahr 1896 übermittelte Herzl diesen Vorschlag über Mittelsmänner an Sultan Abdulhamid. Zu dieser Zeit stand die Hohe Pforte unter Druck, Teile ihrer Souveränität an viele europäische Staaten abzutreten, und aufkommende nationalistische Bewegungen von Arabern, Armeniern, Bulgaren und sogar Türken begannen, das Reich zu destabilisieren. Ausserdem war der Sultan nicht nur der Herrscher eines schwankenden Reiches, sondern wurde auch von Hunderten Millionen sunnitischer Muslime als Kalif, als Führer der Gläubigen (amir al-mu'minin), anerkannt. Der Sultan hatte dieses panislamische Amt 1517 für sich beansprucht als die Osmanen Palästina von den ägyptischen Mamelucken eroberten. Das Amt war vakant gewesen, seit die Mongolen 1258 Baghdad erobert und geplündert hatten, die Hauptstadt des Abbasiden-Kalifats.

Dieser Kontext prägte das Denken des Sultans. Er sagte zu Herzls Gesandtem:

«Ich kann nicht einmal einen Fuss Land verkaufen, denn es gehört nicht mir, sondern meinem Volk. Mein Volk hat sich dieses Reich mit seinem Blut erkämpft und es mit seinem Blut befruchtet. Wir werden es wieder mit unserem Blut bedecken, bevor wir zulassen, dass es uns entrissen wird. … Die Juden sollen ihre Milliarden sparen. Wenn mein Reich geteilt wird, bekommen sie Palästina womöglich umsonst. Aber nur unser Leichnam wird geteilt werden. Ich werde der Vivisektion nicht zustimmen.»

Herzl versuchte, den Sultan auf anderen Wegen zu überzeugen. 1898 reiste er nach Istanbul, gerade als Kaiser Wilhelm den Sultan treffen wollte. Der Kaiser baute ein deutsches Kolonialreich auf, um mit Grossbritannien zu konkurrieren, und wollte Deutschland einen Anteil am untergehenden Osmanischen Reich sichern. Als Herzl den Kaiser in Istanbul traf, bat er ihn, dem Sultan vorzuschlagen, eine Gesellschaft nach dem Vorbild der Ostindien-Kompanie zu gründen, um die jüdische Kolonisation in Palästina zu unterstützen. Der Vorschlag orientierte sich zum Teil an den «Kapitulationen», die an der osmanischen Souveränität nagten und europäischen Staaten privilegierte Beziehungen zu den osmanischen Christen gewährten, wie etwa im Libanon, und ihre Bürger von der Rechtsprechung des Reiches befreiten. Jüdische Einwanderer waren seit der Vertreibung aus Spanien im Jahr 1492 als individuelle Untertanen oder Bürger willkommen geheissen worden, aber Herzl schlug vor, dass jüdische Einwanderer in Palästina durch eine Kapitulationsvereinbarung Privilegien geniessen sollten. Damit würden sie Bürger der Grossmacht werden, die sie sponserte.

Der Kaiser unterbreitete die Idee halbherzig dem Sultan, der sie wie schon zwei Jahre zuvor ablehnte. Wilhelms Hauptinteresse am Zionismus bestand in der Aussicht darauf, dass dieser Deutschland von den Juden befreien würde. Sein Antisemitismus ging Hand in Hand mit seinem kolonialistischen Rassismus. Zwischen 1904 und 1908 verübten seine Truppen einen Genozid an den Völkern der Herero und Nama in Südwestafrika (dem heutigen Namibia). Dieser erste Genozid des 20. Jahrhunderts war eine Generalprobe für den Holocaust.

Herzl reiste unterdessen von Istanbul nach Palästina, wohin der Kaiser ebenfalls unterwegs war. Der Kaiser gab Herzl in Jerusalem eine eisige Audienz und informierte ihn über die gleichgültige Antwort des Sultans. Im Jahr 1901 gelang es Herzl schliesslich, den Sultan direkt zu treffen. Er versuchte ihm, einen Schuldenerlass im Gegenzug für eine jüdische «Kapitulation» in Palästina als einzigen Weg zur Rettung des Osmanischen Reiches schmackhaft zu machen. Der Sultan erklärte Herzl, dass die Frage der osmanischen Schulden nicht mit territorialen Zugeständnissen verbunden werden könne. Er lehnte den Vorschlag ab, wie er es fünf Jahre zuvor getan hatte.

In einem letzten Versuch, ein Mutterland als Sponsor für den Zionismus zu finden, arrangierte Herzl 1902 ein Treffen am britischen Kolonialministerium in London und bat das Vereinigte Königreich, die jüdische Kolonisierung auf dem Sinai – Teil des ägyptischen Protektorats der Briten – zu fördern. Herzl entsandte daraufhin einen Vertreter zu Verhandlungen mit der von London kontrollierten Regierung in Kairo. Die Ägypter boten an, die jüdische Einwanderung zu fördern und zu unterstützen, solange die Neuankömmlinge die osmanische Staatsbürgerschaft annahmen, welche die Ägypter unter dem britischen Protektorat beibehielten. Herzl lehnte das Angebot der Gleichberechtigung ab und bestand auf einer Kapitulation, nach der die Juden die ausländische Staatsbürgerschaft erhalten sollten. Dies lehnte der ägyptische Aussenminister Boutros Ghali – ein Grossvater des UN-Generalsekretärs Boutros Boutros-Ghali – jedoch ab.

Im Oktober 1903 hörte der bereits kränkelnde Herzl auf dem Rückweg nach Europa am Hafen von Alexandria einen «furchtbar langweiligen» Vortrag des damals weltweit führenden Fachmanns auf dem Gebiet der Bewässerung. Er richtete seine Aufmerksamkeit auf die Zuhörer:

«Was mich am meisten interessierte, war die auffallende Anzahl intelligent aussehender junger Ägypter, die den Saal füllten. Sie sind die kommenden Meister. Es ist ein Wunder, dass die Engländer das nicht sehen. Sie glauben, dass sie für immer mit den Fellachen (Bauern) zu tun haben werden.»

Diese Blindheit der Briten würde in Herzls Augen dazu führen, dass sie «später ihre Kolonien verlieren». Herzl starb neun Monate später, am 3. Juli 1904, offenbar ohne die Auswirkungen dieser Beobachtung auf das zionistische Projekt in Palästina bedacht zu haben.

Ein Jahr nach Herzls Tod abonnierten Rose Resnick und ihr Freundin die Zeitschrift «Der Nayer Veg», in der sie Artikel über die Unterdrückung der Juden in Russland und die Notwendigkeit des Aufbaus einer jüdischen Arbeiterklasse als Grundlage für eine Nation fanden. Die Zusammenfassungen des Inhalts, die ich gefunden habe, deuten darauf hin, dass das Journal wenig oder gar nichts über Herzls Diplomatie, Palästina oder die politischen Entwicklungen im Osmanischen Reich enthielt.

Im selben Jahr, in dem die Zionistische Sozialistische Arbeiterpartei gegründet wurde – 1905 –, veröffentlichte Negib Azoury, ein libanesischer Christ und vormals stellvertretender Gouverneur des osmanischen Jerusalem, sein Manifest des arabischen Nationalismus, «Le réveil de la nation arabe». Azoury eröffnete sein Buch mit einer wortgewaltigen Warnung an die Araber vor der Gefahr des Zionismus, den er als Versuch der Juden definierte, sich nicht vom Antisemitismus zu befreien, sondern das alte Königreich Israel im grossen Stil wieder zu errichten, so wie die arabische Nation versuchte, sich von der osmanischen Vorherrschaft im selben Gebiet zu befreien. «Das Schicksal der ganzen Welt», schrieb Azoury, «wird vom endgültigen Ergebnis dieses Kampfes zwischen diesen beiden Völkern abhängen».

Ein Jahrzehnt später zogen die Grossmächte in den Krieg. Die Osmanen verbündeten sich mit Deutschland und Österreich, gegen das Vereinigte Königreich, Frankreich, Russland und schliesslich die Vereinigten Staaten. Der Völkermord an den Armeniern hatte bereits das explosive Potenzial der nationalen Fragen im Osmanischen Reich offenbart. Die Briten machten sich die Bewegung des arabischen Nationalismus gegen Istanbul zunutze.

Die britische Armee zerschlug die osmanischen Streitkräfte. Am 24. September 1918, dem ersten Geburtstag meiner Schwiegermutter, titelte die «New York Times»: «Türken verlieren 2 Palästina-Armeen, 40.000 Mann». Nun zogen Briten und Franzosen durch Verträge die Grenzen der modernen Staaten des Nahen Ostens, schafften das Kalifat ab und änderten damit die Religion des Islam mit Waffengewalt.

Diese Entscheidung fand in der gesamten islamischen Welt Widerhall. Sie löste in Indien eine populäre die «Khilafat-Bewegung» aus, welche die Wiederherstellung des Kalifats forderte und von 1919 bis 1922 andauerte. Der Indische Nationalkongress unter Gandhi unterstützte diese Forderung als Teil seiner allgemeinen, antikolonialen Bewegung gegen die Briten. Am 7. Oktober 2001, als ich mit dem ABC-Nachrichtensprecher Peter Jennings in einem Fernsehstudio in New York sass, erschien Osama Bin Laden auf dem Bildschirm und richtete eine Botschaft an das amerikanische Volk:

«Was Amerika jetzt zu schmecken bekommt, ist nur eine Kopie dessen, was wir gekostet haben. Unsere islamische Nation hat mehr als achtzig Jahre lang das Gleiche gekostet: Demütigung und Schande, getötete Söhne und vergossenes Blut, entweihte Heiligtümer.»

Etwa achtzig Jahre vor 2001 fand 1923 die Konferenz von Lausanne statt, die das osmanische Sultanat und Kalifat abschaffte und den Boden für die koloniale Neugestaltung der muslimischen Welt bereitete.

Schon vorher, im November 1917, hatte die zionistische Diplomatie unter der Führung von Dr. Chaim Weizmann das britische Kabinett zur Verabschiedung der Balfour-Deklaration bewegt, in der die Regierung die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina befürwortete. Aus jüdischer Sicht kam dies der Erfüllung von Prophezeiungen und Hoffnungen gleich. Für die Briten würde ein solches Heimatland die britische Kolonialherrschaft in Palästina und Syrien nach der Niederlage der Osmanen sichern, den Suez-Kanal schützen (der für die Verbindung Grossbritanniens mit seinen asiatischen Kolonien unerlässlich war), die Unterstützung der jüdischen Bevölkerung gewinnen, die zwischen dem antisemitischen Russland (Grossbritanniens Verbündetem) und den Mittelmächten gefangen war und die Bestrebungen des christlichen Zionismus verwirklichen.

Die Abschaffung einer bedeutenden islamischen Institution war also eng mit der Übernahme des Zionismus als offizielle Doktrin des britischen Empire verbunden, und beide resultierten aus der britischen Politik, den grössten und mächtigsten muslimischen Staat zu besiegen und zu zerstückeln.

Dies war der Moment, in dem der Zionismus zu einem Partner des britischen Kolonialismus wurde, auch wenn diese Partnerschaft unweigerlich zerfallen sollte. Weder die Briten noch die zionistische Bewegung berücksichtigten die Haltung der Bewohner Palästinas, 96 Prozent von ihnen waren Araber. Nach Herzls eigenen Angaben in seinem Tagebuch hat er während seines Besuchs in Palästina 1898 mit keinem einzigen Araber gesprochen.

Wie der Historiker Rashid Khalidi in «The Hundred Years' War on Palestine» (2020) dokumentiert, schrieb Balfour 1919 in einem Memo an das britische Kabinett, dass «wir in Palästina nicht einmal vorschlagen, die Wünsche der gegenwärtigen Bewohner des Landes zu konsultieren. … Der Zionismus, ob er nun richtig oder falsch, gut oder schlecht ist, wurzelt in jahrhundertealten Traditionen, in gegenwärtigen Bedürfnissen, in zukünftigen Hoffnungen, die von weitaus grösserer Bedeutung sind als die Wünsche und Vorurteile der 700.000 Araber, die jetzt dieses alte Land bewohnen.» Winston Churchill äusserte sich 1937 vor der Peel-Kommission, die London Empfehlungen zu Palästina erarbeiten sollte, noch deutlicher:

«Ich gebe nicht zu, dass der Hund in seinem Stall das endgültige Recht auf den Stall hat, auch wenn er vielleicht schon sehr lange dort liegt. Ich gestehe dieses Recht nicht zu. Ich gebe zum Beispiel nicht zu, dass den Indianern in Amerika oder den Schwarzen in Australien grosses Unrecht widerfahren ist. Ich gebe nicht zu, dass diesen Völkern dadurch Unrecht geschehen ist, dass eine stärkere Rasse, eine höherwertige Rasse oder jedenfalls eine weltklügere Rasse, um es einmal so auszudrücken, an ihre Stelle getreten ist.»

Warum haben der Zionismus und viele Juden dieses Geschäft akzeptiert? Als Europäer, wenn auch als Unterdrückte, teilten sie weitgehend die praktisch unangefochtenen Annahmen des europäischen Kolonialdenkens. Die Umstände liessen ihnen auch kaum eine andere Wahl. Hätten sie die Möglichkeit gehabt, wären viele – vielleicht sogar die meisten – der jüdischen Flüchtlinge vor Hitler eher in die USA als nach Palästina gegangen. Doch in den 1930er Jahren überzeugte der immer stärker werdende Antisemitismus in der westlichen Welt selbst ehemalige jüdische Gegner des Zionismus davon, dass sie keine andere Wahl hatten. Die Behauptung des Zionismus, dass Juden unter anderen Nationen niemals sicher sein könnten, bewahrheitete sich nicht nur in Nazi-Deutschland, sondern auch im «liberalen» Westen. Juden, die vor dem Antisemitismus der Nazis fliehen wollten, stiessen auf antisemitische Einwanderungsgesetze in den USA und im Vereinigten Königreich. Die Briten – und sogar Balfour selbst als Innenminister – hatten 1905 den Aliens Act erlassen und damit Einwanderungsbeschränkungen eingeführt. Der U.S. Immigration Act von 1924 zielte ausdrücklich darauf ab, die massive Einwanderung auch osteuropäischer Juden zu stoppen. Im Juli 1938 versammelten sich 32 Nationen am Genfer See zur Konferenz von Evian, um über das weitere Vorgehen angesichts der wachsenden Flut jüdischer Flüchtlinge zu beraten. Alle Delegierten bekundeten ihr Mitgefühl mit den Flüchtlingen, aber nur Ekuador und die Dominikanische Republik boten an, einige von ihnen aufzunehmen.

Das Mandat für Palästina, das der Völkerbund 1920 Grossbritannien erteilt hatte und das 1923 in Kraft trat, verlieh der zionistischen Organisation den rechtlichen Status einer «öffentlichen Einrichtung zum Zwecke der Beratung und Zusammenarbeit mit der Verwaltung Palästinas in wirtschaftlichen, sozialen und anderen Angelegenheiten, welche die Errichtung der jüdischen nationalen Heimstätte und die Interessen der jüdischen Bevölkerung in Palästina betreffen können». Es sah auch vor, dass die Mandatsbehörden «die jüdische Einwanderung unter angemessenen Bedingungen erleichtern und die Ansiedlung von Juden auf dem Lande fördern» sollten. Das Mandat verbot die Diskriminierung anderer Völkerbundmitglieder durch die Briten in Palästina, bot den palästinensischen Arabern jedoch weder Schutz noch irgendeine Form der Vertretung.

Als koloniale Untertanen hatten die palästinensischen Araber im Gegensatz zu den Amerikanern oder Briten keine souveräne Macht, die Einwanderung in ihr Gebiet zu regeln. Die Kombination aus dem Naziregime, dem auf der Konferenz von Evian zum Ausdruck gebrachten Ausschlusskonsens und dem britischen Mandat für Palästina bürdete den Palästinensern, deren winziges Land nichts mit dem Ursprung der Krise zu tun hatte und über keinerlei Möglichkeiten der Selbstverwaltung verfügte, eine unverhältnismässig grosse Last auf, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen.

Der rasche Anstieg der jüdischen Einwanderung von 4.075 im Jahr 1931 auf 66.472 im Jahr 1935 – eine 16-fache Steigerung innerhalb weniger Jahre in einem Land, dessen Gesamtbevölkerung 1931 kaum mehr als eine Million betrug – war einer der Auslöser für den palästinensisch-arabischen Aufstand von 1936 gegen die Briten. Er begann mit einem sechsmonatigen Generalstreik – laut Khalidi dem längsten in der Kolonialgeschichte. Als die Peel-Kommission im Oktober 1937 eine Teilung des Landes befürwortete, löste dies einen bewaffneten Aufstand aus.

Die zionistische Geschichtsschreibung stellt dies als den ersten Fall dar, in dem die Palästinenser «keine Gelegenheit ausliessen, eine Gelegenheit zu verpassen». Er steht auf der Liste angeblicher Gelegenheiten, bei denen die Palästinenser einen «Kompromiss» zugunsten des Konflikts ablehnten. Doch aus palästinensischer Sicht hatte ein Kolonialreich willkürlich beschlossen, einen Teil ihres nationalen Territoriums zu konfiszieren, nachdem es allenfalls symbolische Anstrengungen unternommen hatte, sie zu konsultieren. Es handelte sich nicht um einen «Kompromiss» – ein einvernehmliches Verhandlungsergebnis – sondern um ein imperiales Diktat, das weder das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser respektierte noch die Bereitschaft zeigte, die Last der Aufnahme von Flüchtlingen aus dem Nationalsozialismus zu teilen.

Der Aufstand richtete sich sowohl gegen die britische Herrschaft als auch gegen die jüdischen Gemeinden. Zur Niederschlagung des Aufstands verübten die britischen Truppen nicht nur blutige Massaker, willkürliche Tötungen und massive Inhaftierungen der Zivilbevölkerung, sondern bewaffneten auch zionistische Milizen, die als Hilfstruppen der Kolonialarmee dienten. Zuvor war es bereits zu Zusammenstössen zwischen Siedlern und der einheimischen Bevölkerung wegen Landrechten und Gerüchten über die Schändung heiliger Stätten gekommen, doch dies war das erste Mal, dass die zionistische Bewegung von einer Kolonialmacht in ihrem gemeinsamen Interesse an der Unterdrückung des arabischen Widerstands mobilisiert und bewaffnet wurde. Angeführt wurden die Bemühungen von Orde Wingate, der die zionistischen Streitkräfte in Taktiken der Aufstandsbekämpfung unterwies, etwa der Hinrichtung einiger Gefangener im Schnellverfahren als Technik für Verhöre der Anderen. Damit wurde ein bis heute gültiger Präzedenzfall geschaffen, bei dem zunächst der Jischuv und dann Israel von Grossmächten bewaffnet wurde, um westliche Interessen in der Region zu verteidigen.

Die Realität eines kolonialen Unternehmens, eines blutigen Konflikts und eines jahrzehntelangen Zusammenlebens mit einer feindseeligen Bevölkerung hatte ihre eigene Logik, unabhängig von Herzls utopischen Visionen oder irgendwelchen Doktrinen oder Analysen, die in «Der Nayer Veg» veröffentlicht wurden. Als die Briten Palästina verliessen und ihre Truppen abzogen, war die Nakba – oder erste Nakba, wie manche sie seit dem israelischen Angriff auf Gaza nach dem 7. Oktober nennen – ebenso unvermeidlich wie die Massaker im Zuge der Teilung Indiens. Es gab keinen Mechanismus zur Umsetzung der von den Briten verfügten und von den Vereinten Nationen beschlossenen Teilung. Es kam zu kommunalen Kämpfen zwischen Arabern und Juden, aber nur der Jischuv verfügte über eine wirksame militärische Organisation und eine kohärente Führung.

Palästina wurde 1947-49 nicht nach dem UN-Plan aufgeteilt, sondern nach dem Kräfteverhältnis zwischen der Haganah, der Arabischen Legion Jordaniens und der ägyptischen Armee. Der Jischuv beanspruchte, die Teilung zu akzeptieren, die ihm zum ersten Mal ein souveränes Territorium – in Herzls Worten «gesichert durch das öffentliche Recht» – gewährte, während er den Grossteil der arabischen Bevölkerung aus den von ihm kontrollierten Gebieten vertrieb. Ausserdem dehnte er sein Territorium von den im Teilungsplan dem jüdischen Staat zugewiesenen Gebieten auf die den Arabern zugewiesenen Gebiete aus, zu denen unter anderem Westjerusalem und der dicht besiedelte Korridor zwischen Jerusalem und Tel Aviv gehörten. Sowohl Westjerusalem als auch der Korridor wurden ethnisch gesäubert.

Es gab organisierte Bemühungen zu leugnen, dass die Nakba stattgefunden hat – mit der Behauptung, dass die Haganah und andere zionistische Streitkräfte ihre Operationen nur als Reaktion auf die Invasion der Armeen arabischer Staaten begannen; dass die Palästinenser unter der Anweisung flohen, Gebiete zu räumen, bis alle Juden getötet waren; dass die palästinensischen Opfer der Nakba im Allgemeinen Täter waren, die Aggressionen gegen die jüdische Bevölkerung verübten; und dass die zionistischen/israelischen Streitkräfte nur zur Selbstverteidigung gekämpft hätten.

Jahrzehntelange wissenschaftliche Untersuchungen haben all diese Behauptungen als falsch erwiesen, und ich werde hier nicht noch einmal auf die feststehenden Fakten eingehen. Die Leugnung der Nakba ist nicht glaubwürdiger als die Leugnung des Holocausts. Israelische Offizielle, die einst die Nakba leugneten, sprechen sich jetzt ausdrücklich für eine «zweite Nakba» aus. In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die von der UN-Generalversammlung am 10. Dezember 1948 verabschiedet wurde, heisst es in Artikel 13: «Jeder hat das Recht, jedes Land, einschliesslich seines eigenen, zu verlassen und in sein Land zurückzukehren.» Es ist unbestritten, dass es den palästinensischen Flüchtlingen nicht gestattet wurde, «in ihr eigenes Land zurückzukehren». Tatsächlich behandeln die Verteidiger Israels das «Recht auf Rückkehr» manchmal als Leugnung des Existenzrechts des Staates oder als Aufforderung zum Völkermord, offenbar in Unkenntnis der Tatsache, dass es Zweifel an der Legitimität eines Staates geben könnte, dessen Existenz ethnische Säuberungen erfordert.

Das bedeutet nicht, dass eine Regelung die Rückkehr aller Flüchtlinge von 1948 und ihrer Nachkommen nach «Israel» erfordert, wie auch immer dieser Staat durch eine Regelung definiert werden mag. Die Umsetzung der anerkannten Rechte ist ein legitimes Thema für politische Verhandlungen. Nicht alle Flüchtlinge würden sich für eine Rückkehr entscheiden; im Rahmen einer Zwei-Staaten-Lösung könnten viele eher in einen palästinensischen Staat als nach Israel zurückkehren, und andere hätten Anspruch auf Entschädigung.

Was die Frage angeht, ob der Staat Israel ein Produkt des Kolonialismus ist, so ist er es sicherlich, es sei denn, das britische Empire hatte nichts mit Kolonialismus zu tun. Ohne die Zerschlagung des Osmanischen Reiches durch die Alliierten nach dem Ersten Weltkrieg, das vom Völkerbund erteilte britische Mandat und den offiziellen Status, den das Mandat der Zionistischen Organisation in Palästina verlieh, hätte Israel nicht entstehen können. Der Völkerbunds-Satzung schrieb Kolonialismus und Rassismus ins Völkerrecht, als er Mandate als eine Institution definierte, durch die «fortgeschrittene Nationen» mit der «Vormundschaft» über «Völker, die noch nicht in der Lage sind, unter den harten Bedingungen der modernen Welt selbst zu bestehen» betraut würden.

Aber der Staat Israel ist nicht nur das Produkt des Kolonialismus. Ohne die jüdische Verfolgung in Europa, die intellektuellen und politischen Anstrengungen, die dieses ehemals wehrlose Volk unternommen hat, um sich dauerhaft auf der Weltkarte zu platzieren, und die lange jüdische historische und religiöse Bindung an das Land, hätte es auch kein Israel gegeben. Ausserdem würde es das heutige Israel auch nicht ohne die gewaltsame Vertreibung der jüdischen Bevölkerung aus der arabischen Welt als Vergeltung für die Staatsgründung und die Gewalt der Nakba geben.

Sind Juden «Einheimische» oder Siedlerkolonialisten in Palästina? Sie sind beides. Das jüdische Volk stammt ursprünglich aus diesem Land, und nach zweitausend Jahren Exil entwickelte es eine Ideologie und eine eher politische als rein religiöse Bewegung der «Rückkehr». Aber ihr historisches Gedächtnis wurde von den Bewohnern des Landes nicht geteilt. Das historische Gedächtnis des jüdischen Volkes schuf nicht das Recht oder die Fähigkeit, einen einzigen Dunam Land gegen den Willen seiner Besitzer zu beschlagnahmen oder zu besetzen. Das historische Gedächtnis eines Volkes, wie hartnäckig es auch sein mag, begründet kein Recht, über ein anderes zu herrschen.

Die israelischen Juden sind Siedlerkolonialisten mit einem historischen Gedächtnis einheimischen Ursprungs. Dazu gehören auch die Juden, die aus arabischen und anderen muslimischen Ländern geflohen sind oder vertrieben wurden. Sie waren in der Region heimisch, aber nicht in Palästina, ausser in ihrem eigenen historischen Gedächtnis. Dieses historische Gedächtnis unterscheidet Israel von anderen Siedler-Kolonialstaaten. Ebenso wie die Tatsache, dass die durch Siedlerkolonialismus gegründete Nation kein «Mutterland» hat, in das ihre Mitglieder zurückkehren könnten, wie es die Franzosen aus Algerien taten. Die heutigen Siedler im Westjordanland und auf den Golan-Hhöhen könnten tatsächlich zurückkehren – ihr «Mutterland» ist Israel –, aber das gilt nicht für die Bürger Israels als Ganzes. Sie können weder an die Schauplätze des Holocausts noch in die arabischen und muslimischen Staaten zurückkehren, die sie vertrieben haben. Grossbritannien und später die USA spielten die Rolle des Mutterlandes, indem sie das Land eroberten, seine Besiedlung erleichterten und die Siedler bewaffneten, aber sie haben keine Verantwortung für das Schicksal der jüdischen Flüchtlinge übernommen – sei es vor Hitler, vor der Verfolgung der Juden im Irak in den frühen 1950er Jahren oder vor einem künftigen Flächenbrand in Palästina.

Stattdessen ist es der zionistischen Bewegung und dem jüdischen Staat gelungen, eine neue Nation zu schaffen, die nun in dem Land heimisch ist – doch in welchen Teilen des Landes und mit welchen Rechten genau, das ist der Kern des Streits darüber, ob Israel ein Apartheid-Siedlerstaat ist. Die Frage «Hat Israel das Recht zu existieren?» hätte sinnvoll diskutiert werden können, bevor der Staat existierte, aber jetzt lautet die einzige Antwort: «Israel existiert.» Als Mitglied der Vereinten Nationen hat es das Recht, weiter zu existieren und das Recht auf Selbstverteidigung gegen andere Staaten auszuüben. Gemäss der UN-Charta hat es auch das Recht, seine territoriale Integrität zu verteidigen, aber die Umsetzung dieses Rechts erfordert die Festlegung der Grenzen des Staates Israel. Dies hängt von einer Friedensregelung ab, die die nationalen Rechte der Palästinenser anerkennt. Nur eine solche Regelung kann die Sicherheit Israels als Staat gewährleisten.

Die Genesis ist kein Schicksal. Die historische Tatsache zu dokumentieren, dass Israel zum Teil durch die Zusammenarbeit des Zionismus mit dem Kolonialismus entstanden ist, bedeutet nicht, dass die einzige Lösung eine «Entkolonialisierung» ist, die den Staat zerstören und seine Bewohner vertreiben würde. Das Verwerfliche am Kolonialismus ist nicht die Einwanderung oder Ansiedlung einer Bevölkerung anderer ethnischer oder nationaler Herkunft oder von Menschen, die in gewisser Weise nicht autochthon sind, sondern die Herrschaft einer Gruppe über eine andere. Es ist unmöglich, die Geschichte zurückzuspulen und neu zu schreiben. Aber es ist möglich, ja sogar notwendig, eine Zukunft zu sichern, in der Palästinenser und Israelis gleiche Rechte haben. Beide Völker müssen in der Lage sein, die Regierung mitzubestimmen, die sie regiert. Palästinenser und Israelis müssen entweder in zwei souveränen, gleichberechtigten Staaten oder in einem Staat als Individuen mit gleichen Rechten leben. Der internationale Konsens (mit Ausnahme der israelischen Regierung) zugunsten des ersteren – und die offensichtliche Unmöglichkeit, dass Israelis und Palästinenser ein gemeinsames, alleiniges Staatswesen haben – machen das erstere zur offensichtlichen Wahl.

Der derzeitige Krieg im Gazastreifen ist ein Beispiel für das Schlimmste, was der Kolonialismus zu bieten hat. Dazu gehören sowohl Israels wahllose Massaker an der Zivilbevölkerung, die als Selbstverteidigung gerechtfertigt werden, als auch die wahllosen Massaker der Hamas an der Zivilbevölkerung, die als Widerstand gerechtfertigt werden. Die wahllose Anwendung von Gewalt geht einher mit dem Einsatz von Geschichtsfälschungen und verzerrten Konzepten zur Verteidigung der Gewalt – Unwahrheiten und Verzerrungen, die den Konflikt aufrechterhalten. Israel ist zum Teil ein Produkt des Kolonialismus, aber der Kolonialismus ist eine kontingente historische Realität. Die Motive, die manche Menschen zu Kolonialisten und andere zu Antikolonialisten machen, sind nicht immer so unterschiedlich. Menschen sind in der Gegenwart Opfer oder Täter aufgrund ihrer Beziehungen zu anderen Menschen in der Gegenwart, nicht aufgrund einer Geschichte, die sie unter anderen Umständen als Opfer oder Täter haben könnten. «Opfer» ist für niemanden eine dauerhafte Identität, sondern eine Rolle in der Beziehung zu anderen – eine Rolle, die verändert werden kann und muss.

Herzls utopischer Roman «Altneuland» (1902) befasste sich mit den messianischen Ursprüngen des Zionismus. In seiner Erzählung über einen Besuch in einem zukünftigen und doch sehr wienerischen «jüdischen Palästina» im Jahr 1923 besucht der Erzähler das prächtige Opernhaus in Jerusalem, um einer Aufführung einer Oper beizuwohnen, die auf dem Leben von Schabbtai Zvi basiert. Im Jahr 1648, während der massiven Massaker an den Juden in der Ukraine, die einige Juden als «Geburtswehen des Messias» ansahen, verkündete Sabbatai in einer Synagoge in Smyrna (heute Izmir, Türkei) seine messianische Berufung. In jüdischen Gemeinden weltweit fand er viele Anhänger. Viele verkauften ihr Hab und Gut und bereiteten sich auf die Übersiedlung nach Palästina vor, bis ihr Messias vom osmanischen Sultan vorgeladen wurde, in dessen Gegenwart er im September 1666 zum Islam konvertierte.

Im Roman rätselt das Publikum in der Opernpause über die Geschichte. Wie konnte ein solcher Hochstapler eine derartige Anhängerschaft gewinnen?

«`Dafür scheint es einen tiefgreifenden Grund zu geben´, bemerkt David. `Es war nicht so, dass die Leute glaubten, was sie sagten, sondern dass sie sagten, was die Leute glaubten. Sie haben eine Sehnsucht gestillt. Oder, vielleicht wäre es richtiger zu sagen, sie entsprangen der Sehnsucht. Genau so ist es. Die Sehnsucht schafft den Messias.

Sie müssen sich daran erinnern, was für dunkle Tage das waren, als ein Sabbatai und Seinesgleichen auftauchten. Unser Volk war noch nicht in der Lage, seine eigene Situation zu überblicken, und erlag daher dem Bann solcher Personen. Jahrhunderts, als die anderen zivilisierten Völker bereits zum Selbstbewusstsein gelangt waren und davon Zeugnis ablegten, erkannte unser Volk – die Parias –, dass seine Rettung in ihm selbst lag, dass von phantastischen Wundertätern nichts zu erwarten war. Sie erkannten damals, dass der Weg der Befreiung nicht von einem einzelnen Menschen, sondern von einer bewussten und wachen Volkspersönlichkeit geebnet werden muss.»

Der Zionismus strebte danach, dass die Juden ihre «Volkspersönlichkeit» durchsetzen und zu dem werden, was die Europäer damals «zivilisierte Nationen» nannten. Die Unterscheidung zwischen zivilisierten Nationen und anderen enthielt die Essenz des Kolonialismus. In seinem Manifest «Der jüdische Staat» (1896) schrieb Herzl: «Wir [der jüdische Staat in Palästina] sollten dort einen Teil eines Walls von Europa gegen Asien bilden, einen Vorposten der Zivilisation im Gegensatz zur Barbarei.» Dieses Konzept der Erlösung durch Herrschaft erwies sich letztlich als ein weiterer falscher Messias.

Ohne diese Erlösung verliert die Erzählung der modernen jüdischen Geschichte ihren wesentlichen Bogen. Israel stürzt sich weiterhin kopfüber in eine Offensive, vor der führende Holocaust-Wissenschaftler gewarnt haben und die auf dem Weg zum Völkermord zu sein scheint. Die Verwandlung des Opfers in einen Täter weckt weder Hoffnung noch gibt sie dem Leiden einen Sinn. Auch der Vergleich der aktuellen Ereignisse mit dem Holocaust läuft nicht auf eine Gleichsetzung der beiden hinaus. Wie Mascha Gessen argumentiert hat, ist es unmöglich, Lehren aus einem Ereignis zu ziehen, wenn alle Vergleiche mit ihm verboten sind.

Die Zerstörung des Zweiten Tempels, welche die Rückkehr aus dem babylonischen Exil rückgängig machte, zerstörte auch die bisherige Erzählung der jüdischen Geschichte. Die palästinensischen Rabbiner des dritten Jahrhunderts hatten jüngste und bittere Erfahrungen mit gescheiterten Messiassen gemacht. Im Traktat Sanhedrin des Talmuds heisst es, dass die Rabbiner 'Ullah, Rabba und Johanan über den Messias sagten: «Er soll kommen, aber ich will ihn nicht sehen.» Reish Lakish, ein anderer Rabbiner jener Generation, fragt, ob das mit den Geburtswehen des Messias zusammenhängt, von denen Jeremia erzählt. Rabbiner Johanan antwortet: «Gott spricht: Diese [die Heiden] sind mein Werk, und diese [die Juden] sind es auch; wie soll ich die einen um der anderen willen vernichten?» Ohne Gerechtigkeit kann Gott selbst die Rettung Israels nicht mit ansehen.

In einer langen Laufbahn als international anerkannter Historiker und Autor mit Schwerpunkt Nahost und Südostasien hat Barnett R. Rubin die US-Regierung bei Fragen zu Afghanistan beraten. Er war 2000-2020 Director of Studies and Senior Fellow am Center on International Cooperation der New York University und wirkt heute als Distinguished Fellow am Stimson Center in Washington, D.C. Rubin hat zuletzt das Buch «Afghanistan: What Everyone Needs to Know» (2020) publiziert. Der vorliegende Aufsatz erschien zuerst im November 2023 in der «Boston Review» (https://www.bostonreview.net/articles/false-messiahs/).

Barnett R. Rubin