AUSSTELLUNG 12. Jun 2026

Eingestellte Gegenwarten

Das Unternehmen Röhm & Haas führte 1933 Plexiglas in Deutschland ein und arbeitete ab 1936 mit dem nationalsozialistischen Regime zusammen.

Franz Wanners Ausstellung «Eingestellte Gegenwarten» im Münchner Lenbachhaus macht verdrängte Verflechtungen von Museen, Wirtschaft und Politik nach dem Nationalsozialismus sichtbar.

Die Ausstellung «Eingestellte Gegenwarten» von Franz Wanner im Lenbachhaus München veranschaulicht, wie sich Zwangsarbeit, Rüstungsindustrie und staatliche Institutionen vom Nazismus bis heute in Deutschland durchziehen. Der Künstler verwendet bewusst die Bezeichnung «Nazismus», die sich gegen die Selbstbezeichnung Nationalsozialismus (NS) des Nazi-Regimes wendet und damit gegen die damit suggerierte Verbindung von Nationalismus und Sozialismus.

Den Eingang zur Ausstellung markiert eine Plexiglas-Schutzbrille. Sie wurde bei Grabungen auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenhausen gefunden und gehörte einer zur Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie eingesetzten Person. Über die inhaftierte Person, die mit der Brille ihr Augenlicht schützte, gibt es bislang keine Erkenntnisse.

Plexiglas als Regierungsgeschäft
Das Material, ein leichter, extrem bruchsicherer und hochgradig transparenter Kunststoff, ist nur etwa halb so schwer wie herkömmliches Glas. Es wurde von dem 1907 im deutschen Esslingen gegründeten Unternehmen Röhm & Haas im Jahr 1933 unter dem Markennamen «Plexiglas» eingeführt. Ab 1936 verstärkten das nationalsozialistische Regime und die damit verbundenen Wirtschaftsverbände ihren autoritären Anspruch, insbesondere im Hinblick auf kriegsrelevante Produkte. Röhm & Haas entschied sich zu einer Zusammenarbeit mit dem Regime, ab 1936 vor allem für Flugzeugfenster in der Rüstungsindustrie genutzt. In Propagandaausstellungen des NS-Regimes wurden die technischen Möglichkeiten des Materials angepriesen. Heute bestehen Gegenstände in unterschiedlichen Bereichen aus Plexiglas, vom Polizeischild bis zur musealen Vitrinenhaube.

In der Ausstellung «Eingestellte Gegenwarten» werden die Gegenstände ihrer Funktion entzogen und als Verwahrstücke gezeigt, die den Ausstellungsraum als Tatort markieren. Franz Wanners Recherchen decken auf und machen in seinen künstlerischen Analysen erstmals öffentlich, dass während der NS-Herrschaft im Namen des «Kunstschutzes» auch in Museen wie dem Lenbachhaus Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen eingesetzt wurden, etwa zur Evakuierung von Kunstwerken bei Luftangriffen.

Lokale Wirklichkeiten
Franz Wanner interessiert sich für die Lücke zwischen Realität und Selbstdarstellung der Bundesrepublik Deutschland. Er zeichnet nach, wie Geschichte beschönigt und bestehende Strukturen nach dem Ende der Nazi-Herrschaft weiterhin genutzt werden, wie etwa die Anwerbe-Abkommen mit der Türkei, Griechenland, Italien und Jugoslawien. Viele der ab 1955 angeworbenen sogenannten Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen wurden in ehemaligen NS-Baracken einquartiert, die fortan als «Gastarbeiterlager» bezeichnet wurden. Die rechtliche Grundlage dieser Abkommen basierte auf einer NS-Verordnung aus dem Jahr 1938.

Franz Wanner wurde 1975 im deutschen Bad Tölz geboren. Nach einer Fotografenlehre und einer Filmausbildung studierte Wanner Medientheorie und Interdisziplinäre Projekte an der Akademie der Bildenden Künste München. Neben seiner Tätigkeit als bildender Künstler doziert er in den Bereichen Kunst und Film an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Weihenstephan-Triesdorf und am Pratt Institute New York City. Seit Frühjahr 2026 ist er zudem in Hamburg Professor an der Hochschule für Bildende Künste. In medienübergreifenden Arbeiten aus Fotografie, Film sowie performativer und sprachlicher Erzählung stellt er lokale Wirklichkeiten in globale Zusammenhänge.

In seinen Werken beschäftigt sich Wanner mit der Migrationspolitik der Europäischen Union, dem deutschen Geheimdienst und der Rüstungsindustrie, ihrer Historie und gegenwärtigen Strukturen sowie den Wirkungen des Nazismus auf den neoliberalen Wohlstandsimperativ.

Für das Zentrum für zeitgenössische Kunst in Berlin namens Kindl, in Zusammenarbeit mit dem Berliner Harun-Farocki-Institut, konzipierte Franz Wanner die Ausstellung «Mind the Memory Gap» und legt in ihr die Dimensionen der NS-Zwangsarbeit offen. Das Farocki-Forum am Seminar für Filmwissenschaft an der Universität Zürich unterstützte das Projekt ebenfalls. Wanner wirft erstmals die Frage nach der Beteiligung von Kunstmuseen auf und erzählt mit Fotografien, Texten, Videos und Objekten von ihren Auswirkungen auf die Gegenwart. Die Präsentation im Münchner Lenbachhaus baut darauf auf.

Die Vergangenheit in der Gegenwart
Stephanie Weber, Kuratorin für Gegenwartskunst am Lenbachhaus in München, äussert sich wie folgt im Katalog zur Ausstellung: «Mit einer systematischen Überlagerung von belegbaren Quellen und fiktiven Erzählebenen lässt Franz Wanner Bilder einer kollektiven kognitiven Dissonanz entstehen und entwirft analytische Poesien über die Pathologie des Übersehenwollens innerhalb des aktuellen bundesdeutschen Moments und dessen Idiomen.»

Wanners Werkgruppe «Schatten I–III» versammelt Plexiglasobjekte der deutschen Gegenwart: Teststücke, die zur Raumfahrtforschung ins Weltall geschossen und dort entzündet wurden, um die Verbrennungskinetik zu untersuchen, abgenutzte Einsatzschilde der Bereitschaftspolizei und durchsichtige Hauben, wie sie Museen zum Schutz von Exponaten verwenden. Entdeckte private Amateurfilmaufnahmen fangen Augenblicke des beschaulichen Familienlebens im Berliner Bezirk Lichtenberg ein. Im Hintergrund laufen einmontierte Aufnahmen vom Alltag der Zwangsarbeit. Zwischentitel beschreiben die stummen Filmbilder aus einer gegenwärtigen Perspektive und erweitern sie um eine fiktionale Ebene. Øystein Sørbye, Kinderpsychologe und Sohn des Widerstandskämpfers Haakon Sørbye, spricht in einem Interview in der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof in Frankreich über die Erfahrungen, die sein Vater als Zwangsarbeiter dort und in Ottobrunn gemacht hat. «From Camp to Campus» setzt die Begriffe «Camp» und «Campus» in Beziehung: Unter dem Einsatz von Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen installierte das NS-Regime 1940 in Ottobrunn bei München eine «Luftfahrtforschungsanstalt». Während die erhaltene Bausubstanz des ehemaligen Zwangsarbeitslagers unter Aufsicht der Behörden beseitigt wird, installiert der Freistaat Bayern am selben Ort, der heute Ludwig-Bölkow-Campus heisst, das Raumfahrtprogramm Bavaria One.

Die Bausubstanz der Bundesrepublik
Im Video «Mind the Memory Gap» kommt die Kommunikationsmanagerin einer Rüstungsfirma mit ihrer «Vision» zu Wort: Ein Themenpark der Erinnerung soll historische Kommunikation zukunftsorientiert gestalten, jenseits aller Faktenlagen und mit einem Erinnerungsdesign speziell für Deutschland. Schauspielerin Julia Franz Richter mimt eine Reiseleiterin, die durch bereinigte Erinnerungslandschaften führt und die massenhaft praktizierte Ausbeutung durch NS-Zwangsarbeit – eingebettet in einer bewegten Firmengeschichte – präsentiert. «Bereinigung I» schildert eine Begegnung des Filmteams auf dem Gelände Flurstück 909 des ehemaligen NS-Zwangsarbeitslagers in Ottobrunn bei München mit dessen neuem Besitzer. Dieser verfolgt das Ziel, die erhaltenen Mauern und Kellerräume des Lagers zu beseitigen, um eine Gewerbehalle zu errichten. Beide Eingriffe – Abriss und Neubau – werden ohne Genehmigung, aber unter der Verwaltung der Behörden vollzogen. «Bereinigung II» gibt Franz Wanners Wortwechsel über die Beseitigung der Bausubstanz des früheren NS-Zwangsarbeitslager mit den zuständigen Behörden wieder. Das Amt für Denkmalpflege äussert die begründete Vermutung, dass es sich bei den erhaltenen Kellern um Bodendenkmäler handelt, opfert sie dennoch den Profitabsichten der ansässigen Global Player und der lokalen Standortpolitik. Wanners Werk «Flurstück 909» kombiniert Tonspuren der Videos «Bereinigung I–II» und «From Camp to Campus». Der Titel des Ambient-Loops nimmt Bezug auf das Flurstück 909 der Gemeinde Taufkirchen mit der Gemarkungsnummer 098705. Dieses Gelände eines ehemaligen NS-Zwangsarbeitslagers und seine erhaltene Bausubstanz gehörten nach dem Zweiten Weltkrieg der Bundesrepublik Deutschland (BRD). 1993 gab die BRD die Eigentumsrechte an ein Immobilienunternehmen ab, das das Gelände einem Privatkäufer überliess.

Ausgehend von einer Plexiglas-Schutzbrille eines Zwangsarbeiters im KZ Sachsenhausen rückt Franz Wanner verdrängte Verflechtungen von Museen, Wirtschaft und Politik in den Blick. Die Ausstellung im Münchner Lenbachhaus macht Kontinuitäten sichtbar, die gängigen Selbstbildern der Bundesrepublik Deutschland widersprechen.

«Franz Wanner: Eingestellte Gegenwarten», bis 19. Juli, Lenbachhaus, München.
www.lenbachhaus.de

 

Gundula Madeleine Tegtmeyer