Analyse 25. Sep 2026

Ein Jahr Schweigen, 25 Minuten Applaus

Szene aus dem Film «NAZA».

Ein 80-Minuten-Film wühlt Israel auf, obwohl er kaum etwas Neues enthüllt; der Dokumentarfilm «NAZA» über Soldaten der Eliteeinheit 8200 – eine analytische Nachlese von Israels Filmregisseur Ari Folman.

1. Unmittelbar nach dem 7. Oktober und während des gesamten Jahres 2024 befürworteten mehr als 80 Prozent der israelischen Juden die vollständige Zerstörung des Gazastreifens. In denselben Umfragen gaben diese Menschen an, dass Israel nicht verpflichtet sei, sich an das Völkerrecht – im Sinne dieser Diskussion an die Haager Konventionen – zu halten, und die meisten waren der Ansicht, dass Israel im Gazastreifen nicht genügend militärische Gewalt anwende.

Im selben Zeitraum traten israelische Minister mit Parolen auf, in denen sie erklärten, Israel solle «eine Atombombe auf den Gazastreifen werfen», und dass «es im Gazastreifen keine unschuldigen Menschen gibt, sondern dass es sich bei allen um Nukhba-Terroristen handelt, einschliesslich Babys und einjähriger Kinder».

2. Im Laufe des Jahres 2025 sank dieser Anteil auf 67 Prozent der israelischen Juden, die der Meinung waren, dass Gaza zerstört oder – um es mit einem israelischen Ausdruck zu sagen – «dem Erdboden gleichgemacht» werden sollte.

Medien berichten nicht
3. Während des gesamten Krieges wurden die Israelis nie mit den Geschehnissen in Gaza konfrontiert, es sei denn, sie bemühten sich bewusst darum, das Bildmaterial auf Al Jazeera oder in den sozialen Medien zu suchen. Die überwiegende Mehrheit unternahm keine solchen Anstrengungen und zeigte wenig Interesse daran, was die israelische Armee in Gaza tat.

Die meistgesehenen Fernsehsender – der öffentlich-rechtliche Sender Kanal 11, die kommerziellen Sender 12 und 13 sowie natürlich der regierungsnahe Kanal 14 – weigerten sich konsequent, Bildmaterial zu zeigen oder Zahlen zu veröffentlichen, die die Massenmorde in Gaza dokumentierten. Stattdessen wurden Tausende von Stunden an Dokumentarmaterial über die Gräueltaten vom 7. Oktober ausgestrahlt – ein fast endloser und zuweilen unerträglicher Strom aus Mord, Vergewaltigung und Plünderung, der natürlich weiterhin ein scheinbar unerschöpfliches Verlangen nach Rache schürte.

Vor etwa einem Jahr, noch bevor die letzten Geiseln freigelassen worden waren, wurde ein interner Austausch in einer Whatsapp-Gruppe zwischen Journalisten veröffentlicht, die an Israels meistgesehener Wochenend-Aktualitätssendung, Ulpan Shishi, auf dem meistgesehenen Fernsehsender des Landes, Kanal 12, arbeiteten. Eine der Journalistinnen schlug vor, man solle damit beginnen zu zeigen, was in Gaza geschah. Zu diesem Zeitpunkt schoss die IDF auf Menschen, die in Schlangen auf humanitäre Hilfe warteten. Ihr Vorschlag wurde vom Redakteur sofort und unmissverständlich zurückgewiesen, der ihr sagte: «Wir wissen, was in Gaza geschieht, aber nachdem wir gehört haben, was sie den Geiseln angetan haben, sehe ich keinen Sinn und keinen Grund, darüber zu berichten.»

Und damit endete die Diskussion.

Unbestritten bleibt jedoch, dass die überwiegende Mehrheit der 7,5 Millionen israelischen Juden nicht über die Aktionen der israelischen Armee in Gaza informiert wurde, während ein Grossteil von ihnen die Zerstörung Gazas befürwortete.

Nichts Neues
4. Fast alles, was in dem Film «NAZA» enthüllt wurde, war bereits mehr als ein Jahr zuvor von einem seiner Regisseure, Yuval Abraham, im Podcast der unabhängigen Nachrichtenseite Local Call (Sikha Mekomit) veröffentlicht worden.

Diese Seite gehört zusammen mit dem +972 Magazine und The Hottest Place in Hell zu den wenigen unabhängigen Nachrichtenmedien in Israel. Sie finanzieren sich durch Spenden und sind neben Haaretz wahrscheinlich die einzigen Orte in Israel, an denen man zuverlässige Berichterstattung über den Krieg im Gazastreifen sowie über Unterdrückung und ethnische Säuberungen im Westjordanland erhalten kann.

Bereits vor einem Jahr beschrieb Yuval Abraham schon bis ins kleinste Detail die Frage der Kollateralschäden in Gaza. Ich erinnere mich, dass ich mir diesen Podcast angehört habe und sprachlos war. Ich schickte den Link an zwanzig enge Freunde. Jeder Einzelne von ihnen hörte ihn sich aufmerksam an, und dann verschwand er einfach aus dem öffentlichen Diskurs, als hätte es ihn nie gegeben.

Die Veröffentlichung von Informationen über Kollateralschäden während des Krieges in Echtzeit löste keinerlei Aufsehen aus.

Nichts.

Keine Reaktion. Keine Kritik.

5. Die in «NAZA» interviewten Mitglieder der Einheit gehören alle zur Einheit 8200. Es handelt sich um eine Geheimdiensteinheit, wahrscheinlich die grösste innerhalb der IDF, doch ihr Image in der israelischen Gesellschaft ist das eines Elitekorps, das aus aussergewöhnlich klugen und begabten jungen Menschen besteht, die anspruchsvolle Auswahlprüfungen bestanden haben. Sie gelten als Teil der Elite der israelischen Gesellschaft.

Sie kriechen nicht durch den Schlamm von Gaza und bergen keine Leichen aus zerstörten Gebäuden. Sie sitzen in klimatisierten Büros im Raum Tel Aviv und üben ihre Macht mit ihrem Verstand und mithilfe künstlicher Intelligenz aus.

Wenn man in Israel mit seinem Kind prahlen will, sagt man: «Mein Kind ist bei der 8200.»

Es ist auch allgemein bekannt, dass viele der grossen israelischen Start-ups und insbesondere einige der spektakulärsten Exits und grössten Übernahmen von Absolventen der Einheit 8200 ins Leben gerufen wurden.

Die Tatsache, dass die in «NAZA» interviewten Personen Mitglieder der Einheit 8200 waren, war einer der Auslöser für die beispiellose, gewalttätige und völlig unverhältnismässige Reaktion auf den Film.

Wie konnten Mitglieder dieser Eliteeinheit im Hinterland an all dem beteiligt gewesen sein, was im Film beschrieben wird? Und wie konnten die allerbesten unserer Kinder bereit sein, solche Geheimnisse über die Armee und den Staat preiszugeben?

Die blosse Vorstellung davon war unvorstellbar.

Posttraumatische Reaktion
6. Während der hitzigen Debatte um «NAZA» wurde der moralischen Verletzung, unter der die Soldaten litten, die an diesem Krieg teilgenommen hatten, so gut wie keine Beachtung geschenkt.

Schätzungen zufolge leiden mehr als 100 000 Soldaten, Männer wie Frauen, darunter auch aus dem Gazastreifen zurückkehrende Reservisten, unter posttraumatischen Reaktionen. Zehntausende von ihnen leiden unter moralischen Verletzungen, die sich in ihrer einfachsten Definition etwa so ausdrücken lassen: «Ich habe an etwas teilgenommen, das sich moralisch nicht mit meinen Werten und Überzeugungen vereinbaren lässt.»

Moralische Verletzungen können eine Woche nach Kriegsende oder erst dreissig Jahre später zutage treten. Und man muss kein Infanterist an der Front sein, um sie zu erleben.

Man kann ein Drohnenpilot sein, der die Gesichter von Hunderten von Menschen gesehen hat, die er per Fernsteuerung getötet hat, und sie bis eine Sekunde vor dem Tod durch die Bombe beobachtet hat. Oder man kann ein Algorithmus-Operator oder Forscher in der Einheit 8200 sein, der ein Jahr nach seinem Ausscheiden aus der Armee begreift, dass man an etwas beteiligt war, mit dem man – im weniger schlimmen Fall – nicht gut leben kann, oder – im schlimmeren Fall – für das man sich zutiefst schämt.

Und dann …

Dann fängt man an zu reden.

Manche sprechen mit ihren Psychologen. Manche sprechen mit ihren Eltern. Und manche entscheiden sich dafür, mit Yuval Abraham und Rachel Szor in ihrem Film zu sprechen.

Die Armee erkennt moralische Verletzungen kaum an, und diese Menschen erhalten dafür kaum oder gar keine Behandlung. Es gibt viele unbestätigte Berichte über Selbstmorde infolge moralischer Verletzungen nach dem Gaza-Krieg.

Ja, diese Menschen waren den Schrecken des 7. Oktober ausgesetzt. Sie sahen das Massenmassaker beim Nova-Festival und in den Kibbuzim rund um den Gazastreifen. Sie haben das Geschehene verinnerlicht. Aber das macht sie nicht zwangsläufig zu Kriegsmaschinen, die darauf aus sind, unschuldige Menschen zu töten.

Sie halten sich für besser als die Nukhba-Terroristen, die uns angegriffen haben.

Dort beginnt die moralische Verletzung.

Dort liegt der Ursprung des Bedürfnisses, darüber zu sprechen.

Digitales Zeitalter
7. Im Zeitalter der KI, in dem über Fake News fast genauso viel diskutiert wird wie über das Dokumentarkino selbst, muss man mit dem Sturm rechnen, der folgen wird, wenn man einen Film veröffentlicht, in dem die Interviewpartner verborgen und ihre Stimmen elektronisch so verändert sind, dass sie wie völlig andere Menschen klingen.

Wenn man Feinde hat, die einen buchstäblich ermorden wollen, weil man einen Film gedreht hat, an den man glaubt, muss man auch verstehen, dass die Leute sagen werden, man habe das Ganze erfunden, wenn jedes Gesicht verborgen und jede Stimme verzerrt ist. Das ist fast schon eine Einladung zu einem beispiellosen Angriff.

Den beiden Regisseuren blieb nichts anderes übrig, als ihre Interviewpartner zu schützen. Diese Menschen waren der Gefahr einer massiven Kampagne gegen sie ausgesetzt, der Androhung körperlicher Gewalt und – wer weiss – vielleicht sogar der Gefahr, in die Verhörräume des Shin Bet geworfen und wegen Landesverrats verhört zu werden, wie es Minister der israelischen Regierung angedeutet hatten.

Die Interviewpartner schützten sich selbst, und die Filmemacher schützten sie. Doch damit setzten sie den Film gleichzeitig skeptischen Fragen hinsichtlich seiner Glaubwürdigkeit aus.

8. Es besteht kaum ein Zweifel daran, dass das, was den «NAZA»-Sturm wirklich entfacht hat, nicht – Gott bewahre – der Inhalt des Films war, sondern die 25-minütige Standing Ovation, die er bei den Filmfestspielen von Venedig erhielt und die als absoluter Festivalrekord bezeichnet wurde.

Die Standing Ovation brachte das Blut des Regierungslagers in Israel zum Kochen. Man sah darin sofort das Streben nach Ehre, Erfolg und Preisen. Was sie nicht sahen, war, dass Yuval und Rachel in erster Linie Aktivisten mit einer klaren politischen Agenda, mutige Kampagnenjournalisten und letztendlich Oscar-gekrönte Filmemacher sind.

Das Spektakel in Venedig hätte verhindert werden können und müssen. Einer der Regisseure hätte vor der Vorführung problemlos das Mikrofon ergreifen und das Publikum höflich bitten können, im Anschluss mit Schweigen statt mit Jubel zu reagieren, denn hier gibt es absolut nichts zu feiern.

Was wir hier sehen, ist eine Dokumentation von Tötungen, von der Zerstörung des Gazastreifens und vom Tod von 75 000 Bewohnern Gazas, darunter 20 000 Kinder und tausend Säuglinge. Ja, vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass ein Drittel der Getöteten «Nukhba»-Kämpfer waren, aber selbst dann waren zweifellos Zehntausende der Toten unschuldige Zivilisten.

Hier gibt es nichts, was mehr als 20 Minuten tosenden Beifalls wert wäre.

Es war ein Fehler.

Dümmste Rede
9. Jonathan Glazer und James Wilson sind die Produzenten von NAZA. Sie sind auch die Produzenten von The Voice of Hind Rajab, der im vergangenen Jahr in Venedig den Silbernen Löwen gewann.

Glazer ist ein brillanter Filmemacher mit einer einzigartigen filmischen Sprache, dessen Oscar-Dankesrede im vergangenen Jahr nach dem Gewinn für «The Zone of Interest» zugleich eine der dümmsten Reden war, die ich je gehört habe.

Glazer argumentierte, Israel dürfe die Erinnerung an den Holocaust nicht dazu nutzen, den Völkermord an einem anderen Volk zu rechtfertigen – womit er Gaza meinte.

Es war die Rede eines Juden aus Nord-London, der wenig Verständnis für die Innenpolitik des Staates Israel hatte. Hätte er diese verstanden, hätte er gewusst, dass die Regierung aus Binyamin Netanyahu, Itamar Ben-Gvir und Bezalel Smotrich die Zerstörung des Gazastreifens befürwortete und – im Falle von Ben-Gvir und Smotrich – die Idee vertrat, den Gazastreifen wieder jüdisch zu machen und dort Siedlungen wieder aufzubauen, nicht aufgrund einer Lehre aus dem Holocaust an den europäischen Juden, sondern aufgrund einer messianischen, biblischen Vision von Gross-Israel.

Das hat nichts mit dem Holocaust zu tun.

In der faschistischen Regierung, die derzeit Israel regiert, herrscht Unwissenheit, und es gibt keinen sinnvollen Zusammenhang zwischen dem Holocaust und der Besatzung. Die Tora ist weitaus bedeutender.

Glazers Rede hatte zudem etwas durch und durch Freudsches an sich – und das von einem Mann, der einen Holocaust-Film gedreht hatte, in dem praktisch keine Juden vorkamen, und dafür dann einen Oscar gewonnen hatte.

Jedes Mal, wenn er im Film den Klang des Krematoriums von Auschwitz einblendete, während sich im Haus von Rudolf Höss die Ereignisse abspielten, musste ich daran denken, dass in diesem Krematorium meine Grosseltern verbrannt wurden, zusammen mit meinen Onkeln, meinen Tanten und fast meiner gesamten Familie – alle ausser meinen Eltern, die das Inferno überlebten.

Rettung für Netanyahu
10. Letztendlich stellte ein achtzigminütiger Film ein ganzes Land auf den Kopf und wurde zum zentralen Thema der öffentlichen Debatte – vom Ministerpräsidenten bis hin zu verachtenswerten Politikern, die versuchten, auf der durch den Film ausgelösten Welle in Richtung der nächsten Wahl mitzureiten.

Der Film rettete Netanyahu vor der Welle der Kritik, die ihn überschwemmt hatte, nachdem der Emir von Katar verkündet hatte, er habe Netanyahu bereits vor dem 7. Oktober gewarnt, dass ein Massaker dieser Art tatsächlich bevorstehe.

Die fast unvorstellbare Welle, die «NAZA» auslöste, gab Menschen, die im Kunstbereich und insbesondere im Kino tätig sind, einen seltenen und vielleicht einmaligen Anlass zu der Überzeugung, dass es tatsächlich Filme gibt, die in der Lage sind, die Realität zu verändern.

Die 1800 israelischen Künstler, die eine Petition unterzeichnet haben, um die Regisseure Rachel Szor und Yuval Abraham zu unterstützen und ihre Sorge um deren Sicherheit und körperliches Wohlergehen zum Ausdruck zu bringen, beweisen, dass im Staat Israel noch nicht alles verloren ist. Vielleicht wird es möglich sein, neu anzufangen, wenn die derzeitige Regierung endlich in den Mülleimer der Geschichte verschwindet. 

Ari Folman