im Gespräch 15. Okt 2026

Die Utopie ist Gift

Ofer Waldman schildert den Zwiespalt vieler Israeli und blickt besorgt auf die Zeit nach Israels Wahlen.

Im Interview mit tachles spricht Ofer Waldman, Autor und Leiter des Israel-Büros der Heinrich-Böll-Stiftung, über den Zerfall einer gemeinsamen israelischen Erzählung und die Gefahr utopischer Visionen.

tachles: Sie sind mit dem Bild des «typischen Israeli» aufgewachsen – europäisch geprägt, demokratisch, Aufbauer eines Landes. Gibt es diesen Typus noch?
Ofer Waldman: Damals konnte man sich darunter vielleicht noch etwas vorstellen – mit vielen blinden Flecken, denn Israel war immer sehr heterogen. Heute ist Israel nicht gespalten, sondern zerbröselt – durch Dauerkrise, Krieg, gesellschaftliche Umbrüche. Und im Ausland fällt «typisch israelisch» immer häufiger in keinem guten Kontext.

Was ist an die Stelle des gemeinsamen Nenners getreten?
Es fehlt eine gesamtisraelische Erzählung. Siedlerbewegung, Ultraorthodoxe, die liberal-säkulare Community um Tel Aviv, die palästinensisch-israelische Community pflegen je eigene, maximal unvereinbare Narrative, im Narrativ sind wir bereits im Bürgerkrieg. Übrigens, als ich Ende der 1990er-Jahre nach Deutschland zog, erwartete man zudem oft die Rückkehr einer verklärten, in Israel konservierten deutsch-jüdischen Version. «Die neuen Tucholskys sind wieder da» – das hörten auch viele, die damals aus der Sowjetunion kamen. Das war amüsant.

Israel war, wie Sie in «Verkämpftes Land» schreiben, von Anfang an Kampfzone. Wo ist es vor dem 7. Oktober gekippt?
Mit dem Tod meines Vaters vor eineinhalb Jahren hat sich für mich eine Geschichte Israels verabschiedet, die noch eine zukunftsfrohe Vision trug. Mich beschäftigt die Wende von der utopischen, revolutionären Vision der Gründungsjahre zu dem, was daraus wurde. Den Samen der Dystopie verorte ich nicht im 7. Oktober, sondern in unzähligen Kinderliedern und Zeremonien, in denen Blindspots – zum Teil bewusst – gepflegt wurden. Die Generation meiner Eltern ritt auf dem Tiger des Nationalismus, im Irrglauben, er führe in eine gute Zukunft. Zugleich steckt die Bewunderung für das Projekt Israel auch in mir – eine Schizophrenie. Für mich war ein zentraler politischer und gesellschaftlicher Kipppunkt die Ermordung Rabins, dieser, wie meine Doktormutter Yfaat Weiss sagt, sehr kurze Bürgerkrieg: drei Schüsse, der Schütze gefasst, die andere Seite hat gewonnen. Die Gegenbeweise zu diesem utopischen Projekt tauchen seitdem immer sichtbarer auf.

Herzl sagte, die Utopie werde Realität. Ist der Zionismus heute zum Gift geworden?
Schon vor der Gründung Israels gab es Stimmen, die warnten, «der Jischuw», das brüchige jüdische Gemeinwesen vor der Staatsgründung, werde das sakrale Gewicht von Zion nie einlösen und irgendwann implodieren – vielleicht sehen wir das gerade. Mein Buch fragt aber nicht nach grosser Politik, sondern: Was macht es mit einem Kind, das Ende der 1980er-Jahre in einer Jerusalemer Schule Bilder gefallener Soldaten sieht, Heldenlieder hört und sagt: Jerusalem, wir haben dir Wächter bestellt, eines Tages werde ich einer von ihnen sein. Diese Utopie ist Gift. Heute wollen fanatische Faschisten, Messianisten, Islamisten von allen Seiten ihre Utopien verwirklichen. Das ist vielleicht die grösste Botschaft des 7. Oktober: dass die Irren auf allen Seiten ihre Utopie für greifbar halten – die Besiedlung des ganzen Landes, die Vernichtung Israels, einen dritten Tempel. Das ist die Realität vor meinem Fenster.

Sie sind für eine Leitungsstelle nach Israel zurückgekehrt. Wo würden Sie leben, wenn Sie frei wählen könnten?
Was würde passieren, wenn alle, die privilegiert genug sind, um Veränderung herbeizuführen, einfach gingen, während alle anderen bleiben müssen? Damit kann ich mich nicht abfinden. Yfaat Weiss hat mich mit einem Text von Karl Jaspers bekannt gemacht: Ein Volk haftet für seine Staatlichkeit. Als israelischer und deutscher Staatsbürger trage ich Verantwortung gegenüber beiden Gesellschaften – durch mein Schreiben, meine politische Tätigkeit, meine Position bei der Heinrich-Böll-Stiftung.

In «Gleichzeit», Ihrem Briefwechsel mit Sasha Marianna Salzmann, schreiben Sie von einem «süssgiftigen Wir». Wird das jüdische «Wir» national vereinnahmt?
«Wir» kommt mir schwer über die Lippen. Wenn ich «wir» sage, meine ich scherzhaft die Blechbläser – ich bin diplomierter Hornist. Der Anspruch, im Namen des jüdischen Volkes zu sprechen, ist äusserst problematisch. Jüdische Bürgerinnen und Bürger Deutschlands, der Schweiz oder der USA tragen keine Verantwortung für die israelische Regierung. Wenn überhaupt, dann alle Bürger Deutschlands, deren Vertretung jahrelang Kräfte aus Israel hofiert hat, deren Programm – Vertiefung der Besatzung bis zur Annexion, Aberkennung palästinensischer Menschenrechte – längst bekannt war. Zugleich ruft das israelische Demokratielager verzweifelt nach Hilfe von aussen. Dieses «Wir» kapselt sich ab, wird zu einer Art «Super-Sparta», abgekoppelt vom globalen Gespräch – auch von jungen Jüdinnen und Juden weltweit, die sich immer weniger mit dem identifizieren können, was sich dort abspielt.

In Israel ist ein Gesetz zu Nichtregierungsorganisationen in Arbeit, das Partnerorganisationen der Heinrich-Böll-Stiftung bedroht. Wie gehen Sie damit um?
Die Lage der Zivilgesellschaft wird seit Jahren schwieriger, verschärft seit dem 7. Oktober. Das Gesetz ist nicht verabschiedet, aber es ist bereits der fünfte oder sechste Anlauf. Käme es, träfe es alle ausländischen Institutionen, das Institut français, den Deutschen Akademischen Aussendienst, das Goethe-Institut. Deutschland gilt in Israel als eine der letzten befreundeten Nationen; deutsche Stiftungen behandelt man etwas sanfter. Mein Ansatz: Die Krise der israelischen Demokratie ist die globale Krise der Demokratie, die sich hier besonders heftig zeigt. Unser Büro soll kein Ort sein, wo Deutsche es besser wissen, sondern wo die israelische Zivilgesellschaft sich mit deutschen Partnern austauscht. Die Aktivistinnen und Aktivisten, jüdisch wie palästinensisch, verdienen unsere Solidarität, und wir können von ihnen lernen wie von Kollegen in Ungarn und Polen. Auffällig ist, dass mehrere politische Stiftungen hier von Personen mit israelischem Bezug geleitet werden, das hat viel mit der vermeintlichen Legitimität bestimmter Sprecherpositionen in Deutschland in Bezug auf Israel zu tun.

Steht Israel am Scheideweg zur autokratischen Demokratie – oder Schlimmerem?
Das israelische System wird einem Programm unterworfen, nämlich das Gebiet zwischen Jordan und Mittelmeer unter jüdische Souveränität zu stellen. Die sogenannte Justizreform schwächt Justiz, Zivilgesellschaft und Medien als Kontrollinstanzen, etwa gegenüber dem Terror der Siedlergewalt im Westjordanland, die Teile der Armee tolerieren und mitunter unterstützen. Der Abbau ging auch im Krieg weiter. Warum ich trotzdem schreibe? Man weiss nie, für welche Zeit man schreibt. Vielleicht, damit man später weiss, dass es Menschen gab, die sich auflehnten, Standing Together, Breaking the Silence, B’Tselem, Association for Civil Rights in Israel, dass dieses Land nicht ganz in Theokratie, Nationalismus und Militarismus versank. Europa soll laut und deutlich hören: Die Demokratinnen und Demokraten in Israel, jüdisch wie palästinensisch, brauchen tatkräftige Solidarität. Was hiesse es für Europas Selbstverständnis, würde Israel zu jenem «Super-Sparta», von dem auch Netanyahu gesprochen hat? Israel ist der Spiegel Europas, für Deutschland erst recht.

Israel hat bis heute keine Verfassung. Würde eine helfen, Minderheitenschutz, Gleichberechtigung, Trennung von Staat und Religion zu verankern?
Derzeit ist wieder von einer «dünnen» Verfassung die Rede, die zumindest die Spielregeln festlegt. Aber kaum etwas ist mehrheitsfähig, weder die Grenzen des Landes noch sein Selbstverständnis. In vielen Teilen der Gesellschaft herrscht ein grundlegend rassistisches, menschenverachtendes Verständnis gegenüber den Palästinensern. Erst wenn die Politik Verantwortung übernimmt, für das Wunder dieses Landes wie für den Schrecken der letzten Jahre, liesse sich vielleicht eine israelische, keine rein jüdische Verfassung schreiben, die auch die 20 Prozent palästinensischer Bürgerinnen und Bürger einbezieht.

Die Region hat Millionen traumatisierter Kinder hervorgebracht. Wie blicken Sie auf diese Generation – von Sderot bis Beirut oder Gaza?
«Haaretz» führte eine Karte der Kriegsschauplätze, auf der die Grenzen kaum sichtbar waren. Als ich meinen Wohnort im Norden darauf fand, keine 40 Kilometer vom Libanon, nahe Haifa, wo Raketen aus dem Libanon und dem Iran einschlugen, und daneben Marjajun oder Bint Dschbeil – da begriff ich diesen Landstrich als Einheit. Vielleicht ist das Wunschdenken eines Vaters dreier Kinder, der dieses Land liebt. Der 7. Oktober hat unsere Realität entgrenzt, aber die Dämonen, die seither durch das Westjordanland, Gaza, Sderot, Tel Aviv, Nazareth und Haifa ziehen, gab es schon davor. In den Schutzraum rennen zu müssen, verbindet meine Kinder mit jenen in Marjajun – nur gibt es dort kaum Schutzräume. Wenn die junge Generation eines Tages die Uniform abstreift und sich fragt, was sie getan hat, sehen wir in zehn Jahren vielleicht nicht die Realität des Westjordanlands als regionale Realität, sondern die des West-Eastern Divan Orchestra – eine Landkarte mit ganz dünnen Grenzen.

Was raten Sie Europa mit Blick auf Aufrüstung und Wahlerfolge extremistischer Parteien aus israelischer Erfahrung?
Wer in Israel aufwächst, kennt den Krieg als Geschwür, das ständig wächst. Seine Sprache und Denkweise breiten sich aus – in Kultur, Wissenschaft, Politik, zwischenmenschlichen Beziehungen. Ich bin kein Pazifist, Auschwitz wäre ohne die Rote Armee nicht befreit worden. Aber gerade wenn man Krieg führen muss, darf man seiner Logik nicht Zutritt zu allen Lebensbereichen gewähren. Irgendwann kämpft und kämpft und kämpft man – und hat den Sinn verloren, wofür. Dann ist der Krieg, egal wie er ausgeht, verloren. 

Yves Kugelmann