LYRIK 30. Apr 2021

Charismatischer Kauz

Eine Aufnahme von Erich Fried um das Jahr 1980 herum.

Der Blick auf Leben und Schaffen von Erich Fried anlässlich seines 100. Geburtstags zeigt den jüdischen Exil-Lyriker und Übersetzer von seiner persönlichen Seite.

Als politischer Poet heftig umstritten, wurde der seit 1938 im Londoner Exil lebende Österreicher Erich Fried mit «Liebesgedichte» ab 1979 zu einem der meistgelesenen deutschsprachigen Lyriker. In den letzten Jahren seines Lebens sorgte er durch seine Nähe zu einem verurteilten Neonazi für einen Skandal.

Am 21. Januar 1983 bahnte sich in Bremen eine Begegnung an, wie es sie so noch nicht gegeben hatte. Michael Kühnen (1955–1991), damals Wortführer der deutschen Neonazi-Szene, und Erich Fried (1921–1988), jüdischer Dichter und glühender Antifaschist, sollten beide in der populärsten deutschen Fernseh-Talkshow auftreten. Doch kurzfristig wurde Kühnen wieder ausgeladen. Während viele Gemüter sich daraufhin beruhigten, war die Überraschung gross, als gerade Fried erklärte, die Ausladung sei ein Fehler gewesen. Fried reagierte nach dem Rückzieher der TV-Verantwortlichen auf unerwartete Weise: Er suchte selbst den Austausch mit Kühnen. Über die Zeit entstand daraus eine Freundschaft. Die einen fanden Frieds Vorgehen spleenig oder naiv, die anderen verstörend oder gar gefährlich. Fried focht das nicht an. In seinem neuen Buch «Der Dichter und der Neonazi. Erich Fried und Michael Kühnen – eine deutsche Freundschaft» erzählt Thomas Wagner, wie sich die Beziehung zwischen dem jungen Verehrer von Adolf Hitler und dem emigrierten österreichischen Dichter, dessen Grossmutter 1943 in Auschwitz ermordet worden war, entwickelte. Er zeigt Erich Fried als Linksintellektuellen, der an die Möglichkeit und Notwendigkeit des politischen Austauschs glaubt, und als Verfechter einer offenen Streitkultur, die auch nicht zurückschreckt, wenn radikale Positionen aufeinandertreffen.

Exzentrische Häuslichkeit
Geboren am 6. Mai 1921, wuchs Erich Fried in Wien als Sohn eines schriftstellerisch ambitionierten Spediteurs auf, die Mutter entwarf Modellkleider und modellierte Plastiken, die sich gut verkauften. In der Vorschulzeit hatte Erich zahlreiche Auftritte mit einer Kinderschauspielgruppe auf verschiedenen Bühnen Wiens und beeindruckte dabei als «Wunderkind». Als Gymnasiast gründete er gleich im März 1938 mit Schulkameraden eine Widerstandsgruppe. Nachdem sein Vater im Mai an den Folgen eines Verhörs der Gestapo gestorben war, floh der 17-Jährige im August über Belgien nach London. 1939 bis Herbst 1940 arbeitete er als Bürogehilfe beim Jewish Refugee Committee. Während des Kriegs schlug er sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, zugleich schrieb er Gedichte, die ab 1941 in Londoner Exil-Anthologien erschienen. Anfang der 1950er-Jahre fand er eine Anstellung bei der deutschen Sektion der BBC, wo er bis 1968 tätig war. Zu dieser Zeit umgab ihn privat längst eine grosse Patchwork-Familie. Aus erster, 1944 geschlossener Ehe hatte Erich Fried einen Sohn, zwei Kinder aus der zweiten in den 1950er-Jahren, mit der dritten Frau bekam er drei weitere. 1965 hatte er in London zum dritten Mal geheiratet, die 29-jährige Literaturwissenschaftlerin und angehende Künstlerin Catherine Boswell (1936–2015). Sie war die Tochter eines säkular-assimilierten jüdischen Vaters, in deren Leben das Judentum keine besondere Rolle spielte. Die Beziehung zu ihrem 15 Jahre älteren Mann war, so beschrieb es Catherine Fried in ihrem Buch «Über kurz oder lang. Erinnerungen an Erich Fried», eine turbulente und in vielerlei Hinsicht polare, nicht nur äusserlich. Fried war, als sie sich Anfang der 1960er.Jahre kennenlernten, in Catherines Augen kein Adonis, ausserdem fand sie ihn ziemlich kauzig. In seinem «spiessigen» Haus bewahrte er Bücher auf «wie ausgesetzte Tiere», kulinarisch umgarnte er sie mit Knackwurstbroten, und er liess eine Graphologin entscheiden, ob Catherine zu ihm passte. Seine charismatische Art aber, seine Warmherzigkeit und Klugheit, machten das wett. Dennoch war die junge Gattin kaum gewappnet für die exzentrische Version von Hippie-Häuslichkeit, die auf sie zukam. «Hunderte Besucher», ganze Karawanen von Marxismus-Freunden, zogen wie Groupies durch das Haus oder quartierten sich gleich für Tage, Wochen, Monate ein. Auch Fritz Teufel, Mitglied der Kommune Eins, gehörte zu den Hausgästen, die bei den Frieds campierten, zum Abschied schenkte er eine Back-Performance. Und 1968er-Studentenführer Rudi Dutschke spielte Babysitter für die Fried-Kinder, damit Catherine an den feministischen Selbsterfahrungsgruppen teilnehmen konnte, die zu besuchen in den 1970er-Jahren zum guten Ton gehörte.

«Fast ein Kreuzzug»
In diesen Jahren wurde Fried, der längst wieder nach Österreich und Deutschland reiste und an den Treffen der Gruppe 47 teilnahm, zur Zielscheibe zahlreicher Anwürfe. Er schrieb Hörspiele, Erzählungen und Essays, übersetzte Dramen etwa von T. S. Eliot, galt als geradezu kongenialer, gefeierter Shakespeare-Übersetzer und als einer der prägenden Lyriker des Exils, dessen Poesie zum Wortspiel, zum Spruchhaften, neigte. Aber seine anklagenden Reden und Gedichte über Vietnam, Chile und Israel machten ihn auch zu einer höchst umstrittenen politischen Stimme. Insbesondere nach Veröffentlichung von «Höre, Israel!» (1974) wurde er als Antizionist, als jüdischer Antizionist heftig angegriffen. 1979 erschien sein Band «Liebesgedichte», dessen enormer und nachhaltiger Erfolg sein Werk als politischer Dichter fast zu überstrahlen begann. Doch die irritierende Freundschaft mit dem Neonazi katapultierte ihn mit Wucht auf die politische Bühne zurück. Nachdem Kühnen die Teilnahme an der Talkshow verwehrt worden war, setzte Fried sich vehement für dessen Rederecht ein. So begann die eigenartige Beziehung, die bis zu Kühnens Tod im Gefängnis anhielt. Die Briefe, die er während der Haftzeit mit Kühnen wechselte, waren für ihren Mann «fast ein Kreuzzug», meinte Catherine Fried. Schliesslich glaubte er, das Unmögliche geschafft zu haben: einen Rechtsextremen zu überzeugen, sich der Realität des Holocausts zu stellen.

Obwohl gesundheitlich stark angegriffen, war Erich Fried zuletzt die Hälfte der Zeit auf Lesereise, tourte kreuz und quer durch Europa. Für sein Werk bereits vielfach ausgezeichnet, erhielt er 1987 auch den Büchner-Preis. Im Gedenk-Herbst 1988 reiste er nach Deutschland, doch noch während der Dreharbeiten für eine TV-Sendung zum Thema «Reichskristallnacht 1938» am 3. November wurde der Krebskranke in ein Krankenhaus in Baden-Baden eingeliefert. Dort wurde er operiert und verstarb am 22. November. Bestatten liess ihn seine Frau in London. Nach seinem Tod stiftete das österreichische Ministerium für Kunst und Kultur den Erich-Fried-Preis. Er wird seit 1990 jährlich an Schreibende aus dem deutschen Sprachraum vergeben (in den vergangenen Jahren zweimal an Schweizer Autoren) und zählt zu den höchstdotierten Literaturpreisen des Landes – zu Ehren eines engagierten Schriftstellers, über den Marcel Reich-Ranicki in seinem Nachruf geschrieben hatte: «Dieser militante Poet war edel, hilfreich und gut» («Frankfurter Allgemeine Zeitung», 24. November 1988). Wie hatte es geschehen können, dass aus ganz normalen Jugendlichen überzeugte Nazis wurden? Diese Frage hatte Erich Fried bis zum Ende seines Lebens beschäftigt. Um die Antwort darauf zu finden, war er bereit, sich auf einen seltsamen Dialog einzulassen. «Wenn ich hoffen kann, dadurch diese Dinge zu desavouieren oder ihn vielleicht zweifeln zu machen», wie er sagte. Das tun zu können, war auch Ausdruck von Freiheit. In seinem Gedicht «Herrschaftsfreiheit» hatte er geschrieben, «Zu sagen ‹Hier herrscht Freiheit› ist immer ein Irrtum oder auch eine Lüge: Freiheit herrscht nicht.» Er nahm sie sich. 

Katja Behling