In seiner Serie «Briefe von der Front» spricht der israelische Filmemacher Ari Folman mit dem Archäologen Yoni Mizrachi über die Archäologie als politisches Machtinstrument.
tachles: Wie sind Sie auf das Verhältnis zwischen Archäologie und Politik aufmerksam geworden?
Yoni Mizrachi: Ich verfolge langfristige Prozesse, die die Geschichte eines bestimmten Ortes mit historischen Funden verknüpfen und aufgrund dieser Geschichte nach und nach Anspruch auf diesen Ort erheben. Das geschieht überall auf der Welt. Selbst in Dänemark, wo ich kürzlich zu Besuch war, gibt es Versuche, die Wikinger als historisch und ausschliesslich zum dänischen Volk dazugehörig darzustellen. In Japan und Deutschland gab es ebenfalls Versuche, archäologische Überreste zu nutzen, um nationale Kontinuität zu beweisen und zu suggerieren, dass die Deutschen beispielsweise ein einheitliches Volk seien, trotz der Vorstellungen des 19. Jahrhunderts, die die Unterschiede zwischen verschiedenen deutschen Bevölkerungsgruppen betonten. Aus einer breiteren Perspektive betrachtet, kristallisiert sich in der Beziehung zwischen Archäologie und politischer Autorität eine zentrale Idee heraus, nämlich wie sich eine Einwanderergesellschaft zur Vergangenheit des Landes verhält, in das sie eingewandert ist.
Wo beginnt diese Geschichte in Israel?
Wir müssen uns daran erinnern, dass 90 Prozent der Israelis seit nicht mehr als fünf oder sechs Generationen hier sind. Die meisten der israelischen Juden sind Einwanderer, Kinder von Einwanderern oder Enkelkinder von Einwanderern. Im Laufe der Geschichte wurden Juden aus den Orten vertrieben, an denen sie geboren wurden, was schliesslich die jüdische Einwanderung ins Land Israel ermöglichte. Wir leben in dem Glauben, dass wir an diesen Ort, ins Land Israel, gekommen sind, weil es uns gehört. Unsere Geschichte besagt, dass hier vor mehr als 2000 Jahren etwas geschah und wir Teil davon waren. Deshalb gehört dieser Ort uns. Doch wenn man logisch darüber nachdenkt, fragt man sich: Wie kann es sein, dass wir diesen Ort als Juden fast 2000 Jahre lang verlassen haben und dennoch glauben, dass wir allein seine Eigentümer bleiben? Als der Zionismus aufkam, bediente er sich sehr schnell der nationalen Archäologie, um zu beweisen, dass dies tatsächlich das Land unserer Vorfahren war. Und das galt für jede Form des Zionismus. Es galt auch für die Kibbuzim, für alle ohne Ausnahme.
Könnten Sie den Aspekt der Kibbuzim erläutern, denn das ist mir neu.
Meines Wissens begann es mit den Ausgrabungen im Kibbuz Beit Alpha. Dort gab es sozialistische Kibbuz-Mitglieder, vielleicht wäre es sogar fair, sie als Marxisten zu bezeichnen, die sich bewusst von der Religion distanzierten. Sie begannen mit den Ausgrabungen und entdeckten eine Synagoge auf dem Land, das dem Kibbuz gehörte. Da sie nicht religiös waren, fragten sie sich: Welche Verbindung haben wir zu einer antiken Synagoge? Sie kamen zu dem Schluss, dass diese Synagoge von grosser Bedeutung war, weil sie einst auf ihrem Land stand und einen Beweis für ihren Anspruch auf dieses Land lieferte. Als der Staat Israel gegründet wurde, war es für Ben Gurion und andere wichtig zu zeigen, dass es einen guten Grund dafür gab, dass wir hier sind. Dort begann es und setzte sich fort durch eine Entwicklung der Interpretation, die schliesslich zu der Frage führt: «Warum sollte ich in Nablus oder im Westjordanland sein?»
Warum eigentlich?
Weil ich, wenn ich ausgrabe, Überreste entdecke, die beweisen, dass hier vor 2000 Jahren Juden lebten. Und genau das führt zu einer Situation, in der nationale Archäologie Teil eines Territorialstreits wird. Das ist unser Kampf. Was in Masada geschah, ist eine Sache, denn dies führte zu keinem Konflikt. Aber Jerusalem ist nicht Masada. Jerusalem existiert inmitten eines politischen Konflikts.
Bitte erklären Sie diese Entwicklung.
Wenn ich die Stadt Davids als archäologische Stätte ausgrabe, stelle ich fest, dass dort einst das biblische Jerusalem stand. Von dort aus bewegt sich die Erzählung in Richtung des zweiten Tempels und hin zur Idee unseres exklusiven Anspruchs auf diesen Ort. Doch Jerusalem wurde nicht allein von Juden gegründet. Es wurde von einer Zivilisation gegründet, die wir als kanaanitisch bezeichnen würden, und darüber herrscht weitgehende Einigkeit. Die Kanaaniter waren nicht Juden, und sie waren auch nicht die Palästinenser. Was wir also erzählen, ist eine selektive Geschichte. Wir erzählen nicht die Geschichte der Kanaaniter, die Jerusalem gründeten, wer sie waren und wofür sie standen. Stattdessen springen wir direkt zu König David und weiter zum zweiten Tempel.
Lassen Sie uns über die Auswirkungen sprechen, die diese Ausgrabungen auf die Palästinenser haben.
Die Stätte «Davidsstadt» befindet sich innerhalb des palästinensischen Dorfes Silwan, das nach dem Sechstagekrieg an Israel angegliedert wurde. Anfang der 1990er Jahre drangen Siedler nach Silwan vor. Man muss verstehen, dass für diese Siedler der Zionismus letztlich zum Bau des dritten Tempels führt, und bis dieser dritte Tempel gebaut ist, bleibt die Mission des Zionismus unvollendet. Wir leben in einer Zeit der Erlösung, insbesondere seit dem 7. Oktober 2023, und diese Erlösung wird nach dieser Sichtweise schliesslich den dritten Tempel bringen. Der Diskurs hat sich heute gewandelt. Er stützt sich zunehmend auf den biblischen Satz «Gedenke dessen, was Amalek dir angetan hat, und tilge ihn von der Erde.» Das ist das heutige Thema. Dann begannen die Siedlungsaktivitäten in Jerusalem. Der Anführer war David Beeri, der begann, mit der Altertumsbehörde zusammenzuarbeiten und Ausgrabungen zu finanzieren. Beeri gründete die Elad-Bewegung, was «zur Stadt Davids» bedeutet. Sie verfügen über beträchtliche Spendengelder und können den Bewohnern von Silwan Geld anbieten, wenn diese ihre Häuser verlassen. Die Altertumsbehörde, eine staatliche Institution, unterstützt letztendlich die Erzählung, die die Siedler fördern wollen, da sie von der Finanzierung abhängig ist.
Also beginnen sie mit den Ausgrabungen und betreiben gute Archäologie. Immer mehr Funde aus der hasmonäischen Zeit werden entdeckt. Und es funktioniert, denn es ist eine hervorragende Geschichte, und jeder hat das Gefühl, dass diese Geschichte ihm gehört, weil sie unsere Vorfahren betrifft.
Was wir jedoch in diesem Gespräch aufzeigen wollen, ist, wie die Archäologie die Landschaft selbst verändert.
In dem Moment, in dem jüdische Funde aus verschiedenen Epochen zum Vorschein kommen, werden die Ausgrabungen ausgeweitet und beginnen, mehr Raum einzunehmen. Zunächst verschwinden öffentliche Bereiche in Silwan, vielleicht ein Park oder ein Garten. Dann wird die Dorfquelle beschlagnahmt. Plötzlich werden Strassen gesperrt und die Menschen sind gezwungen, ihre Häuser auf anderen Wegen zu erreichen. Langsam, über viele Jahre hinweg, beginnen sich die Lebensbedingungen der palästinensischen Bewohner vor Ort zu verändern. Es verändert ihr Leben. Der Ort wird zu einem Touristenziel. Siedler beginnen, Häuser in der Gegend zu kaufen. Touristen kommen, und auch die Verhaftungen unter der lokalen Bevölkerung nehmen zu. Was meine palästinensischen Freunde in Silwan betrifft, gäbe es etwas, das ich ihnen sagen könnte, obwohl ich das niemals tun würde, denn genau das ist der Zweck dieser Ausgrabungen: «Euer Leben wird unerträglich, sowohl eures als auch das eurer Kinder. Ihr habt Mittel, man bietet euch Geld an, geht doch weg. Warum dieses Leid ertragen?» Es ist schrecklich, das zu sagen, denn dies ist ihr Zuhause. Doch genau das erwarten die Menschen von uns, dass wir es ihnen sagen. Ich würde so etwas niemals zu den Bewohnern von Silwan sagen.
Wohin sollte ein Bewohner von Silwan überhaupt gehen?
In Silwan handelt es sich nicht um Hirtengemeinschaften aus dem nördlichen Jordantal, die in Städte gedrängt werden, wo sie keinen Platz haben. In Silwan leben gebildete Menschen, erfolgreiche Menschen, Menschen mit Alternativen. Einige besitzen zusätzliche Staatsbürgerschaften. Aber sie sind mit diesem Ort verbunden. Und sie werden nicht gehen. Man bietet ihnen beträchtliche Geldsummen, damit sie ihre Häuser verlassen, aber ich glaube nicht, dass sie gehen werden.
In Zanuta, in den südlichen Hügeln von Hebron, sind sie gegangen.
Es ist ein kleines Dorf, in dem eine archäologische Ausgrabungsstätte praktisch direkt über der Gemeinde selbst angelegt wurde. Die Stätte stammt aus dem achten Jahrhundert vor Christus, aus biblischer Zeit, und ist sehr interessant. Dort gibt es Überreste aus der Eisenzeit.
Eine jüdische Siedlung?
Unmöglich zu sagen. Hören Sie, die Palästinenser, die 1948 nicht vertrieben wurden, leben grösstenteils auf archäologischen Stätten. Lod ist eine archäologische Stätte. Wer in Nablus lebt, lebt auf antiken Stätten. Die wenigen, die nach den Vertreibungen in Yafo geblieben sind, leben auf antiken Stätten. Ashkelon ist eine archäologische Stätte. Jedes existierende palästinensische Dorf ist eine archäologische Stätte. Es hört nie auf.
Haben die Palästinenser keine eigene archäologische Erzählung?
Doch, die haben sie, aber sie haben sie erst später entwickelt. Anfangs sagten sie: Warum sollten wir unsere Verbindung zu diesem Ort durch Archäologie beweisen müssen? Ich bin hier geboren. Ich gehöre hierher. Ihr Juden wollt etwas beweisen, dann beweist es. Ich habe keinen Bedarf dazu, ich war schon immer hier. Dann wurde ihnen klar, dass das nicht ausreichte, denn physische Beweise haben mehr Gewicht als spirituelle. Danach begannen die Palästinenser zu argumentieren, dass sie selbst die ursprünglichen Kanaaniter seien. Aber das zu beweisen ist ebenfalls problematisch.
Lassen Sie mich unsere Diskussion zu einem extremen Schluss führen. Archäologische Ausgrabungen werden zu einer natürlichen Ressource. Wenn ich als israelische Regierung Geld und Mühe in diese Ressource investiere, kann ich sie letztendlich nutzen, um jedes palästinensische Dorf aus der Landschaft zu tilgen.
Absolut. Erst kürzlich wurde zum Beispiel eine Siedlung namens Kfar Haetar auf einem palästinensischen Dorf mit demselben Namen errichtet. Das liegt eigentlich in einem Gebiet, in dem es Israelis verboten ist, sich niederzulassen. Doch die Siedler behaupten, dass es dort einst eine alte jüdische Siedlung namens Tartua gab.
Und sie graben dort aus?
Sie graben nicht aus. Sie siedeln sich dort an, um das angeblich unter der Erde liegende jüdische Dorf zu schützen – ein Dorf, das vielleicht eines Tages ausgegraben wird. Sie schützen die Ewigkeit. Ihr Argument gegenüber der Regierung lautet, dass sie sich dort ansiedeln, um zu verhindern, dass die dort lebenden Palästinenser die Altertümer zerstören. Und schliesslich endet es mit der Vertreibung des Dorfes, genau wie es in Zanuta geschehen ist.
Wir stehen in Sebastia, und selbst ich bin von diesem aussergewöhnlichen Ort fasziniert. Vor uns liegt eine prächtige Stätte, dominiert von einem grossen Innenhof und einem Forum aus der Zeit der römischen Herrschaft im Land Israel, mit wunderschönen Säulen, die noch immer stehen. Man kann sich fast vorstellen, wie Mitglieder der römischen Elite durch diese Räume schlenderten und über Fragen des Lebens und der Sterblichkeit nachdachten. Wie kam Sebastia nach so vielen Jahren wieder ins Gespräch?
Weil die derzeitige Regierung beschlossen hat, die Stätte in einen israelischen Nationalpark umzuwandeln und sie damit den Palästinensern zu entziehen und zum Eigentum der israelischen Regierung zu machen – zusammen mit all dem landwirtschaftlichen Land, das dem Dorf gehört, insgesamt 3,5 Quadratkilometer. Das ist hundert Jahre, nachdem amerikanische und britische Archäologen in den 1920er Jahren Sebastia entdeckt hatten. Sebastia birgt Überreste aus jeder Epoche und jeder Glaubensrichtung. Es gibt römische Überreste, byzantinische Überreste, Überreste aus der Zeit der Kreuzritter, und ja, es gibt auch Überreste aus der Zeit des Königreichs Israel. Es ist kein heiliger Ort in dem Sinne, wie die Höhle der Patriarchen ein heiliger Ort ist, aber es ist sicherlich ein historischer Ort.
Und was genau war das Königreich Israel? Gibt es direkte Beweise dafür, dass es ein jüdisches Königreich war?
Nicht unbedingt.
Und welche jüdischen Funde wurden hier entdeckt? Nicht, dass solche Funde die Annexion des Dorfes und seiner Ländereien rechtfertigen würden.
Ich glaube, hier sind mehr Emotionen als Fakten im Spiel. Sebastia lässt das wiederaufleben, was sich die Menschen als biblische Landschaft vorstellen. Dies kann die Landschaft sein, durch die Jesus wandelte, und ebenso die von David und Salomo und den Königen des alten Israel. Ich glaube, dass es letztlich das ist, was die Menschen hierherzieht.
Ist es die Bewahrung dieses biblischen Bildes, die die Menschen zu solchen Extremen treibt?
Ich glaube, Israelis tun sich schwer mit der Vorstellung, dass schöne Dinge den Palästinensern gehören könnten. Das nördliche Jordantal ist ein bemerkenswertes Beispiel dafür. Palästinensische Hirten mit einer Handvoll Ziegen schaffen es irgendwie, ganze Gruppen gegen sich aufzubringen, weil sie scheinbar eine Fortsetzung der biblischen Landschaft verkörpern. Die Gesamtfläche von Sebastia beträgt etwa 3,5 Quadratkilometer, bewohnt von mehreren tausend Einwohnern. Das entspricht in etwa der Landfläche, die die Regierung einem einzelnen Siedler gewährt, der einen privaten Bauernhof gründet. Dieser einzelne Siedler erhält eine Fläche, die der Grösse der Stadt Givatajim entspricht. Und aus Sebastia nehmen sie alles mit, hundert Jahre, nachdem Amerikaner hier eine interessante archäologische Stätte entdeckt haben. Ich sehe darin eine neue Stufe der Grausamkeit und Gewalt gegenüber den Palästinensern. Es ist die vollständige Zerstörung dieser Stadt. Die Zerstörung aller Lebensgrundlagen, sowohl des Tourismus als auch der Landwirtschaft. Nichts wird übrigbleiben. Keine Lebensgrundlage. Und das alles wegen einer archäologischen Stätte, die vor einem Jahrhundert ausgegraben wurde und deren Fundstücke zum Grossteil aus der Römerzeit stammen. Ich sprach ebenfalls mit dem Stadtratsvorsitzenden von Sebastia, Muhamad Azam, welcher sagte: «Diese Regierung agiert durch ihre eigenen Instrumente und durch ihre eigene Macht, insbesondere durch die Macht der Siedler. Sie arbeitet daran, die Siedler zufriedenzustellen und deren Bestrebungen zur Kontrolle palästinensischer Gebiete umzusetzen. Diese Kontrolle findet jedoch manchmal innerhalb von Gebiet C statt, manchmal auf staatlichem Land innerhalb von Gebiet C und manchmal auf archäologischen Stätten, wie es derzeit in Sebastia geschieht. Aber die Sache an sich ist klar: Siedlungen sind das Ergebnis von Entscheidungen der Besatzungsregierung. Wenn die israelische Regierung nicht wollte, dass die Siedlungsausweitung fortgesetzt wird, würde die Siedlungsausweitung nicht fortgesetzt werden. Der deutlichste Beweis dafür ist in Jabal Bayzid zu sehen. Vor etwa sechs Monaten wurde etwa vier Kilometer von der Siedlung Homa entfernt ein neuer Siedlungsaussenposten errichtet.
Was ist der Zweck der Errichtung dieses neuen Aussenpostens?
Sein Zweck besteht darin, palästinensische Gemeinden zu umzingeln und unter Druck zu setzen sowie ein demografisches Gleichgewicht im Westjordanland herzustellen. Sie sagen dies offen. Die israelische Regierung spricht von einem demografischen Gleichgewicht. Für jede palästinensische Stadt soll eine Siedlung errichtet werden. Der Zweck besteht darin, eine neue Realität zu schaffen, insbesondere eine, die das palästinensische Volk, die palästinensische Regierung und die palästinensische Führung davon abhalten soll zu glauben, dass es jemals einen geografisch zusammenhängenden palästinensischen Staat auf palästinensischem Land geben könnte.»