Die europäisch-jüdische Online-Revue «K. Les Juifs, l’Europe, le XXIe siècle» feiert fünf Jahre Bestehen und zeigt, wie schwer es liberaler Journalismus hat – ein Gespräch mit der Chefredaktion Stéphane Bou und Esther Offenberg.
tachles: Sie haben «K.» im März 2021 lanciert, mitten in der Pandemie. Wie fällt Ihre Bilanz nach fünf Jahren aus?
Stéphane Bou: Bald erscheint die 300. Ausgabe. Am Anfang stand eine Feststellung: Es fehlt an Informationen über die Lage der Juden in Europa. Wir alle nahmen an einem Seminar an der École des hautes études en sciences sociales zum Thema «L’Europe, les Juifs et la modernité» teil und wollten eine Revue auf zwei Beinen erstellen, einem journalistischen und einem akademischen – eine kleine zeitgenössische europäische «Encyclopaedia Judaica». Seit der ersten Nummer publizieren wir drei Artikel pro Woche, auf Französisch und Englisch. Dann ist die Aktualität auf unser Projekt geprallt: der Krieg gegen die Ukraine, in dem die Erinnerung an Nazismus und die Schoah zentral war; die Demokratiekrise in Israel, bei der wir miterlebten, wie Demonstrierende die Diaspora um Hilfe baten; und schliesslich der 7. Oktober, der die Geschichte der Revue vollständig verändert hat – und der 8. Oktober, also die Rezeption des Ereignisses. Wir hatten bereits viel über Antisemitismus in der Linken publiziert, über die Konkurrenz zwischen der Erinnerung eines Europa nach der Schoah und eines postkolonialen Europa, über Universitäten. Deshalb konnten wir sehr schnell reagieren. Innerhalb eines Monats hat sich unsere Leserschaft mehr als verdoppelt, und sie wächst seither. Gerade in Frankreich fanden sich viele in einem Diskurs wieder, den sie weder in anderen Medien noch in den jüdischen Institutionen hörten.
«K.» ist heute wohl die einzige jüdische Publikation in Europa, die völlig unabhängig von Organisationen ist. Wie führen Sie den Dialog über Israel zwischen israelischen, amerikanischen und europäischen Juden?
Stéphane Bou: Für die Diaspora ist Israel eine jüdische Tatsache, welche Form von Zionismus oder Antizionismus Juden auch vertreten mögen. Der Dialog mit Israel findet in den Köpfen aller Juden statt, selbst jener, die Israel ablehnen. Vor dem 7. Oktober sagten uns Israelis wie Amerikaner oft: Ihr europäischen Juden seid nur noch Krümel, was zählt, sind die USA und Israel. Für sie war Europa ein grosser jüdischer Friedhof und die jüdisch-amerikanische Symbiose das grosse Modell. Das sagen sie heute nicht mehr. Einer meiner damaligen amerikanischen Gesprächspartner sagte mir: «Was ich dir vor zwei Jahren gesagt habe, sage ich nicht mehr, denn in den USA passiert jetzt, was in Europa passiert.» Bei den Themen Linke, Dekolonialismus und Universitäten hatte Europa 20 Jahre Vorsprung – nach dem 7. Oktober ist es den Amerikanern um die Ohren geflogen. Seither schreiben viele amerikanische Forschende bei uns. Was Israel betrifft, geben wir vielen Forschenden und Akteuren des politischen Lebens eine Stimme, die uns die israelische Gesellschaft und Politik erklären können. Gerade haben wir ein sehr langes Gespräch mit einer bedeutenden israelischen Verfassungsrechtlerin publiziert – so detailliert hat das in der französischen Presse niemand gemacht. Dort gibt es nur Gute gegen Böse.
Esther Offenberg: Dieser Mangel an Nuancen in jüdischen wie nicht jüdischen Medien hat uns seit dem 7. Oktober leider enormen Auftrieb gegeben. Die Ausgaben auf Spanisch, Portugiesisch und Italienisch entstanden, weil Leute aus Gemeinden, Journalisten und Journalistinnen und Akademiker und Akademikerinnen auf uns zukamen und sagten: Ich möchte «K.» in meiner Sprache publizieren. Besonders interessieren sie nuancierte Kommentare zu Israel aus europäischer Perspektive.
In Ihrem Manifest beschreiben Sie die Juden als Seismografen der europäischen Gesellschaft. Wie sehen Sie ihre Rolle heute?
Stéphane Bou: Ein jüdischer Blick soll auch ganz Europa sichtbar machen. Die Juden waren die erste emanzipierte Minderheit der Moderne, ein Paradigma dafür, wie Nationalstaaten mit Minderheiten umgehen. Und nach der Schoah musste auf einem grossen jüdischen Friedhof ein neues Europa gebaut werden. Das vergessen viele. Wenn es seit 20 Jahren eine Krise um den Platz der Juden gibt, zeugt das von einer Krise der Politik in Europa. Deshalb wollten wir nie eine jüdische Revue für Juden sein, sondern eine für jeden aufgeklärten, liberalen Bürger. Während der Pandemie haben wir Dutzende Zoom-Gespräche mit Gemeinden in ganz Europa geführt. Sie waren sehr isoliert voneinander. In Italien leben etwa so viele Juden wie in Boulogne westlich von Paris, in der Schweiz wohl so viele wie in einem Pariser Arrondissement. Fast die Hälfte des europäischen Judentums lebt in Frankreich. Einen gemeinsamen Diskurs zu schaffen, ist schwierig. Aber seit dem 7. Oktober wächst das Bewusstsein, dass alle dieselbe Gewalt der Diskurse erleben.
Esther Offenberg: Wie Europa die Juden behandelt, sagt viel über den Zustand der Demokratie. Der Tod von Jürgen Habermas war eine grosse Erinnerung daran: Wo stehen die Juden, was bedeutet Europa heutzutage, welche Zukunft haben wir alle?
Stéphane Bou: Ein Beispiel: Vor wenigen Tagen lief die Fernsehdebatte zur Vorwahl der Sozialisten in Frankreich. Vier Kandidaten, zwei Juden, zwei Nichtjuden. In der Debatte über Israel, Gaza und den Genozidbegriff verlief die Front zunehmend zwischen den Juden und den Nichtjuden. Die Nichtjuden belehrten die Juden: Ihr müsst von Genozid sprechen, ihr müsst euch von Israel lösen. Das war erschreckend – als wäre die ganze Geschichte des französischen Sozialismus seit der Dreyfus-Affäre verschwunden.
Früher gab es grosse jüdische Stimmen, auch für Europa. Fehlen sie heute – oder ist das Nostalgie?
Esther Offenberg: Die Denkerinnen und Denker und Kommentatorinnen und Kommentatoren sind da, viele in «K.» und anderen Magazinen. Die Frage ist, wer ihr Publikum ist. Zugleich ist der Druck in der jüdischen Gemeinschaft gewachsen, Einheit zu zeigen. Manche überlegen: Diese Kritik kann ich nicht äussern, sonst gelte ich als Verräter oder werde in antisemitische Narrative hineingezogen. Hier kommt «K.» ins Spiel: als Raum, in dem man eine neue Stimme entdecken kann.
Stéphane Bou: Wenn ich nostalgisch bin, dann nach einer Zeit, in der Juden, die sich als Juden äusserten, nicht sofort in ein Kraftfeld von «wir gegen die anderen» gerieten. Vor dem 7. Oktober wurde Antisemitismus nicht als solcher anerkannt, man sagte den Juden: Ihr übertreibt. Das verhärtet Positionen. Wer öffentlich spricht, kann nicht alles sagen, ist auch zu jüdischer Politik zu Allianzlogiken gezwungen.
Ist das nicht ein Widerspruch zum Journalismus?
Stéphane Bou: Wir stecken selbst in Doppelbotschaften. Ich habe mich oft mit Alain Finkielkraut gestritten. Aber wenn ich an einem Abendessen höre, wie Leute ihn auf eine Weise kritisieren, die übel riecht, verteidige ich ihn. Wir wollten kein «Fanzine» für Gleichgesinnte sein. Die einen beschimpfen uns als Linksradikale, die anderen als «genozidale Zionisten». Wer Pluralismus will, muss aufpassen. Wenn wir grosszügig mit uns sind, nennen wir es Feingefühl. In Wahrheit ist es jüdische Politik: in der Mehrheitsgesellschaft überleben, Allianzen finden, verhindern, dass die Gemeinschaft zerbricht.
Die jüdische Gemeinschaft hat aber nie mit einer Stimme gesprochen.
Stéphane Bou: Das stimmt. Aber das ist nicht mehr der Familienstreit mit dem Onkel. Es gibt eine interne Krise von gewaltigem Ausmass. Eva Illouz sagte mir, die jüdische Welt erlebe seit dem 7. Oktober eine innere Krise, wie es sie seit Sabbatai Zwi im 17. Jahrhundert nicht gegeben habe. Beim Antisemitismus habe ich keine Angst, da sage ich alles. Schwierig ist Israel: der Zionismus und die Frage, wie Israel als moderne jüdische Tatsache alles verändert hat.
Ist die Antisemitismus-Definition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) die Grundlage Ihrer Arbeit?
Stéphane Bou: Im Streit mit der Jerusalemer Erklärung war für uns klar, dass die IHRA-Definition zu verteidigen ist. Eine Europaabgeordnete aus Emmanuel Macrons Partei sagte mir, unser Text dazu habe ihr geholfen, ihre Fraktion zu überzeugen. Für mich ist sie eine Minimalplattform. Das Problem ist, dass wir in einer Welt leben, die sie braucht.
Esther Offenberg: Viele würden sagen, die IHRA sei besser als nichts, aber nicht die richtige Definition.
Auch «Zionismus» ist ein toxischer Begriff geworden. Ist «K.» eine zionistische Plattform?
Stéphane Bou: Ich denke ja. Aber was heisst Zionismus? Sagen wir: kritische Zionisten, politische Zionisten, Zionisten, die über den messianischen, rechtsextremen Zionismus der jüngsten Koalitionen erschrocken sind.
Esther Offenberg: «K.» ist vielleicht kein explizit zionistisches Magazin, aber eine Plattform mit zionistischen Standpunkten, die ein weites Spektrum abbildet – Zionismus, Antizionismus, Nichtzionismus. Ein Text von Alexandre Journo hat viele berührt, darüber, wie schwer es für Jüdinnen und Juden geworden ist, sich angesichts dieser Etiketten frei zu bewegen.
In den USA ist die Entfremdung von Israel weiter fortgeschritten. Was erwarten Sie für Europa?
Stéphane Bou: Die junge Generation in den USA hat eine viel schwächere Bindung an Israel. Eine Gruppe wie Tsedek! umfasst in Frankreich vielleicht 100 Personen, in den USA sind es Zehntausende. In Europa haben viele Familie in Israel. Und im Körpergedächtnis der europäischen Juden ist verankert, dass nach 1945 viele in Europa keinen Platz fanden und nach Israel gingen. Ich kenne sehr diasporistische Juden, die den Antizionismus der letzten Jahre nicht ertragen und nun begreifen, welche Funktion Israel in der modernen jüdischen Geschichte hat. Aber Israel hat seit Jahren eine problematische politische Wende genommen. Progressive Juden sind hin- und hergerissen.
Viele Debatten wiederholen sich seit Jahrzehnten, während sich die Welt tief verändert. Was muss die jüdische Gemeinschaft verstehen?
Stéphane Bou: Die jüdische Welt scheint manchmal am Rand des Bruchs zu stehen. Unser Ziel ist, in dieser Krise den Anspruch auf Pluralismus zu halten. In Paris wird an den Schabbattischen diskutiert, ob man bei einer Stichwahl Jean-Luc Mélenchon oder Marine Le Pen wählen soll. Die moderne jüdische Erfahrung, hervorgegangen aus der Emanzipation, ist untrennbar mit der liberalen Demokratie verbunden – ausserhalb davon gibt es für Juden keinen Ausweg. Ich sehe Risse: Juden, die andere Juden Faschisten nennen, und Juden, die tatsächlich protofaschistisch sind und liberale Juden als naive Träumer verhöhnen. Wir versuchen, auf einem Grat zu bleiben und die Polarisierung nie für natürlich zu halten. Also werden wir von beiden Seiten beschimpft. Das ist ein gutes Zeichen und zugleich beängstigend. Wie stellt man, habermasianisch gesprochen, eine Ethik der rationalen Diskussion wieder her? Politik und Medien helfen uns nicht. Aber es ist unsere Pflicht.
Esther Offenberg: «K.» will eine kritische jüdische Stimme sein und allen Stimmen ein Zuhause geben, um mit den eigenen Positionen zu experimentieren. Das ist der Luxus eines unabhängigen Mediums.
Und wenn Frankreich 2027 zwischen Jean-Luc Mélenchon und Marine Le Pen wählen wird?
Stéphane Bou: Das wäre eine Katastrophe. Ich weiss nicht, was jüdisches Leben in Westeuropa ohne liberale Demokratie wäre. An den Familientischen stellt sich die Frage: Müssen wir gehen? Alija, Kanada, USA? Nicht unbedingt konkret, aber als permanente Angst.
Fünf Jahre «K.» in schwierigen Zeiten sind geschafft: Wie weiter?
Stéphane Bou: Zuerst müssen wir überleben, und das ist nicht gewonnen. Esther und ich verbringen die Hälfte unserer Zeit mit der Suche nach Geld; wir alle haben mehrere Jobs. Die Ausgaben auf Italienisch, Englisch, Spanisch und brasilianischem Portugiesisch entstanden jedes Mal auf Initiative von aussen. Wichtig wäre mir eine richtige deutsche Version, doch dafür fehlt uns noch ein gutes Team. Idealerweise kämen Hebräisch und Arabisch dazu, auch für einen Dialog mit liberalen arabischen Intellektuellen. Und seit dem 7. Oktober organisieren wir Begegnungen, Abende in Theatern mit 700 bis 800 Personen. Die Menschen wollen sich real sehen, nicht nur vor dem Bildschirm.
www.k-larevue.com