wien 15. Mai 2026

Von Generation zu Generation

CEJH-Präsident Randol Schoenberg bei seinem Referat zu böhmischen und mährischen Heiratsbewilligungen des 18. Jahrhunderts als Quelle für genealogische Informationen.

In Wien fand der erste Kongress des Vereins für zentraleuropäische jüdische Geschichte und Genealogie statt – um Genealogie als valables Mittel der Geschichtsschreibung ins Licht zu rücken.

Genealogie? Stammbäume? Ist das nicht etwas für Blaublütige und Hundeverkäufer? Für bleiche dubiose Stuhlhocker in fensterlosen Kellern der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (vulgo Mormonen) an veralteten Familysearch-Mikrofilmbildschirmen? Etwas für lächerliche Eingebildete, die sich mit einer Abstammung von König David brüsten, als sage es etwas über sie aus?

Genealogie beschäftigt sich mit dem Geflecht der Abstammungsketten und ihren dokumentarischen Quellen, erforscht familiäre Bande und stellt diese so gut wie möglich dar. In der Regel wird sie als zweitrangige Historische Hilfswissenschaft angesehen, etwas für private Familienforschung. Genealogie ist ein Phänomen, über das aus verschiedenen und auch widersprüchlichen Gründen gerne etwas die Nase etwas gerümpft wird. Ein nerdiger nordamerikanischer Freizeit-Trend?

Rekonstruktive Ordnungsform
Weit gefehlt. Genealogie als die wohl älteste rekonstruktive Ordnungsform der menschlichen Gemeinschaft strukturiert schon die Schöpfungsmythen, die Göttergenealogien der Veden ebenso wie den griechischen Götterwirrwarr mit seinen frivolen Promiskuitäten und die irdischen Stammlinien der jüdischen Überlieferung, die in der Thora festgehalten sind und bis zu Adam führen beziehungsweise von Adam ausgehen. Genealogie steht im Zentrum des jüdisch-christlichen Verhältnisses und stellt sein eigentliches Scharnier dar. Genealogie könnte neben Dichtung die ältere Historiographie sein.

Es ist kein Zufall, dass das sogenannte Neue Testament mit Genealogie beginnt. An seinem Anfang steht, etwas gestaucht, eine Klarstellung: «Dies ist das Buch der Geschichte Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams.» Gut, David war bekanntlich nicht Abrahams Sohn, aber man möge geflissentlich den Sinn verstehen: Dieser Jesus war also ein zünftiger Jude, und mit seiner daraufhin ausgerollten Abstammung macht sich das Christentum auch zum Erben seiner Vorfahren (denen es in der Folge 2000 Jahre ihre jüdische Geschichte gezielt abspricht). Es usurpiert eine Rückverbindung bis hinauf zum Schöpfungsmoment – denn was wäre eine Religion ohne Bezug zu einem Ur-Anfang?

Christliche Erfüllung
Diese Verbindung mündet nach dreimal 14 Generationen – auf umstrittene Weise – in die Krippe: « (…) Mattan zeugte Jakob. Jakob zeugte Josef, den Mann Marias, von der geboren ist Jesus, der da heisst Christus.» Zwar sollte Christus gerade nicht Josefs Sohn gewesen sein, aber eine schmucke Abstammungsliste war unabdinglich. Ohne die biblische Genealogie wäre das Christentum schwerlich zu dem Erfolg geworden, den wir kennen. Es präsentiert sich als die Erfüllung der jüdischen Prophetie.

Wir sehen, die Ahnenforschung hat nicht umsonst einen bisweilen zweifelhaften Ruf. Wie alles, kann auch sie instrumentalisiert werden. Dafür musste nicht einmal ein Hitler kommen, in dessen mörderischem System aufgrund von Grosseltern, oder noch weiter zurückliegenden Ahnen, über Leben und Tod entschieden wurde. Ahnenforschung war bei den Nationalsozialisten eine staatlich geförderte Obsession, und das nicht nur wegen des nötigen «Ariernachweises».

Geschichte und Genealogie
Was also trieb ehrbare Herren und eine Dame dazu, die Association for Central European Jewish History and Genealogy (CEJHG), den Verein für zentraleuropäische jüdische Geschichte und Genealogie, zu gründen und in Wien mit einer ersten Konferenz unter dem Titel «Parallel Paths, Shared Past – Jewish History and Genealogy in Central Europe» zu etablieren? Die jüdische Kultur als eine nomadische und migrantische, und eine, die den Bezug zur Prähistorie aufrechterhalten hat, baut ihre Kontinuität in besonderem Masse auf Brauch und Clan. Vertreibungen und Zerstörung machten Fortdauer zu einer mobilen Angelegenheit. Vorfahren wurden zum Beispiel gerne an dem Ort verzeichnet, dem man die grössten Überlebenschancen gab: dem Gebetbuch. Es ist kein Zufall, dass schon die Thora genealogische Angaben enthält. Denn Genealogie ist Geschichte. Und mit ihrer Hilfe lassen sich manche sonst verlorene Kontexte, Ereignisse, Bezüge und nicht zuletzt Verwandte wiederentdecken.

Der amerikanische Anwalt und Philanthrop E. Randol Schoenberg, Enkel der Komponisten Arnold Schönberg und Erich Zeisl, bekannt geworden als der Anwalt, der 2006 in einem Rechtsstreit mit dem Staat Österreich die Rückgabe von fünf Werken von Gustav Klimt für die rechtmässige Erbin Maria Altmann erstritten hat, darunter das als «Goldene Adele» bekannte Portrait von Adele Bloch-Bauer von 1907, war viele Jahre als Präsident und Unterstützer des Los Angeles Museum of the Holocaust tätig. Daneben ist er seit langem als passionierter Genealoge und Vorstandsmitglied von Jewishgen, der Recherche-Website für jüdische Genealogie, mit Verbündeten dabei, auf akribische Weise das aschkenasische Judentum Mitteleuropas zu rekonstruieren und eine Art genealogischer Landkarte des Judentums zusammenzusetzen. Der genealogische Dokumentarfilm «Fioretta» von Matthew Mishory zeigt Schoenbergs Reise von Malibu in Kalifornien durch europäische Archive nach Venedig zum ältesten belegten Grabstein einer der Linien seiner Vorfahren und umspannt ein halbes Jahrtausend.

Gründungsgeschichte
Schoenberg schildert, dass die Idee schon länger gärte. Der zum Historiker gewordene Wiener Geschäftsmann Georg Gaugusch, Autor des Nachschlagewerks «Wer einmal war» zum jüdischen Grossbürgertum Wiens und Vizepräsident der wissenschaftlichen Heraldisch-Genealogischen Gesellschaft «Adler» in Wien, besuchte genealogische Konferenzen in den USA und regte an, so etwas auch in Wien zu veranstalten. Während die Teilnahme in Amerika nachliess, wuchs in Europa das Interesse. Letzten Herbst gründeten sie mit Mattan Segev-Frank und Michael Laurence Miller, Direktor des Jewish-Studies-Programms an der Central European University, sowie der Historikerin Marie-Theres Arnbom, privat Gauguschs Ehefrau, die CEJHG.

In Mattan Segev-Frank, einem Israeli, der sich auf der Suche nach seinen in der heutigen Slowakei geborenen Vorfahren ebenfalls mit dem genealogischen Virus infiziert hatte, hat die Associaton einen engagierten Generalsekretär, der den Grossteil der anstehenden Arbeit im Zusammenhang mit der Konferenz erledigte. Um einen Film über seine neu entdeckte Verwandtschaft zu drehen, hatte er in Tel Aviv ein Filmstudium absolviert. Als bis dann mehrere der Menschen verstorben waren, die er filmen wollte, begann er, Jüdische Geschichte zu studieren – und stellte daneben eine mehr als 75 000 Personen umfassende dokumentierte genealogische Datei zusammen. Heute lebt er in Wien und hat sich mit der Organisation der Konferenz «Parallele Wege, gemeinsame Vergangenheit» vom 4. bis zum 6. Mai in Wien viel Anerkennung verdient. Im Gegensatz zu den amerikanischen Treffen, die eher wie «trade shows» funktionieren, fand hier eine Konferenz auf akademischem Niveau statt.

Mitteleuropäisches Judentum
Auf die Frage, warum sich der Verein auf Zentraleuropa und nicht auf Europa ausrichte, antwortet der Vorsitzende Schoenberg: «Wir wollten uns auf das Gebiet konzentrieren, mit dem wir uns beschäftigen, das sind vor allem die alten Habsburger Kronländer und ein paar anliegende Gebiete. Mit dieser Ausrichtung geht man sonst leicht unter, denn aus Osteuropa – der Ukraine, Russland oder Polen – wanderten frühzeitig viel mehr Familien aus, deren Nachfahren in den USA sich heute dafür interessieren. Aus den Kronländern Böhmen und Mähren fand keine so grosse Auswanderung statt und rund 90 Prozent der dortigen Juden wurden dann ermordet. Wir gingen daher in der Menge von jüdischen Historikern und Genealogen unter.» Dem wurde nun ein Ende gesetzt. Der Erfolg dieser Woche mit rund 100 Teilnehmenden bestätige, dass es viele gemeinsame Themen gibt und zahlreiche Interessenten.

Methodologischer Austausch
Doch geht es den Gründern auch um ein übergeordnetes Ziel – die Genealogie aus ihrer Verschupftheit herauszuholen. «Unsere Mission ist einfach, aber ambitioniert: Historiker, Genealogen und Enthusiasten aus aller Welt zusammenzubringen, um die jüdische Vergangenheit im Gebiet des früheren Habsburgerreichs und seiner Nachfolgestaaten durch multidisziplinäre Kooperation zu erforschen und zu bewahren.» Es geht darum, die Tendenz unter Historikerinnen und Historikern zu überwinden, die Forschungen der Genealogen als Hobby abzutun. Viele haben bei ihren Archivstudien grosse Mengen von Informationen angesammelt und bearbeitet und schreiben damit ebenfalls Geschichte. «Und die Genealogen müssen auch von den Historikern lernen und ihre isolierten Entdeckungen in einen weiteren Kontext einfügen», sagt Schoenberg. Durch die Verbindung kämen beide Seiten voran. Neue Databasen und Projekte sollen durch globales Networking dank dem CEJHG entstehen und leichtere Zugänglichkeit zu Quellen fördern.

Segev-Frank fügt hinzu: «Darüber hinaus scheint es mir offensichtlich, dass die Schaffung solcher Databasen auch weiter helfen wird, Opfer und Überlebende des Holocaust zu identifizieren und zu dokumentieren, mit ihrer Familiengeschichte und ihren Verbindungen, und damit dazu beizutragen, gegen Antisemitismus und Holocaust-Leugnung anzukämpfen, was leider in der heutigen Zeit von wachsender Bedeutung ist.»

Innerhalb gut eines halben Jahres sind über 100 Mitglieder dem Verein beigetreten. Die Teilnehmenden an der Konferenz, unter denen sich auch Vertreter grosser genealogischer Internetplattformen wie Myheritage oder Ancestry befanden, wurden zwar mit disparaten Fach-Beiträgen aus den heutigen Ländern Österreich, Ungarn, Slowakei, Ukraine, Tschechische Republik sowie Israel konfrontiert, doch teilen sie ein verbindendes Interesse an methodologischen Fragen, Quellen und Kontexten. Sie pflegten drei Tage lang einen intensiven Austausch, fanden entfernte Verwandte, beantworteten Fragen, ergänzten einander und stellten unbekannte Quellen vor. Und sie assen auf Einladung des Wiener Bürgermeisters Michael Ludwig gemeinsam im Ratshauskeller. Eine Community, die es so zuvor nicht gab, hat begonnen, sich zu bilden. Nächstes Jahr in Budapest.

Weitere Informationen unter https://cejhg.org.

Katarina Holländer