Ye, vormals Kanye West, bekannt als einer der grössten Rapper der Geschichte und Vertreiber von Hakenkreuz-T-Shirts, tritt in der niederländischen Provinz auf – jüdische Gruppen demonstrieren, Fans sind wenig beeindruckt.
Es geschieht nicht oft, dass Arnheim, beziehungsweise Arnhem auf Niederländisch, aus den Tour-Listen globaler Musik-Superstars herausragt. Dass die Stadt dort überhaupt auftaucht, verdankt sie dem Gelredome, einem Stadion mit rund 40 000 Personen Kapazität, auffällig viel für die mittelgrosse Stadt am Rhein, unweit der Grenze mit Deutschland gelegen. Genau dort trat mit dem US-amerikanischen Rapper Ye, vormalig Kanye West, am vergangenen Samstag und Montag dieser Woche eine der erklärten Legenden des Genres auf.
Absagen aus vielen Städten
Dass Arnheim damit im weltweiten Fokus landete, liegt allerdings weniger an Yes künstlerischem Status, sondern an den verbalen und musikalischen Tiefpunkten, mit denen er in den letzten Jahren auf sich aufmerksam machte. Allen voran sein Lied namens «Heil Hitler», veröffentlicht im Mai 2025 pünktlich zum 80. Jahrestag der deutschen Kapitulation. Dazu kommen sein Auftritt in einem «White Lives Matter»-Shirt; die Aussage, 400 Jahre Sklaverei seien «eine bewusste Entscheidung» gewesen; verschwörungstheoretische Posts mit antisemitischen Motiven und Hakenkreuz-T-Shirts in seinem Merchandising-Katalog.
Für die laufende Tour hat all das schwerwiegende Folgen: In London, Marseille, Basel, Chorzów und Reggio Emilia wurden die geplanten Auftritte Yes abgesagt. Die britische Regierung verweigerte dem Rapper genau wie die australische 2025 die Einreise. In Reggio Emilia entzogen die Behörden dem Konzert aus Bedenken um die öffentliche Ordnung und Sicherheit die Lizenz. Die Marseille-Show verschob Ye auf später, nachdem das französische Innenministerium bekräftigte, sie verbieten zu wollen. In Chorzów sagte das Stadion ab, nachdem die Regierung mit einem Einreiseverbot drohte. Dem Auftritt im St.-Jakob-Park wiederum schob der FC Basel einen Riegel vor.
Ausreisser Arnheim
Arnheim fällt aus dieser Reihe heraus, beide Auftritte fanden statt. Dabei mangelte es auch in den Niederlanden nicht an Stimmen, die sich im Vorfeld laut und vernehmlich dagegen aussprachen. Eine deutliche Mehrheit des Parlaments etwa, woraufhin die Regierung, eine Mitte-Rechts-Koalition, nach Aussage von Sicherheits- und Justizminister David van Weel nach Gründen suchte, dem Rapper die Einreise zu verweigern – trotz der «hohen Schwelle» vor einem solchen Schritt, für den «eine drohende Störung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit» vorliegen müsse.
Die Centraal Joods Overleg genannte Interessenvertretung jüdischer Organisationen im Land sah dieses Kriterium erfüllt und versuchte, die Konzerte, die unter der jüdischen Bevölkerung ein «Gefühl von Unsicherheit» auslösten, per einstweiliger Verfügung zu verhindern. Vergeblich: Das Gericht wies den Antrag ab. Die Regierung kündigte an, bei antisemitischen Aussagen Yes auf der Bühne einzugreifen. Die Stadt wiederum hatte schon zuvor eine Lizenz für die Shows erteilt. Zwar verurteilte Bürgermeister Ahmed Marcouch die «verwerflichen Äusserungen» des Rappers, die «verständlicherweise viel Aufregung und Reaktionen hervorrufen», doch auf der Grundlage persönlicher oder gesellschaftlicher Missbilligung könne er eben keine Massnahmen gegen die Konzerte ergreifen.
Protest von jüdischen Organisationen
Naomi Mestrum, Direktorin des in Den Haag ansässigen Informations- und Dokumentationszentrum Israel, ist über diese Gemengelage «sehr enttäuscht». Vor dem ersten Konzert letzten Samstag stand sie mit etwa hundert weiteren Demonstrierenden vor dem Stadion am Rand von Arnheim. Sie warf den Niederlanden Feigheit und Unfähigkeit vor, «eine moralische Grenze zu ziehen, während die uns umringenden Länder das sehr wohl können». Auch prangert sie die durchaus vorhandenen Positionierungen gegen Judenhass als reine Lippenbekenntnisse an: «Gibt es dann mal einen Moment, in dem man das mit Taten untermauern kann, versteckt man sich und lässt es doch geschehen.»
Verglichen mit den zehntausenden Konzertbesuchern in langen Warteschlangen war die Gruppe Demonstrierender, zusammengekommen nach einem Aufruf jüdischer Organisationen, verschwindend klein. Auf Schildern und Bildschirmen machten sie Yes Fans auf dessen Aussagen oder Textzeilen aufmerksam. «Der Künstler, den du sehen wirst, brachte ein Lied mit dem Titel ‹Heil Hitler› heraus», stand dort, oder «So I became a Nazi, Yeah Bitch». Zum zweiten Konzert kamen nur noch ein paar Dutzend, ausgestattet mit den gleichen Schildern und einer Botschaft, angelehnt an gegenteilige Versicherungen aus der Politik: «Offenbar gibt es in den Niederlanden doch Platz für Antisemitismus.
Inwieweit sie damit die Zielgruppe erreicht haben, ist fraglich. Über Yes regelmässig wirre und vor allem kontroverse Äusserungen nicht informiert zu sein, ist schlichtweg unmöglich. Wer zum Gelredome gekommen ist, hat eine Entscheidung getroffen, das restliche Werk des Rappers über dessen Ansichten und Aussagen anzusiedeln. Fans, die von niederländischen Medien zum Thema befragt werden, distanzieren sich von diesen durch die Bank und unmissverständlich. Vom Besuch abgehalten hat sie das aber offensichtlich nicht.
Öffentliche Entschuldigungen
Nicht unter den Tisch fallen darf bei einem genaueren Blick auf die Ereignisse freilich dies: Anfang des Jahres entschuldigte sich West mit einem ganzseitigen Brief «an diejenigen, die ich verletzt habe» im «Wall Street Journal» öffentlich für seine Aussagen. «Ich bin kein Nazi oder Antisemit», heisst es darin, und «Ich liebe jüdische Menschen». Verantwortlich für seine Aussagen sei die bipolare Störung, an der er als Folge eines Autounfalls vor gut 20 Jahren leide, und durch die er «den Kontakt mit der Realität verloren» habe.
Gemäss dem niederländischen Auschwitz-Komitee verhindert dies nicht, dass Yes Äusserungen existieren und weiterhin Wirkung haben. In einer Erklärung bezieht die Organisation deutlich Stellung, «nicht über die Person oder Musik eines einzelnen Künstlers, sondern über das Signal, das von zwei grossen Konzerten von jemand ausgeht, der sich wiederholt antisemitisch und pronazistisch geäussert hat».
Seine Besorgnis erklärt das von Überlebenden der Schoah gegründete Auschwitz-Komitee so: Wenn mehrere Instanzen unabhängig voneinander sagen, trotz Bedenken nicht eingreifen zu können, «entsteht dadurch ein Podium, auf dem Antisemitismus und Nazi-Verherrlichung normalisiert werden». Sowohl die Beweislast als auch die emotionale Belastung fielen damit zurück auf «die Gemeinschaft, die sich bedroht fühlt».
Normalisierung des Antisemitismus
Das besagte Podium ist damit durchaus treffend umschrieben: Die Abwägung der Fans, die Musik und ihre Wertschätzung vom Künstler und seinen Ansichten zu trennen, ist dabei ebenso zentral wie die Randlage, die das Thema Antisemitismus im gesellschaftlichen Diskurs eben immer noch hat – weil sich die Mehrheitsgesellschaft davon nicht betroffen sieht und nicht zuletzt, weil dieser darüber hinaus zunehmend relativiert wird. Entsprechende Vorwürfe müssen daher nicht unbedingt schockieren. Letzteres gilt im Übrigen zunehmend auch für die (Selbst-)Bezeichnung als Nazi.
Dass West in Arnheim auftrat, geschieht nämlich nicht im luftleeren Raum, sondern in einem gesellschaftlichen Kontext, in dem sich die Grenzen des Sagbaren immer weiter verschieben und verschoben werden. In dem ein harmloser Schlager wie «L´amour toujours» in «Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!» umgetextet und in der Folge erst heimlich, dann immer öffentlicher geträllert wird, anfangs noch mit den mildernden Umständen der Trunkenheit, inzwischen als selbstverständlicher völkischer Gassenhauer, auf der Dorfkirmes, beim Schützenfest und bei Geburtstagsfeiern. Kürzlich war sie auch so etwas wie die inoffizielle Hymne auf dem «Remigrationsgipfel» identitärer Gruppierungen in Portugal.
In den Niederlanden ist dies mit der Parole «eigen volk eerst» («eigenes Volk zuerst») vergleichbar. Diese wurde vor 20 Jahren noch eindeutig der extremen Rechten zugeschrieben, und ein öffentliches Bekenntnis dazu hätte durchaus soziale Ächtung nach sich gezogen. Heute hingegen gilt sie als Allgemeingut, ist bis weit in die Mitte der Gesellschaft konsensfähig und taucht just in diesem Frühjahr wie selbstverständlich auf den Protesten gegen die Unterbringung von Asylbewerbern überall im Land auf.
Erschreckend dumm
Ye fügt sich in diesen Kontext nicht nur ein, sondern treibt die entsprechende Dynamik auch selbst aktiv voran. Dass seine Aussagen inhaltlich nicht nur verwerflich, sondern auch extrem inhaltsarm, reflexhaft und geradezu erschreckend dumm sind – etwa «nigga Heil Hitler/ they don´t understand the things I say on Twitter» – ändert daran nichts. Ein Mann mit mentalen Problemen, der ausgezehrt vom Sorgerechtstreit um seine Kinder dann eben zum Nazi wird («so I became a nazi/ yeah bitch, I´m a villain») – einerseits erscheint das fast zu beschränkt, um sich damit überhaupt auseinanderzusetzen. Anderseits ist es ein weiterer Schritt der Normalisierung in einem Diskurs, der vor Hetze und Hypes, Menschenverachtung, Egomanie und Desinformation geradezu überquillt.
Der Arnheimer Bürgermeister Ahmed Marcouch fiel unterdessen mit einer Einladung an Ye auf, im Rahmen von dessen Aufenthalt in den Niederlanden gemeinsam das Nationale Holocaust Museum in Amsterdam zu besuchen und einen Kranz am Namenmonument in der Hauptstadt niederzulegen. Der Rapper antwortete nicht auf die Einladung.
Das Museum wiederum zeigte sich von der Initiative «unangenehm überrascht». Man wolle keine Bühne sein für die Korrektur von Yes beschädigtem Image, zudem hätte die Aktion einen «ungewünschten Effekt» auf andere Museumsbesucher, was die Integrität der Erinnerungsstätte in Zweifel ziehe. Um seine Ansichten zu verändern, benötige der Künstler ausserdem mehr als nur einen Museumsbesuch.