beschneidung 01. Apr 2026

Ein umstrittener Verzicht

Die Entscheidung, ihre Söhne nicht zu beschneiden, bringt für Eltern in Israel oft soziale Konsequenzen und emotionale Herausforderungen mit sich.

Die Debatte um Beschneidung zeigt, wie der jüdische Körper in Israel verhandelt wird – als Zeichen von religiöser Pflicht und nationaler Identität.

Das Recht des Kindes auf körperliche Selbstbestimmung ist ein zentrales Argument jener jüdisch-israelischen Eltern, die in Israel leben und sich gegen die Beschneidung ihrer Söhne entscheiden. In einem Land, in dem die männliche Beschneidung als selbstverständlich gilt, ist diese Haltung ungewöhnlich und umstritten. Während diese Eltern sich auf die Autonomie des Kindes und elterliche Verantwortung berufen, weist die Beschneidung in Israel darauf hin, dass der Körper eines jüdischen Jungen als kollektive Angelegenheit verhandelt werden kann, bei welcher Familie, Gemeinde und staatliche Institutionen gleichermassen mitbestimmen. Die Debatte um Beschneidung löst also die fundamentale Frage aus, wer und was entscheidet, was jüdisch ist – und wie ein jüdischer Körper beschaffen sein soll.

In der jüdischen Gesellschaft in Israel ist die männliche Beschneidung Norm. Ob ultraorthodox oder nationalreligiös, säkular oder atheistisch: Ein Sohn wird geboren, der Sohn wird beschnitten. Die Brit Mila folgt gleichsam auf die Geburt. Offizielle Zahlen zur Beschneidung gibt es in Israel nicht. Sicher ist, sich dagegen zu entscheiden, ist unüblich, unkonventionell, heterodox. Wer seinen Sohn nicht beschneiden lässt, entscheidet sich bewusst gegen eine Selbstverständlichkeit und damit gegen eine gesellschaftliche Erwartung.

Eine gewichtige Entscheidung
Während der letzten zwei Jahre habe ich 32 Interviews mit israelischen jüdischen Eltern geführt, die sich entschieden haben, ihre Söhne nicht beschneiden zu lassen. In diesen Gesprächen wurde schnell deutlich: Die Entscheidung gegen die Beschneidung ist alles andere als leicht. Sie ist mit grossen emotionalen Herausforderungen und weitreichenden sozialen Konsequenzen verbunden.

Adinah, eine Mutter zweier Söhne aus Jerusalem, sagte mir: «Es war eine der grössten Entscheidungen, die ich je getroffen habe», gross, im Sinne von gewichtig. Wie viele andere Eltern erinnerte sich auch Adinah an die damit verbundene Unsicherheit, an Zweifel und Zerrissenheit. Im Zentrum stand insbesondere die Sorge um die Zukunft des Kindes. Alle kennen sie: Geschichten – oder Mythen – von unbeschnittenen Jungen, die sich später alleine und stigmatisiert wiederfinden: gehänselte Jungen in der Schule, verzweifelte Teenager, gebrochene Soldaten. Gleichzeitig fürchten viele die Reaktion ihrer erweiterten Familie. Jene erleben die Entscheidung gegen die Beschneidung nämlich oft als Bruch mit Tradition und mit einem generationsübergreifenden Bedürfnis nach Kontinuität. Wenn die Entscheidung von solcher Tragweite ist, stellt sich die Frage: Warum entscheiden sich die Eltern dagegen? Warum fügen sie sich nicht dem, was «alle» tun?

Die Antwort der meisten Eltern ist eindeutig: nicht ohne Einwilligung meines Kindes. Sie beschreiben die Beschneidung als schmerzhaften, medizinisch unnötigen und dauerhaften Eingriff am Körper des Sohnes, für den es keine Dringlichkeit gibt. Diesen Eingriff wollen sie nur mit der Einwilligung des Sohnes vornehmen.

«Mein Körper gehört mir»
«Mein Körper gehört mir», sagt Galia, eine Mutter zweier Söhne aus Haifa, und fasst damit ihre Haltung in einem Satz zusammen. Ihr Sohn, so sagt sie, könne sich später immer noch beschneiden lassen – oder sich ein Tattoo stechen lassen; sie selbst sieht sich nicht berechtigt, diese Entscheidung für ihn zu treffen. Dieser Grundsatz wird in Israel vor allem in Schulprogrammen, Jugendbewegungen und NGOs verwendet, um Kindern ein Bewusstsein für körperliche Selbstbestimmung, Grenzen und Schutz vor (sexualisierter) Gewalt zu vermitteln. Sinngemäss lautet die Botschaft: Mein Körper gehört mir, ich darf Nein sagen, und Erwachsene müssen diese Grenze respektieren.

Für Galia ist dies keine abstrakte Parole, sondern eine Überzeugung, die ihre allgemeinen Haltung zur Erziehung ihrer Söhne widerspiegelt. Wie viele andere interviewte Eltern betont sie, dass ihre Erziehungsgrundsätze auf Dialog und Erklärung beruhen. Vor diesem Hintergrund empfindet sie es als Widerspruch, einen Eingriff vorzunehmen, den das Kind nicht versteht und dem das Kind nicht selbstbestimmt zustimmen kann. Autonomie ist nicht nur ein Ziel der Erziehung, sondern ein Prinzip, das von Anfang an gelten soll – auch und gerade in Fragen des Körpers.

Gleichzeitig zeigt gerade die Praxis der Beschneidung in Israel, dass körperliche Selbstbestimmung im sozialen Kontext an Grenzen stösst. Der Körper des Kindes wird nicht als persönliche Angelegenheit verstanden, sondern als Träger von Bedeutungen, die weit über das Individuum hinausgehen: Bund mit Gott, Zugehörigkeit zum jüdischen Kollektiv, Fortführung einer Familienlinie, Loyalität zum «jüdischen Volk» im jüdischen Staat. Wer hier Nein sagt, entzieht sich einem komplexen Geflecht kollektiver Erwartungen.

Beschneidung und jüdische Identität
Die Beschneidung steht in einem bemerkenswerten Verhältnis zu jüdischer Identität. Halachisch gesehen ist die Sache eindeutig: Jüdisch ist, wer von einer jüdischen Mutter geboren wurde oder eine Konversion gemäss der Halacha vollzogen hat. Beschneidung spielt in dieser religiös-rechtlichen Definition keine Rolle. Sie ist eine Mizwa, eine religiöse Pflicht, aber kein Kriterium für das Jüdischsein. Ein unbeschnittener Sohn einer jüdischen Mutter ist halachisch Jude, auch wenn er die Mizwa der Brit Mila nicht erfüllt hat.

In der Praxis aber verschmelzen jüdische Identität und Beschneidung auf eine Weise, die sich nicht auf halachische Definitionen reduzieren lässt. Für viele Jüdinnen und Juden ist der Zusammenhang so selbstverständlich, dass er sich kaum in Worten fassen lässt. Wie eine Rabbinerin im Interview sagte: «Beschneidung hängt ganz wesentlich mit der Gemeinschaft zusammen.» Die Beschneidung drückt Zugehörigkeit aus, bestätigt und markiert diese. Entsprechend berichten viele Eltern, dass die jüdische Identität ihres Kindes infrage gestellt wurde, sobald bekannt wurde, dass es unbeschnitten ist. «Also ist er nicht jüdisch?» – diese Frage hörten viele der Eltern, die ich interviewt habe. Hier geht es nicht um Gesetzestexte, sondern um kollektive Vorstellungen: Wer das zentrale Ritual der Zugehörigkeit nicht vollzieht, gilt vielen schlicht nicht als jüdisch.

Interessant wird dieser Zusammenhang im Vergleich zwischen Israel und der Schweiz. In der Schweizer Bevölkerung entspricht es der Norm, Jungen nicht zu beschneiden, und Beschneidung wird in Debatten über Beschneidungsverbote vor allem im Horizont von Religionsfreiheit und Kinderrecht diskutiert. Jüdische Eltern, die beschneiden wollen, sehen sich zunehmend mit einer kritischen Mehrheitsgesellschaft konfrontiert, die den Eingriff als problematisch oder überholt betrachtet. Sie müssen ihre Praxis erklären, rechtfertigen, verteidigen. In Israel ist es spiegelverkehrt: Hier ist Beschneidung die Norm, und die Entscheidung dagegen wird von vielen als Angriff auf jüdische Identität im jüdischen Staat erlebt. Jüdische Eltern, die nicht beschneiden, müssen sich gegenüber Familie, Gemeinde und Institutionen behaupten. In beiden Kontexten ist der Körper des jüdischen Jungen umkämpft – nur die Richtung des Rechtfertigungsdrucks ist eine andere.

Der Körper als Familienangelegenheit
Der Körper als Träger kollektiver Bedeutung zeigt sich nirgends so deutlich wie in den Reaktionen der erweiterten Familie. Viele Eltern berichten von groben Einmischungen, von emotionalem Druck bis hin zu offenen Drohungen. Ein Beispiel: Jerusalem, 2016. Hadar erwartet ihren ersten Sohn. Nach langem Abwägen beschliessen sie und ihr Partner, ihren Sohn nicht beschneiden zu lassen. Hadar kommt aus einer säkularen Familie, ihr Partner aus einer türkisch-marokkanischen, traditionellen Familie: Die grossen jüdischen Feiertage werden gefeiert, Kaschrut wird flexibel gehandhabt, und Schabbat spielt eine untergeordnete Rolle. «Wir dachten, das wird leicht», erzählt Hadar, denn ihre Familien würden sich generell nicht in ihre Angelegenheiten einmischen. Dem war aber nicht so. Die Eltern ihres Partners zeigten sich tief enttäuscht. Es stellte sich heraus, dass für sie die Brit eine Tradition ist, die weitergeführt werden muss. Über Wochen drehte sich jedes Gespräch mit der erweiterten Familie nur noch um die Beschneidung. Schliesslich wandten sich die Grosseltern an mehrere Rabbiner, die das Paar umstimmen sollten. Einer dieser Rabbiner, so erinnerte sich Hadar, versprach den werdenden Eltern sogar eine Playstation im Gegenzug für ihre Einwilligung zur Beschneidung.

In einem anderen Fall weigerte sich ein Grossvater, seinen unbeschnittenen Enkel überhaupt zu sehen – zwei Jahre lang gab es keinen Kontakt. Heute ist der Junge sechseinhalb Jahre alt, und der Kontakt wurde in der Zwischenzeit vorsichtig wieder aufgenommen. Doch bei jedem Besuch fragt der Grossvater die Eltern, wann sie nun endlich die Brit machen würden.

Diese Beispiele zeigen: Der Umgang mit dem Körper des Kindes wird nicht als ausschliessliche Verantwortung der Eltern gesehen – und noch weniger als Angelegenheit des Kindes selbst. Er gehört, symbolisch gesehen, der ganzen Familie. In ihm verdichten sich Erwartungen und unausgesprochene Vorstellungen über Kontinuitäten, Zugehörigkeit und Jüdischkeit. Gerade daraus erwächst das Gefühl, über ihn mitbestimmen zu dürfen – ja, zu müssen.

Gemeinde und Staat
Auch religiöse Gemeinden und der Staat mischen mit, wenn es darum geht, was mit dem Körper des Kindes geschieht. In Israel wird dieser Zugriff besonders deutlich, weil hier religiöses Recht, Gemeindepraxis und staatliche Regelungen eng ineinandergreifen.

In Israel wird die religiöse Praxis vor allem durch orthodoxe Strömungen geprägt, insbesondere durch das nationalreligiöse und das ultraorthodoxe Judentum, die die Beschneidung als religiöse Pflicht und unverzichtbares Bundeszeichen verstehen. Doch auch ausserhalb der Orthodoxie gilt in allen religiösen Richtungen des Judentums die Brit Mila als zentraler Bestandteil religiöser Identität und als grundlegender Ausdruck jüdischer Zugehörigkeit. Selbst das Reformjudentum, das sich als besonders inklusiv versteht – mit Rabbinerinnen, gemeinsamem Gebet von Frauen und Männern, queeren Ritualen und der Möglichkeit gleichgeschlechtlicher Trauungen – hat die Beschneidung nie offiziell aufgegeben.

Konkret wirft das Fragen auf, die von niemandem klar beantwortet sind: Können unbeschnittene jüdische Kinder in diesen Gemeinden alle Rituale vollziehen – etwa Bar Mizwa oder Trauung oder eine Beerdigung nach jüdischem Ritus? Die Antwort hängt weniger von formalen Beschlüssen als vom jeweiligen Rabbinat und Gemeindevorstand ab. Die offizielle Theologie erklärt zwar, dass die jüdische Identität nicht an der Beschneidung hängt – in der gelebten Praxis wird der jüdische Körper jedoch bis tief in progressive Kreise hinein eng an die Brit gebunden.

Noch weitreichender sind die Folgen dort, wo nicht Gemeinden, sondern der Staat entscheidet, welcher Körper als jüdisch gilt. Der Einfluss des Staates auf den jüdischen Körper wird dort besonders deutlich, wo der jüdische Status des Kindes oder eines Erwachsenen von einer Konversion abhängt. Ein israelischer Junge, dessen Mutter nach halachischer Definition nicht jüdisch ist, muss sich einer vom Oberrabbinat anerkannten Konversion unterziehen, wenn er als jüdisch gelten soll. Diese Konversion setzt bei Jungen eine Beschneidung voraus. Für Eltern, die eine Beschneidung ablehnen, gibt es in Israel keine Möglichkeit, ihrem Sohn den vom Oberrabbinat anerkannten jüdischen Status zu verschaffen. Das hat konkrete Folgen: In Bereichen, die in Israel dem Religionsrecht unterstehen – vor allem Eheschliessung und Scheidung, wie auch die Bestattung auf öffentlichen Friedhöfen – bleibt ihm der Zugang verwehrt. Ein Adoptivsohn eines interviewten Paares, dessen biologische Mutter keine Jüdin ist, wird in Israel beispielsweise nicht heiraten können, weil seine Eltern die Beschneidung verweigert haben. Hier wird der beschnittene Körper zur Voraussetzung für staatlich anerkannte jüdische Zugehörigkeit – und damit für den Zugang zu zentralen gesellschaftlichen Institutionen.

Bei nicht israelischen Konvertiten ist der Zusammenhang noch folgenreicher: Ein nicht israelischer Mann, der zum Judentum konvertieren und anschliessend Alija machen möchte, braucht eine anerkannte, in der Praxis orthodoxe Konversion. Diese setzt, wie im obigen Beispiel, die Beschneidung voraus. Aber in diesem Fall sind die Konsequenzen noch höher: Ohne Beschneidung keine Konversion, ohne Konversion kein «Recht auf Rückkehr» und keine israelische Staatsbürgerschaft. In diesem Fall bestimmt der Staat über die Körper von Menschen, die Teil des «jüdischen Volkes» werden möchten – und verknüpft Zugehörigkeit zur Nation direkt mit einer körperlichen Markierung.

Was ist ein jüdischer Körper?
Die Realität in Israel zeigt, dass der Körper des jüdischen Jungen eine Projektionsfläche für Fragen nach jüdischer Identität, Zugehörigkeit, religiöser Kontinuität und nationaler Zukunft ist. Er gehört – symbolisch und praktisch – der Familie, der Gemeinde, dem Staat. In diesem Kontext ist die Entscheidung gegen eine Beschneidung keine schlichte Anwendung des Prinzips der «körperlichen Autonomie», sondern ein Akt des Widerstands gegen Besitzansprüche. Galia, Adinah, Hadar und andere Eltern, die sich gegen die Beschneidung entscheiden, widersetzen sich sozialen Normen, familiären Erwartungen und staatlichen religiösen Strukturen. Eltern, die sich für den «unbeschnittenen Körper» ihres Sohnes entscheiden, stellen damit nicht nur ein Ritual in Frage, sondern ein ganzes Gefüge von Selbstverständlichkeiten darüber, wie ein jüdischer Körper auszusehen hat.

Eine der Kernfragen in der aktuellen Debatte lautet daher: Wem gehört der Körper des Kindes? In der Schweiz wird diese Frage vor allem aus der Perspektive einer (nicht jüdischen) Mehrheitsgesellschaft gestellt, welche die Beschneidung kritisch sieht. In Israel stellt sie sich aus der Perspektive einer Minderheit innerhalb der jüdischen Mehrheit, die an den Grundfesten einer zentralen Praxis rüttelt. Beide Male aber geht es um mehr als ein Stück Haut. Es geht um Identität, Macht und die Deutungshoheit darüber, wie Jüdischsein zu definieren ist.

Nina Rageth ist Religionswissenschaftlerin und Postdoktorandin an der Hebräischen Universität in Jerusalem.

Nina Rageth