Reportage 16. Okt 2026

Ein Krieg, tiefe Wunden

Arbeiter entfernen am 28. Dezember 2022 das Denkmal der russischen Zarin Katharina der Grossen in Odessa.

Der russisch-ukrainische Krieg hinterlässt nicht nur Zerstörung, sondern auch tiefe gesellschaftliche und kulturelle Gräben – wie können diese Wunden eines Tages wieder heilen?

Der Krieg, den Wladimir Putins Russland gegen die Ukraine führt, ist im fünften Jahr in eine Phase der massiven Eskalation eingetreten. Die Bevölkerungen auf beiden Seiten sind erschöpft. Die Frage nach dem Sinn des Blutvergiessens und der massiven Zerstörungen rückt in den Vordergrund und findet immer weniger eine Antwort in der gegenseitigen Verteufelung eines Gegners, den man noch vor wenigen Jahren nicht als «Abschaum» und «Kriminelle» wahrgenommen und bezeichnet hatte. Noch werden beide Staatspräsidenten reziprok als Terroristen gelabelt. Aber auch die Untertanen gehen auf Distanz. Wird Unzufriedenheit über die Staats- und Kriegsführung in der Ukraine zunehmend offen diskutiert, findet das auf russischer Seite nur im privaten Gespräch statt. Oder in der Emigration, die seit 2022 stark angewachsen und artikulierter geworden ist. Doch die russische «Opposition im Exil» ist verunsichert, sie wünscht einerseits Russlands Niederlage, spekuliert aber in Teilen auch über eine Rückkehr in die Heimat, die gerade daran ist, den Krieg eher zu gewinnen als zu verlieren.

Unter Ukrainern – ob zuhause oder im Exil – gewinnt die Ansicht Raum, man sei schon lange vor dem akuten Krieg gezielt gedrillt worden, «die Russen» als radikal anders und minderwertig zu sehen. Tatsächlich haben sich die Kurrikula an den Schulen spätestens seit der Annexion der Krim und den kriegerischen Konflikten im Donbass verändert. Geschichtslehrbücher wurden neu geschrieben. Statuen politischer Helden, darunter ukrainische Sowjetoffiziere, die Kiew befreiten, entfernt, paramilitärische Übungen in den Sportunterricht integriert.

Zweiter Kriegsschauplatz
Als der US-Präsident vor einem Jahr ankündigte, das Hilfswerk USAID werde seine Leistungen einstellen – an die Ukraine gingen neben Afghanistan und Jordanien die höchsten Zahlungen –, war von Vertretern der Intelligenz zu hören, das sei kein Verlust, habe man doch dank dieser Programme für Demokratie- und Medienförderung gelernt, sich gegenseitig zu hassen. Das lässt sich an den Sendungen ablesen. Da kann eine Journalistin auch einmal frohlocken, wenn in Russland eine Schule oder ein Wohnhaus von ukrainischen Drohnen getroffen wird und die Opfer im Bild erscheinen. Dass Wolodimir Selenski nach Raketenangriffen auf Kiew verspricht, in Moskau würden die Lichter ausgehen, vermag die Kampfmoral der Ukrainer nicht zu mobilisieren. Schadenfreude und Rache sind keine Strategien. Der mit der Entwicklung zum Drohnenkrieg erfolgreiche Verteidigungsminister Michailo Fjodorow wurde unter Protest einer technikaffinen Jugend entlassen und fordert jetzt Selenski heraus, indem er Neuwahlen verlangt und mahnt, die Ukraine sei auf dem Weg zur Niederlage.

Die hektische Personalrotation, die sich bereits 2025 nach dem Auffliegen der Korruptionsaffäre im Regierungsmilieu vor den Augen der Bevölkerung abspielte, erscheint zunehmend als zweiter Kriegsschauplatz. Die Legitimation der Regierung nimmt Schaden in einer Zeit, in der Führung zentral wäre.

In Russland wiederum finden Kämpfe innerhalb der politischen Eliten im Verborgenen statt. Das Rätseln um eine ersehnte oder befürchtete Weichenstellung, die Kremlologie ist zurück im In- und Ausland. Manifestiert wird Stabilität, mit den immer gleichen Figuren. Aussenminister Sergei Lawrow, seit Jahrzehnten im Amt, hat als Orientalist seit dem Ausbruch des Konfliktes im Mittleren Osten an Bedeutung gewonnen. Dass Russland, wo weder Kriegsrecht noch Mobilmachung verordnet wurden und die Grenzen offen sind, zwar Duma-Wahlen durchführte, dabei aber die einzige offen pazifistische Partei, Jabloko, ausgeschlossen wurde, gibt der Diskussion über Krieg und Frieden Auftrieb. Das Regime, das selbst Porträts von Lew Tolstoi verbietet, schneidet sich ins eigene Fleisch.

Flucht vor dem Krieg oder vor dem eigenen Regime
Die Flüchtlings- und Abwanderungsbewegungen sind massiv und haben diverse Gründe. Die überfallene Ukraine verliessen 2022 Hunderttausende von Frauen und Kindern. Anders als den wehrfähigen Männern war ihnen die Ausreise erlaubt. Und die Gastfreundschaft der europäischen Länder war ihnen sicher. Der Schwund der Bevölkerung von 52 Millionen Einwohnern 1991 auf unter 30 Millionen, ist auch der schon früh einsetzenden Arbeitsmigration und nun der wachsenden Zahl der Kriegstoten anzulasten. Auch Dienstverweigerer und Überläufer und die niedrige Geburtsrate verstärken die demographische Krise.

Wer Russland den Rücken kehrte, waren nicht nur Unternehmer, die in einem Krieg führenden Land um ihre Geschäfte bangten. Es waren auch jene, die mit der Aggression des eigenen Landes haderten und aus dem Exil die Opfer mit Wort und Tat unterstützten, motiviert von Gefühlen der Solidarität und nicht zuletzt der Scham. Es entstand eine Opposition, die vorerst alles Russische ablehnte, oft auch die eigene Sprache, und sich mit Wortführern aus den Aufnahmeländern einig sah, die auf symbolischer Ebene Russland den Kampf ansagten. Bald schon wurden die Budgets für Gaststudenten aus der Russischen Föderation gestrichen, bereits engagierte Gäste aus dem Kulturleben ausgeladen. Der Beifall aus dem Kreis der Ukraine-Flüchtlinge war solchen Aktionen sicher. Vor der Mailänder Scala, die ihre Saison 2022/2023 mit der Oper «Boris Godunow» von Modest Mussorgsky eröffnete, wurde protestiert. Oft waren es die Konsulate, die ihre Landsleute mobilisierten. Anna Netrebkos Gastspiel in Zürich zu verhindern, hat die ukrainische Botschafterin 2025 persönlich versucht. Das Argument, man mache hier Kultur und nicht Politik, hat sie gestoppt. Am Kriegsverlauf hätte das nichts geändert.

Denkmalsturz und neue Monumente
In den zerrissenen Völkern wird der symbolische Krieg auch zu Hause ausgetragen. Irritierend ist das Verschwinden von Denkmälern, die Installation neuer Monumente, das Verändern von Strassen- und Gebäudenamen. Der einst vertraute heimatliche Raum erhält neue Markierungen. In der Ukraine bestimmt das Institut für nationale Erinnerung, welche Zeichen im öffentlichen Raum stehen bleiben dürfen, welche getilgt, welche neu gesetzt werden.

Die Retuschen haben lange vor 2022 begonnen. Alteingesessene der überwiegend russischsprachigen Hafenstadt Odessa verwirrten die Strassennamen, die Kinoplakate, die Anschrift der Geschäfte in ukrainischer Sprache schon seit 2014. Bald folgte der Angriff auf Denkmäler. Die Statue der Stadtgründerin, Zarin Katharina die Grosse, wurde abgebaut. Sie war nun Repräsentantin des russischen Kolonialismus. In Kiew verschwand das Denkmal für Michail Bulgakow unter einer Hülle. Sein Standort vor dem Wohnhaus des Autors, in dem auch «Die Weisse Garde» spielt, der grosse Roman über die innerfamiliären Zerreissproben nach der Oktoberrevolution, markiert den Eingang in eines der beliebtesten Museen der Stadt. Bulgakows Sicht der Ukraine und der Ukrainer passt nicht ins heutige Selbstbild des Landes. Zudem schrieb der Kiewer Bürgersohn auf Russisch. In seiner Geburtsregion Poltawa mussten die Erinnerungszeichen an Nikolaj Gogol verschwinden. Dass eine Kopernikus-Strasse in Bandera-Strasse umgetauft wird, ist ein Affront auch gegen Polen. Dem 1473 im polnischen Torun geborenen Astronomen ist die dortige Universität gewidmet, die im Übrigen an der Gagarin-Strasse liegt. Der Link zwischen Astronomie und Raumfahrt wird in Polen unterstrichen, auch wenn der erste Kosmonaut ein Sowjetbürger war.

Während sich die Ukraine um die Erinnerung an manche ihrer grossen Persönlichkeiten bringt, eignet sich Russland Figuren an, die in seine Geschichtserzählung passen. Wladimir Monomach, der sich im Jahr 988 als Grossfürst der Kiewer Rus für das Christentum entschieden hatte, bekam in Moskau eine 25 Meter hohe Statue, die eher am Dnjepr stehen könnte. Nicht Aneignung, sondern Auferstehung sind die über 100 Monumente für Josef Stalin im riesigen Land. Allein 2025, als 80 Jahre Sieg über die Wehrmacht gefeiert wurde – an dem alle Völker der Sowjetunion mitwirkten, auch die Ukrainer, die deswegen keinen Stalin-Kult betreiben – kamen 13 neue dazu.

Sprachen und Konfessionen unter Druck
Mit der unerwartet langen Dauer des Krieges hat sich die innere Verfassung des angegriffenen Landes gewandelt. Zu den Abwehrstrategien gehört ein verschärfter Ethnonationalismus, bei dem es um Konfession, Sprache und Bräuche geht. War Borschtsch nun eine russische oder eine ukrainische Suppe? Bald sah man Fernsehmoderatoren, aber auch Politiker in der gestickten ukrainischen Bluse, der Wyschiwanka. Die ukrainische Führungsschicht blieb unter sich – wie Tonbandaufzeichnungen der Antikorruptionsbehörde NABU zeigen – bei ihrer Muttersprache, dem Russischen. Dabei verordnet das 2019 in Kraft getretene Sprachengesetz dem Land Ukrainisch als einzige Amtssprache. Der ungarische Ministerpräsident Peter Magyar verspricht jetzt, mit Druck auf Selenski den Ungarn in den ukrainischen Karpaten zu ihrem Recht zu verhelfen. Denn Ombudsleute für die Sprachenfrage können Menschen auf der Strasse büssen, wenn sie Russisch oder ein weiteres Idiom benutzen. Das Englische der europäischen und amerikanischen Instrukteure vor Ort fällt nicht darunter. In den privaten Raum verbannt sind die Muttersprachen.

Geschmack der Agonie
Ihor Terechow, heute Stadtpräsident der russischsprachigen Stadt Charkiw, wurde gebüsst, weil er seinen Facebookaccount in Russisch führte. Die Überwachung der Bürger sei inzwischen umfassend, die Leute sprechen von einem «elektronischen KZ» («cifrovoj konclager»). Die Zwangesrekrutierung von Männern durch eine Spezialtruppe verschärft die innenpolitische Lage. Der frühere Verteidigungsminister Waleri Saluschni, der Selenski zu mächtig wurde und auf dem Botschafterposten in London landete, sagte mit Blick auf den Kriegsausgang, das Wichtigste sei, dass die Ukrainer keine Russen werden. Ob er dabei die vielen Überläufer im Blick hatte? Der Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte Michajlo Drapaty liess bei Amtsantritt vor zwei Monaten verlauten, Russland sei eine Nation, die nicht verdiene, zu existieren. Deklarationen mit dem Geschmack der Agonie.

Dass auch die Glaubensfreiheit beschnitten wird, kränkt viele. Die ukrainisch-orthodoxe Kirche mit ihren 12 000 Pfarreien, der etwa die Hälfte der ukrainischen Bevölkerung angehört, hat sich zwar vom Moskauer Patriarchat losgesagt. Die Gottesdienste sind aber in Russisch. Auch deshalb hat Selenski unlängst dem Metropoliten Onufrij die ukrainische Staatsbürgerschaft entzogen, nachdem sein Sitz in einer der Kirchen des Kiewer Höhlenklosters versiegelt worden war. Den Gläubigen wurde der Übertritt in die neu gegründete Orthodoxe Kirche der Ukraine nahegelegt. Solche Eingriffe beschädigen das Leben der Bürger zusätzlich. Auf Sirenenalarm wird angesichts der Eskalation wieder reagiert. Doch die Menschen verzweifeln daran, dass es an Luftschutzkellern mangelt, während Private Beton massenhaft verbauen.

Gegen die Kollektivschuld
Tamara Ejdelman, eine Moskauer Literatur-Dozentin, die 2022 aus Protest nach Portugal gezogen ist, wehrt sich gegen die verbreitete Ablehnung alles Russischen. Péter Nádas sah wie Hannah Arendt Kollektivschuld als Instrument des Rassismus. Ihnen ging es um das Deutschland in der Nachkriegszeit. Eine Nachkriegszeit steht auch jetzt bevor. Die Reparatur der seelischen, körperlichen und baulichen Schäden wird Zeit kosten. Und die Erkenntnis, dass dieser Krieg unter Nachbarn vor allem deren Beziehung zerstört, dass er aus der Distanz mitunter ganz anders eingeschätzt wird, kann schmerzen. Der Krieg nützt denen, die nicht kämpfen, bilanziert ein ukrainischer Philosoph. Die Ukraine gehöre in die EU, damit sie zur Demokratie gezwungen werde, rät ein Historiker. Ein Emigrant, der als Journalist in Israel arbeitet, erzählt von Kollegen in seiner neuen Heimat. Als er auf deren Frage, aus welchem Land er stamme, mit Sowjetunion antwortet, meint einer: Putin ist ein toller Kerl. Für Irritation sorgt Oleg Kaschin, der die Krim-Annexion als Akt der historischen Gerechtigkeit sah, den Einmarsch in die Ukraine 2022 als «kannibalistisch gegen die Ukraine und selbstmörderisch gegen Russland». Niemand habe mehr gegen Russland getan als Putin, er sei ein US-Agent. In Russland wurde der unbequeme Journalist als ausländischer Agent gebrandmarkt, gleichzeitig von Selenski unter Sanktionen gestellt. Er ist auch auf einer Liste von Alexei Nawalnys Fonds zum Kampf gegen Korruption gelandet und lebt inzwischen in London.

Regula Heusser-Markun