standpunkt 16. Okt 2026

Trauer kennt keine Seiten

Den diesjährigen Jahrestag des 7. Oktober verbringe ich an einer Schiwa. An diesem Tag, an dem der Schmerz der jüdischen Gemeinschaft besonders tief sitzt, will ich einer trauernden Familie persönlich beistehen und zeigen, dass sie nicht allein ist.

Dort treffe ich einen Freund, der mit der Trauerfamilie verwandt ist und lange in Israel als Korrespondent tätig war. Wir sprechen über die politische Lage. Bald setzt sich eine andere Besucherin, nennen wir sie Frau Katz, voller Mitgefühl zu uns, um ihm ihr Beileid auszusprechen. Als wir das Gespräch fortsetzen, erzählt mein Freund von seinen Besuchen in Gaza. «Ich verstehe die Wut der Palästinenser», sagt er. «Aus ihrer Sicht ist Israel ihr Land.» Frau Katz’ Miene verändert sich schlagartig. Etwas zu laut für einen Traueranlass sagt sie: «Warum sollten Palästinenser Schmerzen haben? Die hassen uns. Alle hassen uns. Den Arabern ist nicht zu trauen.»

Auf dem Heimweg denke ich über ihre Aussagen nach. Ihr Schmerz scheint so absolut, dass er jeden Blick über die eigenen Grenzen blockiert. Wie kann man sich derart verschliessen, dass einen die Bilder aus Gaza kaltlassen? Ähnliches habe ich auch in meinem Bekanntenkreis beobachtet: Jede Nachricht über das Leid der Palästinenser wird umgehend damit abgetan, dass «sie» ja selbst schuld seien, weil sie 2006 die Hamas gewählt hätten. «Und überhaupt: die Schulbücher! Die UNRWA!»

Gleichzeitig erlebe ich auch in propalästinensischen Kreisen sehr einseitige Positionierungen. Drei Tage nach der Schiwa begegne ich in der Stadt einer Pro-Palästina-Demonstration. In der Menge entdecke ich Armando, den 20-jährigen Nachbarssohn. Früher standen wir uns nah, doch seit dem 7. Oktober herrscht Funkstille. Armando kniet nun mit den anderen Protestierenden nieder, um der Opfer des Gaza-Krieges zu gedenken. Auf einem Transparent lese ich: «7. Oktober 2023 – 3 Jahre Genozid». Scheinbar gibt es hier keinen Platz, beim Innehalten auch der israelischen Opfer zu gedenken.

Diese Einseitigkeiten schmerzen mich. Als Jude, der in diesem Krieg seinen Cousin verloren hat, trage ich die Trauer über die israelischen Opfer tief in mir. Doch mein Herz weint genauso um die Zivilbevölkerung in Gaza. Ich habe Freunde verloren, weil manchen diese umfassende Empathie suspekt ist. Bekannte beider «Seiten» senden mir vermeintlich objektive Informationen, die mich davon überzeugen sollen, dass ihre Perspektive, die einzig richtige sei.

Umso wohltuender ist für mich der Gedenkanlass zum 7. Oktober des Vereins Jüdisches Forum Schweiz – Gescher, der am nächsten Tag stattfindet. Der Verein bringt jüdische Menschen in der Schweiz zusammen, die sich demokratischen und humanistischen Werten in Bezug auf Israel verpflichtet fühlen. «Gescher» bedeutet «Brücke» auf Hebräisch. Passend dazu steht der Anlass unter dem Motto «Every life, a universe»(Talmud). «Wir können gleichzeitig um israelische und palästinensische Opfer trauern», heisst es auf der Einladung.

Meine Erwartungen werden nicht enttäuscht. Die Organisatorinnen schaffen eine Atmosphäre der Offenheit, in der alles Platz hat: Schweigen, Sprechen, Kaddisch und Gesang. Anschliessend hören wir zwei Zeugnisse. Der Israeli Ariel erzählt von seinem Cousin Dror, den die Hamas tötete und als Leiche verschleppte. Erst nach 781 Tagen konnten seine Verwandten ihn beerdigen. Danach hören wir einen Text aus Gaza. Er handelt von der 11-jährigen Alma, die als einziges Familienmitglied ein Bombardement der israelischen Armee überlebte und jede Nacht Albträume hat.

Zum Schluss werden Kerzen gezündet, und wer will, kann einen Gedanken teilen. Trauer um israelische und palästinensische Opfer, Angst vor Antisemitismus, Sorge um die Soldatinnen und Soldaten und Wut über die anhaltende Gewalt – alles darf sein. Wie bei jedem Anlass von Gescher muss ich weinen.

Ich bin dankbar, durch Gescher eine Gruppierung gefunden zu haben, die Mitgefühl an keine Grenzen knüpft und die Menschlichkeit ins Zentrum stellt. Liebe Frau Katz, lieber Armando: Echte Empathie hält zwei Schmerzen gleichzeitig aus.

David Vogel ist Journalist und Filmemacher. Er lebt in Zürich.

David Vogel