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EDITORIAL

Vendetta 
oder Vernunft

Yves Kugelmann, 4. Juli 2014

Schock, Ohnmacht, Dilemma: Nach den grausamen Morden an den drei entführten israelischen Jugendlichen steht Israel unter massivem innenpolitischem Druck. Die extreme Rechte und die Siedlerbewegung wollen von Premier Binyamin Netan­yahu eine harte Gangart mit Forderungen, die Israel an die Wertegrenze stellen und einmal mehr die brutale Logik in der Region im Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt aufzeigen. Muss Israel sich auf diese Logik zusehends einlassen, die Sprache des äusseren Feindes und der Extremisten auf allen Seiten annehmen, oder wird sich der Rechtsstaat durchsetzen können?



Bisher scheinen sich die ausserhalb Israels zu wenig wahrgenommenen Stimmen der Vernunft gerade auch aus Armeekreisen den massiven Forderungen von Rechts und einer sich selber pervertierenden, weltweit vernetzten Internetgemeinschaft durchzusetzen in Tagen der Trauer und nationalen Ohnmacht in einem Land, das zwischen Vendetta und Vernunft zu entscheiden hat. Die Meldung über den Mord an einem palästinensischen Jugendlichen unmittelbar nach den Morden an den israelischen Jugendlichen zeigt zumindest eine neue drohende Dimension des Konflikts auf. Extreme Siedler werden für Ersteren verantwortlich gemacht. Ob dies stimmt oder nicht, mögen die kommenden Tage und laufenden Untersuchungen zeigen. Alleine schon die Vermutungen in Israel selbst lassen die Erinnerungen an die Kahane-Bewegung und andere Exzesse der Vergangenheit aufkommen. Allerdings hat Israel gezeigt, dass letztlich durchaus die Vernunft stärker war und jüdische Extremisten bis auf gravierende punktuelle Ereignisse im Zaume gehalten werden konnten. Zuletzt nach dem einseitigen Rückzug aus Gaza, da die durchaus begründete Angst vor einer innenpolitischen Eskalation durch die Siedlerbewegungen auszubleiben vermochte. Unklar ist, wie sehr sich seither die Bewegung radikalisierte und wie gewaltbereit sie geworden ist.

Das noch während der Trauerzeit um die drei ermordeten Jugendlichen solche Debatten diskutiert werden, zeigt die Virulenz des Dilemmas, das durch die vernetzte digitale Welt noch beschleunigt wird. Dabei sitzen Premier Binyamin Ne­tanyahu und Präsident Mahmoud Abbas letztlich im selben Boot. Beide müssen dem Druck von der extremen Rechten standhalten, mit denen sie de facto Einheitsregierungen und somit Mehrheiten gebildet haben. Dass Abbas den Pakt mit dem Teufel eingegangen ist, wird sich nun vielleicht rächen. Denn der Mord an Zivilisten zeigt einmal mehr das Spannungsfeld der Gewalt auf in einem Krieg, der seit Langem mitten in die Zivilgesellschaft trifft.

Ob da die teils befremdenden Reaktionen internationaler jüdischer Organisationen immer angemessen oder der Ohnmacht geschuldet sind, kann in den kommenden Wochen diskutiert werden. Dass die Verurteilung der Tat von ernsthaften politischen Kräften in der arabischen Welt und der Zivilgesellschaft weitgehend ausbleibt, lässt die Rückbesinnung auf Vernunft nicht nähertreten. Auf jeden Fall sollte das traurige Schicksal der drei ermordeten Jugendlichen nicht als Plattformen für Eigen-, sondern höchstens für die Sicherheitsinteressen zweier Zivilgesellschaften stehen, die nur bedingt getrennt werden können. Der Weg der Vernunft der letzten Jahre war durchaus ein blutiger. Eskaliert aber die Forderung nach Vendetta, Blutrache, vollzieht sich ein Quantensprung, hinter den die Region so rasch nicht wieder zurückgehen kann. Vielleicht verstehen Extremisten, mordende Fundamentalisten nur die Sprache der Gewalt. Vielleicht aber erwarten sie Gewalt und verstehen nur die Sprache ohne Gewalt. Was für ein Dilemma! 



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