23. Juli 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 29
 

Archive

Suche:

Zur erweiterten Suche in den Archiven von tachles, revue juive, aufbau, Jüdische Rundschau...

Produkte

Frage der Woche 29

Vor 100 Jahren wurde der erste Kibbuz in Israel gegründet.






9. Mai 2003, 3. Jahrgang, Ausgabe 19, tachles

Literatouren im Schloss Elmau

Rubrik: Kultur

 

Dichterinnen, Roman-Autoren, Lyriker, Literaturwissenschaftlerinnen und der berühmteste Kritiker bestritten das Programm von Tarbut 2003, des zweiten jüdischen Kulturkongresses im deutschsprachigen Raum vom 1. bis 4. Mai auf Schloss Elmau. Die Gäste aus der Schweiz und aus Deutschland waren begeistert.

Von Gisela Blau

Den berühmten Literaturkritiker hielt es kaum auf seinem Sessel. Jede Lesung, jedes Votum auf dem Podium schien ihm körperliche Schmerzen zu bereiten. Am meisten litt Marcel Reich-Ranicki, wenn mitunter auch andere Leute als er das Wort erhielten. Seine wortgewaltigen Ausbrüche an die Adresse der an- und abwesenden Autoren lohnten allein schon die Reise in die idyllische bayrische Bergwelt.

Das Tagungs-Schloss Elmau gehört Dietmar Müller-Elmau. Er sieht aus wie ein Bruder des Filmstars Nick Nolte, nahm im Hintergrund an den Veranstaltungen teil und schleppte eigenhändig Stühle, wenn der luftige Literatur-Saal wieder einmal vor dem Andrang der Kulturbeflissenen zu klein erschien.

Die Tarbut-Tagungen sind von der bekannten Münchner Literaturhändlerin und Autorin Rachel Salamander sowie von Michael Brenner, Professor für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität München, konzipiert und mit enormem persönlichem Aufwand organisiert worden. Es ist ihr erklärtes Ziel, mit Tarbut ein kulturelles Forum für innerjüdische Debatten zu schaffen, unabhängig, religiös wie gesellschaftlich neutral, alle kulturellen Bestrebungen innerhalb des Judentums gleichermassen respektierend. Wichtigste Partnerin ist die Bertelsmann-Stiftung, die bereits auf ein Jahrzehnt deutsch-jüdischen Dialogs zurückblickt und Tarbut grosszügig unterstützt. Die Seelen der Stiftung, Lord George Weidenfeld und Werner Weidenfeld, waren auch Gäste von Tarbut 2003. Der Zentralrat der Juden in Deutschland und der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) leisteten finanzielle Beiträge und waren am Kongress durch Zentralratspräsident Paul Spiegel und die SIG-Kulturchefin Gabrielle Rosenstein vertreten. Ohne Sponsoring wäre es kaum möglich gewesen, für wenig Geld hübsche Zimmer zu bewohnen, südindisch-vegetarische Köstlichkeiten zu geniessen, mit bekannten Autoren am gleichen Tisch zu diskutieren, nicht nur am Schabbat Varianten von Gottesdiensten auszuprobieren, die Kinder tagsüber – inklusive eigene Literaturlesungen – versorgt zu wissen, jüdische Menschen aus anderen Orten kennenzulernen und ein hochstehendes Programm zu verfolgen.

Ohne österreichische Gemeinschaft

Die österreichische Gemeinschaft hatte wieder nicht auf das Unterstützungsgesuch reagiert und war deshalb auch zum zweiten Mal nicht mit Teilnehmenden vertreten. Aus Österreich anwesend waren nur jene Leute, die eine Aufgabe zu erfüllen hatten: Die Literaturwissenschaftlerin und Autorin Ruth Klüger, Oberrabbiner Eisenberg und die Autoren Doron Rabinovici, Wladimir Vertlib und Robert Schindel. Das war auch nicht das letzte, was die 60 Schweizer Teilnehmenden von diesen Gästen sahen und hörten: Schindel nimmt im Sommer am Literaturfestival in Leukerbad teil, und Vertlib liest am 25. Mai in Zürich.

Spazierten kräftige Männer auffällig diskret durch die Gegend, so war klar, dass Paul Spiegel nicht weit war, der Präsident des Zentralrats. Er hatte in seiner humorvollen, auf die Sekunde getimten Begrüssung den Veranstaltern dafür gedankt, dass sie den Anwesenden höherer Semester wieder einmal zu einem Machane, einem Ferienlager, wie einst in der Jugend verholfen hatten. An ein Machane fühlte sich denn auch freudig überrascht erinnert, wer nach der Hawdala am Samstagabend erlebte, wie Rabbiner Eisenberg in Hemdsärmeln mit der Gitarre den Gesang anführte.

Gleich am ersten Abend donnerte der erste Paukenschlag durch die Menge: Marcel Reich-Ranicki sprach über jüdische Menschen in der deutschen Literatur. Sein frei vorgetragenes rhetorisches Feuerwerk zog alle in den Bann, amüsierte, provozierte und war zudem noch recht lehrreich.

Reich-Ranicki begann mit der Definition, ob jüdische Literatur über, für oder von Juden sei, und wenn letzteres, wer überhaupt dazu gehöre? Ganz klar: Wer von einer jüdischen Mutter geboren worden sei, egal von welchem Vater. Sind also auch Gerhart Hauptmann, Carl Zuckmayer, Marcel Proust jüdische Autoren? Nein, sagt Reich-Ranicki. Seine eigene Version: Jude ist, wer am Judentum gelitten hat, und das seien eine ganze Menge, meinte er spöttisch. Zum Datum passend, dem 1. Mai, zitierte er Heines unvergängliches Liebesgedicht «Im wunderschönen Monat Mai» und erklärte, Juden seien stets als Provokateure in der Literatur aufgetreten. Heines bis heute unverziehene Provokation sei die Qualität seiner Lyrik.

Jüdisches Talent für Kritik

Auf einem Feld seien die Juden unschlagbar, nämlich in der Kritik, sagte der Kritiker zur Freude des Publikums. Sie hätten sie, anders als Goebbels behauptet hatte, dennoch nicht erfunden; das sei Lessing gewesen. Ihr Talent für die Kritik stamme vom Thora- und Talmudstudium und ihrer daher stammenden besonderen Begabung für die Sprach- und Wortanalyse. Gemeinsam seien den jüdischen Autoren ihre Themen – wegen ihrer Biografien: «Jeder Roman ist ausnahmslos autobiografisch.» Für Reich-Ranicki beginnt die Epoche der Juden in der deutschen Literatur mit Moses Mendelssohn, mit Rahel Varnhagen, Börne und Heine – doch «eines der bedeutendsten Kapitel der deutschen Literatur» ist für ihn mit Paul Celan eigentlich abgeschlossen, trotz einiger von ihm erwähnter Nachkriegsgrössen wie Hildesheimer. Das trug dem grossen alten Mann der Kritik die ätzende oder stumm ignorierende Kritik der anwesenden Autoren und Schriftstellerinnen ein. Viele Frauen waren anwesend: Die Doyenne der jüdischen Lyrik, Hilde Domin, die Autorinnen Barbara Honigmann und Lena Kugler, die Wissenschaftlerinnen Ruth Klüger, Liliane Weissberg und Vivian Liska.

Eines der Podien behandelte die Frage, ob Israel für jüdische Schriftsteller ein Thema sei oder nicht. Daran beteiligten sich der wohltuend scharfzüngige Publizist Henryk Broder, Alfred Bodenheimer, der wortgewandte stellvertretende Direktor des Basler Instituts für jüdische Studien, und der Autor Peter Stephan Jungk. Moderiert wurde es vom israelischen Germanistikprofessor der Universität Stanford, Amir Eshel. Paul Spiegel hatte am Ende des ersten innerjüdischen Kulturkongresses den Organisierenden das Versprechen abgenommen, einen zweiten zu veranstalten. Nun bat er um einen dritten, unterstützt von den Anwesenden, die sich glücklich schätzten, nicht zu den 300 wegen Platzmangels Abgewiesenen gehört zu haben.