23. Juli 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 29
 

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Frage der Woche 29

Vor 100 Jahren wurde der erste Kibbuz in Israel gegründet.






29. Februar 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 9, tachles

Jüdische Welt als Quelle

Rubrik: Wirtschaft

 

Ofra Strauss Eine der 50 einflussreichsten Frauen weltweit

Das amerikanische Wirtschaftsmagazin «Forbes» zählt sie zu den 50 bedeutendsten Wirtschaftsfrauen der Welt. Ofra Strauss führt das Unternehmen Strauss-Elite erfolgreich in eine neue Generation. Yves Kugelmann sprach mit ihr über Erfolg, Strategien und das Engagement für Israel.

tachles: Was macht die Kultur der Strauss Group aus, was macht sie so erfolgreich?

Ofra Strauss: Es ist wohl die Art, wie wir an das Geschäft herangehen, wie wir unsere Angestellten und Partner aussuchen, dass wir uns voll einsetzen. Wichtig sind uns auch eine saubere, transparente Corporate Governance und der Umstand, ein starkes Verwaltungsratsgremium zu haben, das die Entscheidungen fällt. Ausserdem sind wir im Lebensmittelgeschäft tätig, und Lebensmittel sind unsere Passion. Wir wollen damit den Menschen ein gesünderes und aktiveres Leben bieten. Unsere Firmenkultur steckt in jedem Detail.

Hat Strauss-Elite Geschäftsverbindungen zur Schweiz?

Nein, aber wir arbeiten mit drei multinationalen Firmen, mit denen wir in Israel Joint Ventures haben: mit Unilever für die Eiscreme und mit Danone für Milchprodukte in Israel, und seit letztem Monat ebenfalls mit Danone für Humus in den USA. Wir selbst besassen in Amerika einen Herstellungsbetrieb für Humus, frische Salate und Dips, von dem wir Danone nun 50 Prozent verkauft haben.

Politische Nachrichten aus Israel sind oft schwer zu verdauen, wirtschaftliche hingegen zeigen, dass das Land eines der erfolgreichsten ist. Können Sie uns diese Unterschiedlichkeit erklären?

Ich glaube, dass es sowohl politisch wie wirtschaftlich bewundernswert ist, dass es uns so gibt, wie es uns gibt – gegen alle Wahrscheinlichkeiten, denn die Strukturen des Landes sind sehr, sehr kompliziert. Es sind sicher die vielen Unternehmer, die unsere Wirtschaft zu dem gemacht haben und machen, was sie ist. Während einiger Zeit beschränkte sich dies vor allem auf die Hightech-Branche, und als es auf diesem Gebiet zum Crash kam, war das für unsere Wirtschaft sehr schmerzhaft. Heute aber gibt es viele unterschiedliche Gesellschaften, die sich international ausgerichtet haben, und die Wirtschaft ist dadurch viel stabiler. Man darf im Übrigen nicht vergessen, dass wir erst 60 Jahre alt sind, und es braucht Zeit, herauszufinden, was man gut kann. Wir haben Fortschritte gemacht, wenn wir auch noch Schwächen haben – zum Beispiel das Wissen, wie man eine Firma auf lange, lange Sicht gut führt.

Israel hat sehr viele sehr gute Geschäftsleute. Fehlen die guten Leute in der Politik, weil sie lieber in der Wirtschaft tätig sind?

Ich würde Ihnen nicht empfehlen, die guten CEOs aus den Firmen zu nehmen und sie zu Politikern zu machen … Es braucht für beides unterschiedliche Fähigkeiten, und das, was nötig ist, um die israelische Politik zu steuern, ist völlig anders als das, was wir Geschäftsleute zu bieten haben. Politiker werden sehr schnell sehr hart beurteilt; Geschäftsleute haben das Glück, ihre Strategie über längere Zeit entwickeln zu können. Die meisten Politiker hier werden innerhalb von drei Jahren ersetzt, die politischen Systeme sind schwierig, sie können nicht für sich alleine arbeiten und sie sind keine Zauberer. Ich glaube nicht, dass die Dinge viel besser stehen würden, wenn ich auf einem solchen Stuhl sitzen würde.

Könnte die Wirtschaft nicht ein Faktor sein, um den Frieden zu fördern?

Nach Oslo vertraten viele dieser Auffassung. Ich bin davon überzeugt, dass die Wirtschaft viele Gräben überbrücken kann. Aber wir können es nicht alleine tun. Rein menschlich fühle ich mich den Palästinensern verbunden, und wann immer wir uns in der internationalen Geschäftswelt treffen, gibt es keine so grossen Gräben. Aber die Emotionen auf beiden Seiten werden immer schwieriger zu überbrücken, je länger der jetzige Zustand andauert. Es gibt zu viele Tote, zu viele böse Worte. Nach dem zweiten Libanon-Krieg hatten wir Hoffnung, denn wir dachten, dass wir diesmal so hart getroffen worden waren, dass die andere Seite ihren Stolz und ihre Verwundung überwinden und zu einem Frieden mit uns kommen könnte. Aber niemand hat es bisher wirklich angepackt. Ja, Geschäfte könnten dabei eine wichtige Rolle spielen. Es gibt auf der anderen Seite so viel Armut. Aber dazu brauchen wir die Politiker.

Produzieren Sie in den besetzten Gebieten?

Nein, wir haben keine Produktion auf palästinensischem Territorium. Es ist nicht möglich, für jemanden Lebensmittel herzustellen, der dir nicht vertraut. An einigen Orten verkaufen wir Lebensmittel, die wir in Israel produzieren, aber das ist ein verschwindend kleiner Teil.

Sie sind auch Mitglied des Direktoriums der Jewish Agency. Was ist Ihre Motivation, diese Aufgabe wahrzunehmen?

Ich lerne leidenschaftlich gerne Menschen aus der ganzen Welt kennen, und die Begegnung unterschiedlicher Kulturen kann wirklich Grossartiges bewirken. Als Israeli leben wir ja in einem Schmelztiegel, und dies ist einer der Gründe dafür, weshalb wir Dinge so tun, wie wir sie eben tun. Ich habe vor nicht allzu langer Zeit für mich selbst entdeckt, dass die Verbindung mit der jüdischen Welt eine grosse Quelle der Stärke für Israel und uns als Individuen sein kann.

Arbeiten Sie in diesem Rahmen in speziellen Projekten mit, die etwas bewegen können?

Leider bleibt mir nebst meinem beruflichen Engagement dafür nicht viel Zeit. Aber wenn ich auf einer meiner häufigen Geschäftsreisen in aller Welt bin, versuche ich, wenn immer möglich, jüdische Gemeinden kennenzulernen und Gespräche zu führen. Ich lade Gemeindevertreter ein, nach Israel zu kommen, mich zu kontaktieren und Wege zu finden, um Dinge gemeinsam anzupacken. Ich öffne mein Haus in Israel so vielen Delegationen wie möglich, um inoffizielle Treffen zwischen den Israeli und der jüdischen Welt auf die Beine zu stellen, denn wir sind zu sehr voneinander getrennt. Daneben bin ich in zwei Projekten aktiv. Eines nennt sich «At Home Together»; hier geht es darum, dass alteingesessene Israeli frisch Eingewanderten ihr Haus öffnen und ihnen während eines oder zweier Jahre helfen, sich in die israelische Gesellschaft zu integrieren. Wir wollen mit einer grossen Kampagne auch Vorurteile bekämpfen, wie sie zum Beispiel gegenüber jüdischen Einwanderern aus Äthiopien existieren.

Die Jewish Agency ist mit dem Paradox konfrontiert, dass sie die Aufgabe hat, viele Juden nach Israel zu bringen, während gleichzeitig viele Juden aus Israel auswandern. Weshalb ist das so?

Weil es sehr schwierig ist, in Israel zu leben. Eine der Fragen, die mir immer wieder gestellt wird, ist, ob die Juden in aller Welt damit aufhören sollten, Israel zu unterstützen. Wenn man es aber näher anschaut, ist Israel ein Land, das nicht nur für seine Bürger sorgt, sondern sich mit unseren Steuergeldern auch um viele jüdische Angelegenheiten aus der ganzen Welt kümmert, nämlich indem es sich für jeden öffnet, der hierher kommt und jüdisch ist. Dies bedeutet eine ständige Last, nicht nur finanziell, sondern auch sozial während all der Jahre, bis die Eingewanderten Teil der israelischen Gesellschaft geworden sind. Denn wenn sie nicht gut genug integriert werden, ist dies eine Gefahr für unsere Gesellschaft.

Besteht nicht eines der grossen Probleme Israels in der hohen Armutsquote einerseits und den sehr Reichen anderseits?

Mit der Schere zwischen Armen und Reichen ist die ganze Welt konfrontiert, und es gibt wohl kein weltweites Thema, das nicht auch für Israel gilt. Aber in Israel besteht das Extrem nicht darin, dass die Reichen reicher werden, sondern darin, dass die Armen ärmer werden. Die Tatsache, dass die Leute ihre Kinder zwei, drei Jahre in die Armee schicken müssen und dass viele Leute keine Arbeit haben, lässt die Frage aufkommen, weshalb man überhaupt hier sein soll. Ja, wir haben soziale Probleme, und der Unterschied zwischen arm und reich ist hier schärfer als in anderen Ländern. Wir haben ein System, das eigentlich Gleichheit verlangt – es gibt ein Schulsystem für alle, jeder muss in die Armee gehen. Der Graben sollte also schmäler werden, nicht indem man die Reichen weniger reich macht, sondern indem man die Armen weniger arm macht. So könnte sich die Spannung abbauen, und anders wird Israel nicht überleben können, denn der Krieg mit den Palästinensern ist nicht das einzige Problem. Die Leute wandern viel mehr wegen sozialer Spannungen aus.

Leidet die Qualität der zivilen Gesellschaft auch an der Spaltung zwischen jüdischen und arabischen israelischen Bürgern, macht Ihnen dies Sorgen?

Ja, sehr. Wir leben in völlig unterschiedlichen Umfeldern, und wir Juden machen fast alles falsch, wenn es um die Integration nicht nur der Araber, sondern auch der Drusen und Beduinen geht. Dabei sind wir doch selbst durch genau die gleiche Tragödie gegangen. Aber ich glaube, dass ein Land im Krieg insgesamt kein gutes Land sein kann, weil seine Bürger nach so vielen Jahren müde, zu sehr mit der Gewalt beschäftigt und selbst zur Gewalt gezwungen sind. Sie werden intoleranter.

Was kann man dagegen tun?

Wir müssen uns die Frage stellen, wie wir weitermachen, ob wir weiterhin alle Juden in Israel aufnehmen oder nicht vielmehr uns um sie ausserhalb Israels kümmern sollen. Je gesünder die jüdische Welt, desto besser für Israel, denn jeder weiss um die sozialen Missstände in unserem Land und zeigt mit dem Finger auf uns. Israel sieht dabei nicht gut aus. Es geht also auch um unser Ansehen.

Das amerikanische «Forbes»-Magazin zählt Sie zu den einflussreichsten Frauen weltweit. Sehen Sie einen Unterschied zwischen einem Mann oder einer Frau in der obersten Leitung einer Unternehmung?

Den genauen Unterschied habe ich noch nicht herausgefunden, aber ich glaube, dass ich wohl anders funktioniere als andere Männer und Frauen. Ich finde es gut, dass es eine Frauenliste gibt, auch wenn sie klein ist, denn sie unterstützt das Anliegen, dass mehr Frauen in Führungspositionen sein sollten. Ich bin nur ein Teil dieser Frauenliste, weil es nicht so viele von uns gibt, die grosse Firmen leiten. Aber vielleicht ermutigt es andere Frauen, sich hohe Ziele zu setzen, und wir bereits «vorhandenen» Frauen in der Gruppe um Cherie Blair treffen uns ja auch, um dieses Anliegen zu unterstützen. Wir betrachten das als Teil unserer Mission, genauso, wie wir Frauen in unterprivilegierten Ländern helfen wollen, voranzukommen und etwas aus und für sich und ihre Familien zu machen. Deshalb betrachte ich diese Liste als etwas wirklich Gutes.