Sintflut oder Unsinnflut
Editorial von Yves Kugelmann
Die alte Menschheit. Einst – so der biblische Mythos im Buche Genesis – rettete Noahs Arche Menschheit und Natur vor der Sintflut, die Gott geschickt hatte. Nun droht eine neue Sintflut. Die selbstverschuldete, von Menschen verursachte. Und wieder soll eine Arche den Untergang abwenden. Diesmal keine mythische, sondern ein riesiger Tiefkühlschrank im norwegischen Spitzbergen, in dem über vier Millionen Saatgutmuster eingefroren werden. Natur- oder Klimakatastrophen, Atom- und andere Kriege: die menschliche Selbstvernichtung soll im «gefrorenen Garten Eden», wie der EU-Vorsitzende das frostige Projekt diese Wochen nannte, überdauert werden.
Die neue Menschheit. Bald wird es nicht mehr nur um Saatgut gehen. Bald wird man die genetischen Daten von aussterbenden Pflanzen- und Tierarten sammeln müssen. Bald wird der alte Mensch zum Schutz vor dem künstlichen, dem genetisch veränderten Menschen konserviert werden müssen, bald wird die «Rassenfrage» wieder evident, wenn Wissenschaftler in Labors den neuen, künstlichen, den vermeintlichen Ideal-Menschen züchten werden. Was noch vor kurzem nach einer schlechten Science-fiction-Vorlage klang, wird heute in Off-shore-Labors angetestet. Der Saatgutbank werden bald Spermien- und DNA-Datenbanken folgen, die den alten Menschen für künftige Weltlichkeiten mumifizieren sollen.
Stecknadelkopfprinzip. Und so war’s und wird’s weitergehen. Museen, Archive, Bibliotheken, neue Museen, neue Archive, neue Bibliotheken, immer weitere Bunker des Wissens, Verwahrens, Lagerns, Mausoleen der Vergangenheit, Zeugnisinstitutionen dessen, was einmal war und oft nicht mehr ist. Heerscharen von Wissenschaftlern, Bürokraten, Administratoren, die bewahren, archivieren, inszenieren, einordnen, fokussieren. Verwalten der Vergangenheit, Vergessen der Gegenwart. Zuwendung an die Toten, forschen für die Zukunft, Übergehen der Lebenden. Der tagtägliche Speicher-, Aufbewahrungs-, Archivierungswahn sprengt bald Archive, Museen, Bibliotheken, ist in absehbarer Zeit nicht mehr zu bewältigen. Irgendwann aber wird das ganze menschliche Wissen, alle E-Mails, Fotos, Dokumente, jede DNA alle genetischen Codes, sämtliche jemals gespeicherten Daten, alle digitalisierten Inhalte, jegliche binären Files in einem Speichermedium von der Grösse eines Stecknadelkopfs Platz finden, die die NASA zu Tausenden ins Universum schiessen wird, bevor die Sonne oder die Klimakatastrophe oder die menschliche Apokalypse die Erde frisst. Dann werden die Menschen dafür gelebt, gespeichert, archiviert, verwahrt haben: für einen Stecknadelkopf, den irgendein Alien finden und wegwerfen wird.
