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29. Februar 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 9, tachles

Obamas Erfolgsgeheimnis

Rubrik: International

 

Erfolgreicher Wahlberater David Axelrod, hier mit Barack Obama,

Der Siegeszug von Barack Obama beim Rennen der demokratischen Bewerber um die US-Präsidentschaft hat Hillary Clinton ratlos gemacht. Doch Obamas bisherige Erfolge sind nicht nur seinem Charisma zu verdanken, sondern auch dem Können von David Axelrod. Der Wahlstratege berät Obama seit seinen frühen Tagen in Chicago.

Von Andreas Mink

Seit dem «Super-Dienstag» am 5. Februar hat Barack Obama eine ununterbrochene Serie von inzwischen elf Siegen bei den Vorwahlen der Demokraten für die US-Präsidentschaft errungen. Nach seinen jüngsten Erfolgen in Wisconsin und Hawaii nimmt die hiesige Berichterstattung zunehmend den Tenor eines Nachrufs an, wenn sie die Chancen von Hillary Clinton diskutiert. Gestützt auf rund eine Million Spender, hat Obama deutlich mehr Geld zur Verfügung als die ehemalige First Lady. In den Umfragen schneidet er seit Wochen im direkten Vergleich mit dem republikanischen Spitzenreiter John McCain besser ab als Clinton. Und obwohl sie vor den Wahlen in Texas und Ohio am 4. März immer noch höher als der Juniorsenator von Illinois rangiert, haben sich auch dort die Umfragewerte gedreht, seit Obama persönlich vor riesigen Menschenmengen in Austin, Dallas, Cleveland oder Toledo auftritt. Obama weitet den Kreis seiner Anhänger bislang unaufhaltsam aus. Inzwischen unterstützen ihn gerade in Ohio bedeutende Gewerkschaften, während in Texas prominente Latino-Politiker das Lager Clintons verlassen.

Die wichtige Wahl der richtigen Berater

Clinton tut sich zunehmend schwer damit, eine Antwort auf Obamas Siegeszug zu finden. Von einem kleinen Kreis langjähriger Berater umgeben, hat sich die Senatorin von New York als die unvermeidliche Gewinnerin positioniert, deren Erfahrung, Kriegskasse und Rückhalt in der Partei den Kampf um die Nominierung zum Spaziergang machen würden. Blind vor Siegesgewissheit, hatte ihr hochbezahlter Stab offensichtlich nicht über den «Super-Dienstag» hinaus geplant. Inzwischen sagen sich die Wähler und Experten, dass es mit Clintons politischer Erfahrung und ihren strategischen Fähigkeiten so weit nicht her sein kann, wenn sie sich von einem angeblich naiven Grünschnabel überrunden lässt. Selbst konservative Beobachter notieren, dass Obama zumindest über das Stehvermögen und die Weitsicht verfügt, die Herausforderungen einer komplexen und enorm aufwendigen Kampagne gegen eine klare Favoritin zu meistern. Der 46-Jährige hat dabei Führungsqualitäten an den Tag gelegt, die das Prädikat «präsidial» verdienen. Aber Obamas Talent beschränkt sich nicht nur auf seine Redekunst. Er beweist auch eine sichere Hand bei der Wahl seiner Berater. Obama verlässt sich seit dem Beginn seiner politischen Karriere in Chicago auf einen der besten Kenner der amerikanischen Politik, den 53-jährigen Wahlstrategen David Axelrod.

Aufgewachsen an der Lower East Side, dem traditionellen jüdischen Wohnviertel in New York, hat Axelrod bereits als Junge grosses Interesse für die Politik bewiesen und Postwurfsendungen für den damaligen Bürgermeister John Lindsay verteilt. Axelrod hat in Chicago studiert und ist der für ihre raue politische Szene berühmten Stadt bis heute treu geblieben. Nach seinem Abschluss wurde er Reporter bei der Chicago Tribune, wo ihm bereits mit 27 Jahren eine feste Kolumne übertragen wurde. Die rasante Karriere bei einer der bedeutendsten Zeitungen der USA hielt ihn jedoch nicht davon ab, 1984 das Metier zu wechseln. Er schloss sich der Kampagne des liberalen, demokratischen Kongressabgeordneten Paul Simon an und stieg innerhalb weniger Wochen in deren Leitung auf. Simons Überraschungserfolg ermutigte Axelrod zur Gründung einer eigenen Firma und machte ihn schlagartig über Chicago hinaus bekannt. Sein damaliger Mitstreiter David Wilhelm hat Axelrod als «Idealisten» charakterisiert, der vor allem dann erfolgreich ist, wenn er von einem Kandidaten und dessen Botschaft überzeugt sei. Wilhelm wurde später Vorsitzender der demokratischen Partei. Er galt lange als Clinton-Anhänger, hat sich jedoch vor einigen Wochen auf die Seite Obamas geschlagen. Wilhelm ist nur einer von zahlreichen einflussreichen Demokraten, die langjährige persönliche Beziehungen zu Axelrod pflegen und gleichzeitig skeptisch gegenüber Clintons Chancen im Kampf gegen die Republikaner sind.

«Yes We Can!»

Axelrod und seine Firma AKP&D Message and Media haben seit 1985 die erste Riege der Demokraten bei der Entwicklung und Umsetzung von Wahlstrategien und Anzeigenkampagnen beraten. Darunter fanden sich Bill und Hillary Clinton, John Edwards und der Abgeordnete Rahm Emanuel aus Chicago, der Axelrod bei den siegreichen Wahlen für den US-Kongress im November 2006 hinzugezogen hat. Axelrod war lange eng mit den Clintons befreundet. Er kennt Hillary aus deren Kampagnen für den US-Senat so gut, dass er bei den Übungen für die inzwischen 20 TV-Debatten der Demokraten Obama gegenüber stets die Rolle Clintons spielt. Wie Axelrod selbst erklärt, sind seine eigentliche Spezialität jedoch «urbane Wahlkämpfe». Seit er die Kampagne des charismatischen Afroamerikaners Harold Washington für den Bürgermeisterposten in Chicago geführt hat, gelang es Axelrod wiederholt, junge, schwarze Politiker in Rathäuser und Gouverneursresidenzen zu bringen.

Obama ist nach Patrick Deval in Massachusetts und Anthony Williams, bis 2007 Bürgermeister der US-Haupstadt, der bislang letzte und mit Abstand erfolgreichste afroamerikanische Klient von Axelrod. Er kennt Obama seit über 15 Jahren und hat 2004 dessen Kampagne für den US-Senat geleitet. Zur Vorlage der aktuellen Strategie von Obama wurde jedoch die Gouverneurswahl in Massachusetts im Jahr 2006: Damals hat Axelrod den Überraschungssieg von Patrick Deval vorbereitet, indem er ihn als jungen Hoffnungsträger herausgestellt hat, der jenseits von Rassen- und Klassenschranken Gemeinsinn mit pragmatischen Zielen verbindet. Axelrods Slogan «Yes We Can!» war für Deval so erfolgreich, dass er ihn an Obama weitergereicht hat. Der hat damit zwar kurzfristig Plagiatsvorwürfe von Clinton geerntet, diese Krise jedoch rasch überstanden.

Gründliche Vorarbeit geleistet

Axelrod bricht mit der Tradition seiner Partei, indem er bei Wahlkämpfen eher auf die Persönlichkeit eines Kandidaten setzt als auf detaillierte Versprechen und Botschaften für einzelne Bevölkerungsgruppen. Diesen post ideologischen Ansatz kombiniert der 53-jährige Schnauzbartträger mit einem geradezu obsessiven Fokus auf systematische Basisarbeit, die er in unzähligen lokalen Entscheidungen erlernt hat. So hat Obama seinen derzeitigen Vorsprung bei Parteitagsdelegierten auch den Bürgerversammlungen in zahlreichen Gliedstaaten zu verdanken, für die seine breit aufgestellte Organisation jeweils überwältigende Zahlen von Anhängern mobilisieren konnte. Axelrod und sein Partner David Plouffe haben oft Wochen, ehe Clintons Leute aktiv geworden sind, in jedem Bundesstaat gründliche Vorbereitungen für die Wahlwerbung getroffen. Plouffe hat den Stab des ehemaligen Kongressabgeordneten Dick Gephardt aus Missouri geleitet, der enormes Ansehen bei Amerikas Gewerkschaften geniesst. Dieser Zusammenhang erklärt mit, dass sich grosse Arbeiterverbände hinter Obama stellen. Axelrod und Plouffe können neben Gephardt auf den ehemaligen Mehrheitsführer der Demokraten im Senat Tom Daschle zählen. Auch der nimmt Obamas evidente Beliebtheit bei Unabhängigen als viel versprechendes Omen für einen Erdrutschsieg der Demokraten bei den Kongresswahlen im Herbst, der zur Durchsetzung einer Reformagenda notwendig wäre.

Von Obama und Axelrod nahezu um die Nominierung der Demokraten für die Auseinandersetzung mit McCain gebracht, schwanken Clinton und ihre Berater. Sie muss die verbleibenden Vorwahlen mit Stimmanteilen von 65 Prozent für sich entscheiden, will sie Obama bei der Zahl der Parteitagsdelegierten noch überrunden, die im Spätsommer offiziell über den demokratischen Kandidaten entscheiden. So verweist Clinton einmal auf ihre angeblich überlegene Kompetenz in Sachfragen und ihre «35-jährige Erfahrung». Dann will sie den «Menschen Hillary» vorkehren, Verständnis und Mitgefühl für die Nöte der Wähler an den Tag legen. Immer wieder schiebt sich eine kämpferische Clinton in den Vordergrund, die – wie inzwischen auch McCain – Obamas Hoffnungs-Rethorik als Schaumschlägerei abtut. Doch der hat sich etwa in der Debatte mit Clinton in der vergangenen Woche als durchaus ebenbürtig in der Diskussion der Gesundheitspolitik gezeigt. So bleibt der ehemaligen Lady nicht mehr viel Zeit. Bill Clinton hat seiner Frau bei einem Auftritt in Texas vorgerechnet, dass sie nächste Runde am 4. März überzeugend gewinnen muss, wenn sie überhaupt noch im Rennen bleiben will.