Pompeji ohne Pomp – Bonjour, Berlin!
Zum 100. Geburtstag von Mascha Kaléko, einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts.
Anstatt der üblichen Statistik
Gönnt der Autorin etwas Mystik!
Die ganz privaten Lebensdaten
Wird euch ihr Grabstein einst verraten.
Doch mögt ihr (wollt ihr sie beschenken)
Am siebten Juni an sie denken.
Mascha Kaléko schrieb diese Zeilen. Die scheue Lyrikerin, dieses «Nachtschattengewächs mit Morgenstörungen» wie ihr Freund, der Schriftsteller Horst Krüger sie einst nannte, geizte Zeit ihres Lebens mit autobiografischen Puzzleteilchen. Am siebten Juni dieses Jahres wäre sie 100 Jahre alt geworden. Ja, dieses Jahres, nicht fünf Jahre später. Denn Golda Malka Aufen, geschiedene Kaléko, verheiratete Vinaver, retuschierte kokett und erfolgreich ihr Geburtsdatum, machte sich für die Öffentlichkeit und ihre private Eitelkeit fünf Jahre jünger. Bis heute findet sich in einigen Lexika noch das falsche Geburtsjahr 1912. Doch «Mascha», wie die Berliner sie bald liebevoll nannten, kam am 7. Juni 1907 im galizischen Chrzanów zur Welt.
Mascha Kaléko und Berlin, Mascha Kaléko und Deutschland, das ist eine Liebesgeschichte. Eine komplizierte zwar, eine tragische, aber nichtsdestotrotz eine grosse. Die Familie wanderte nach Deutschland aus, die junge Mascha begeisterte sich für das Grossstadtleben, fühlte den Puls der Zeit und kleidete ihn in Worte: Ihre ersten Gedichte erschienen ab 1929 in Zeitschriften wie der «Vossischen Zeitung» und dem «Berliner Tageblatt». Bald schon galt sie den Lesern als «weiblicher Ringelnatz», der dem Alltag schnoddrig und charmant auf die Finger schaute, wie folgendes Gedicht veranschaulicht:
Die Dächer glühn als lägen sie im Fieber.
Es schlägt der vielgerühmte Puls der Stadt.
Grell sticht Fassadenlicht. Und hoch darüber
Erscheint der Vollmond schlechtrasiert und matt.
Ein Kinoliebling lächelt von Reklamen
Nach Chlorodont und sieht hygienisch aus.
Ein paar sehr heftig retuschierte Damen
Blühn bunt am Hauptportal vorm Lichtspielhaus.
Mascha Kaléko las im Radio und im «Küka», dem Künstlerkaffee und verkehrte im Berliner Romanischen Café. Auch das Kabarett wurde auf sie aufmerksam: Claire Waldoff, Rosa Valetti und Tatjana Sais rezitierten ihre Gedichte. 1933 erschien ihr erstes Buch «Das lyrische Stenogrammheft» bei Ernst Rowohlt.
Mut bewiesen
Aber dann wurde der Wind rauer: Die Nationalsozialisten kamen an die Macht. Mascha Kaléko war Jüdin, eine zierliche, dunkelhaarige Schönheit. Anfangs ignorierte sie die Ziele der neuen Machthaber, hielt sie – wie viele ihrer Zeitgenossen – für eine vorübergehende Erscheinung. Doch dann war plötzlich Zivilcourage gefragt. Und Mascha Kaléko hatte sie: Die Schauspielerin Gisela Zoch-Westphal, eine Freundin der Dichterin, erinnerte sich einst an ihre erste Begegnung mit ihr bei einem Empfang 1968. Dort bedankte sich der Schriftsteller Walter Mehring mit einem Toast bei Mascha Kaléko für sein Leben. Gisela Zoch-Westphal: «Ihr kurzer, energischer Warnruf im ‹Romanischen› Café hatte ihn von seinem Stammtisch hochsehen, die Gefahr erkennen lassen und er verschwand. Kühn hatte Mascha den Uniformierten den Weg verstellt – mädchenhaft naiv gespielt, so als kapierte sie in ihrer Harmlosigkeit nicht, was die Männer eigentlich wollten, hatte sie gefragt, kokettiert, abgelenkt, um für den Verfolgten Zeit zu gewinnen. Walter Mehring war buchstäblich aus dem ‹Romanischen Café› ins Exil gegangen. Und dafür dankte er der Freundin an diesem Juniabend.»
Die sogenannte Reichsschrifttumskammer schloss Mascha Kaléko aus, ihre Bücher wurden von den Nazis konfisziert. Trotzdem zögerte Mascha Kaléko lange, Deutschland den Rücken zu kehren: Sie hatte Freunde dort, Christen und Juden. Sie liebte das Land und die Menschen. Erst im September 1938 verliess sie – inzwischen zum zweiten Mal verheiratet – mit ihrem Mann Chemjo Vinaver und dem gemeinsamen Sohn Deutschland. Die Familie emigrierte in die USA, wo Kaléko sich und ihre Familie mit dem Texten von englischen Reklamereimen über Wasser hielt. Die Sehnsucht jedoch blieb: Deutschland war ihr Zuhause, Deutsch ihre Muttersprache, ihr sprachliches Handwerk. Das Dichten auf Englisch funktionierte nicht, also veröffentlichte sie weiterhin auf Deutsch, beim «Aufbau», der sich zur wichtigsten Zeitschrift für deutsche Immigranten entwickelte. Dort veröffentlichten auch Thomas Mann, Stefan Zweig und Bertolt Brecht.
Nach Kriegsende hielt es Mascha Kaléko vor Sehnsucht nach Europa nicht mehr aus: 1956 reiste sie erstmals zurück nach Deutschland, denn Ernst Rowohlt legte ihr «Lyrisches Stenogrammheft» neu auf. Sie schrieb:
Als ich Europa wiedersah
– Nach jahrelangem Sehnen –
Als ich Europa wiedersah
Da kamen mir die Tränen.
Berlin hiess sie willkommen: Die Akademie der Künste in Berlin nominierte Mascha Kaléko für den Fontane-Preis. Doch als die Dichterin erfuhr, dass der Schriftsteller Hans Egon Holthusen – Direktor der Abteilung für Dichtung und Jury-Mitglied – von 1933 bis 1937 Mitglied der SS gewesen war, lehnte sie die Auszeichnung ab und bewies mehr Rückgrat als die Akademie. Der Preis dafür war hoch: Sie wurde danach nie wieder für einen Preis nominiert. Die folgenden Jahre wurden für die Dichterin schwer: 1960 wanderten sie und ihr Mann nach Israel aus, wo Mascha Kaléko nur wenig Hebräisch lernte und kaum noch schrieb. 1968 starb ihr Sohn mit nur 31 Jahren. Doch das war nicht der letzte Schicksalsschlag: Wenige Jahre später starb auch ihr Mann.
Nie ein Wort der Bitterkeit
Mascha Kaléko unternahm danach eine letzte Europareise. Sie lernte den Schriftsteller Horst Krüger kennen. Er war, genau wie Mascha Kaléko, ein «alter Berliner von einst» und unternahm mit der Dichterin drei Tage lang einen Streifzug durch Berlin, um sie wieder für die Stadt ihrer Sehnsucht zu begeistern, um sie wieder «nach Hause zu locken». Vielleicht wäre ihm das sogar gelungen. Vielleicht – denn auf ihrer Rückreise von Berlin musste sie, durch Magenkrebs geschwächt, in Zürich ins Krankenhaus. Am 21. Januar 1975 starb Mascha Kaléko.
Horst Krüger, ihr Freund während ihres letzten Berlin-Besuchs, schrieb über sie: «Sie hat als Jüdin nie ein Wort der Anklage oder Bitterkeit gefunden.» Im Gegenteil: Die Berlin-Besuche müssen sie, trotz der bitteren Episode mit dem Fontane-Preis, gestärkt und beflügelt haben: Etwa, als sie erfuhr, dass ein Fotograf in den Trümmern der Berliner Grossstadt ein Exemplar des «Lyrischen Stenogrammhefts» gefunden hatte. Oder dass nach dem Verbot ihrer Bücher ihre Gedichte per Schreibmaschine abgetippt und als geheftete Exemplare in Umlauf gebracht worden waren. Von dieser leisen Freude der Dichterin erzählt ihr «Wiedersehen mit Berlin» – und von dem Aufflackern einer lebenslangen, fast schon vergessen geglaubten Liebesgeschichte. Entstanden ist es auf ihrer ersten Deutschlandreise nach dem Zweiten Weltkrieg. Es markiert Mascha Kalékos lyrische Heimreise – und ist vielleicht ihr schönstes Gedicht:
Wiedersehen mit Berlin
Berlin, im März. Die erste Deutschlandreise,
seit man vor tausend Jahren mich verbannt.
Ich seh die Stadt auf eine neue Weise,
so mit dem Fremdenführer in der Hand.
Der Himmel blaut. Die Föhren rauschen leise.
In Steglitz sprach mich gestern eine Meise
Im Schlosspark an. Die hatte mich erkannt.
(...)
Es ostert schon. Grün treibt die Zimmerlinde.
Wies heut im Grunewald nach Frühjahr roch!
Ein erster Specht beklopft die Birkenrinde
Nun pfeift der Ostwind aus dem letzten Loch.
Und alles fragt, wie ich Berlin denn finde?
Wie ich es finde? Ach, ich such es noch!
Ich such es heftig unter den Ruinen
Der Menschheit und der Stuckarchitektur.
Berlinert einer: «Ick bejrüsse Ihnen!»
Glaub ich mich fast dem Damals auf der Spur.
Doch diese neue Härte in den Mienen . . .
Berlin, wo bliebst du? Ja, wo bliebst du nur?
Auf meinem Herzen geh ich durch die Strassen,
wo oft nichts steht, als nur ein Strassenschild.
In mir, dem Fremdling, lebt das alte Bild
Der Stadt, die so viel Tausende vergassen.
Ich wandle wie durch einen Traum
Durch dieser Landschaft Zeit und Raum.
Und mir wird so ich-weiss-nicht-wie
Vor Heimweh nach den Temps perdus . . .
Berlin im Frühling. Und Berlin im Schnee.
Mein erster Versband in den Bücherläden.
Die Freunde vom Romanischen Café.
Wie vieles seh ich, das ich nicht mehr seh!
Wie laut «Pompejis» Steine zu mir reden!
Wir schluckten beide unsre Medizin.
Pompeji ohne Pomp. Bonjour, Berlin!
Kirsten Meyer
Jutta Rosenkranz: Mascha Kaléko, Biografie. DTV Premium, München.

