23. Juli 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 29
 

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24. Februar 2006, 6. Jahrgang, Ausgabe 8, tachles

Der Judenmord

Rubrik: International

 

Editorial von Yves Kugelmann

Mord. In eine Falle gelockt, entführt, drei Wochen lang gefangen gehalten, erbärmlichst gequält, sozusagen zu Tode gefoltert, sterbend aufgefunden und im Krankenwagen verstorben: Die tragische Geschichte des 23-jährigen Pariser Juden Ilan Halimi schockiert Frankreich und erschüttert die Juden weltweit (vgl. S. 23). Denn der Sohn eines Rabbiners ist gemäss Aussagen der Ermittlungsbehörden und von Verdächtigen zum Opfer geworden, weil er Jude war. Und er wurde ein Opfer, weil alle, die hätten sehen können, was geschah, zuschauten und schwiegen: zwölf verdächtige Täter, Menschen im Umfeld der Bande, ein Quartier in der Pariser Umgebung.

Antisemitismus. Und so wird der Foltermord zu etwas mehr als «nur» einer Einzeltat. Er wird zu einer Tat, die eine ganze Gesellschaft in die Verantwortung nimmt: Weil alle, die wussten, hätten wissen können, schwiegen und so Komplizen wurden. Weil das in der Öffentlichkeit kolportierte Bild der Juden, das sich die Täter zu eigen machten und das vermutlich wesentlich für das Verbrechen ist, von einer Gesellschaft über Jahre hinweg regelrecht verfeinert und weitervermittelt, nicht aufgeklärt und bekämpft wurde. Das Bild der Juden als Täter, das Bild der Juden als Mächtige, das Bild der Juden als Reiche, das Bild der Juden als Privilegierte, das Bild der Juden als das «Andere» – leider auch immer wieder unter Mitwirkung jüdischer Organisationen –, in einem Paris, das vor kurzem die Früchte sozialer Missstände einer verkorksten Einwanderungspolitik, einer verpassten Integration bei den Ausschreitungen in den Banlieus erfahren musste. Wer ein Stereotyp lange genug öffentlich verankert, der schafft eine neue Realität; so wie Max Frisch dies in «Andorra» oder Albert Camus in «Die Pest» anschaulichst beschrieben haben. Werke, in denen die Autoren gesellschaftliche Mechanismen radikal offen legen, die dazu führen können, dass ein Kollektiv ein anderes Kollektiv oder Individuen rassistisch ausgrenzt – was bis zu Mord führen kann. Der Foltermord von Paris wird die gesellschaftlichen Schattenseiten beleuchten und ins Rampenlicht zerren müssen, bis alle Brandstifter, die mit Worten und Messern angreifen, bis die Urheber von Propaganda und Ideologie, die Aufhetzer und Wortverbrecher in Gotteshäusern entlarvt sind, bis Stereotypen und Vorurteile nicht mehr zu Ausgrenzung oder Mord führen, bis die Gesellschaft Zivilcourage und Verantwortung als wesentlichen Bestandteil eines Rechtsstaats betrachtet. Denn, wie einst Max Frisch schrieb: «Die Unverbindlichkeit, das Schweigen zu einer Untat, die man weiss, ist wahrscheinlich die allgemeinste Art unserer Mitschuld».

Frankreich. Antisemitische Vorfälle sind gemäss neuen Zahlen in Frankreich im letzten Jahr um 30 Pronzent zurückgegangen. Eine frohe Botschaft. Doch 70 Prozent der Vorfälle bleiben, 70 Prozent Antisemitismus, von dem bereits der Philosoph Jean-Paul Sartre forderte, dass die Mehrheitsgesellschaft für diese Verantwortung übernehmen müsste. Konkret heisst dies heute, dass sich Bürger eines Landes – gleich welcher Ethnie oder Religion – konsequent gegen jene richten müssen, die in Worten, Bildern, Taten die Grundlage für Morde schaffen, Taten, die weder mit Herkunft noch mit sozialem Notstand der Täter legitimiert werden dürfen. Gerade auch Gutmenschen und Falken sollen diese Tat nicht in die eine oder andere Richtung vereinnahmen, sondern künftig Bestandteil einer Gesellschaft werden, die verantwortlich ist für alles.