Die Kluft wird immer grösser
Israels Reiche werden immer reicher, die Mittelschicht gerät unter Druck, und die Sephardim bleiben im Vergleich zu den Aschkenasim benachteiligt. Zu diesem Schluss gelangt der Bericht eines sozioökonomischen Thinktanks. Aufsehen erregt darüber hinaus ein «Newsweek»-Artikel über Sharons angebliche
Konzessionsbereitschaft den Palästinensern gegenüber.
Von Jacques Ungar
Hatte es der letztwöchige Terroranschlag in Netanya geschafft, die Aufmerksamkeit
von Öffentlichkeit und Parteien im Nu von sozial- auf sicherheitspolitische
Fragen abzulenken, sorgte der am Dienstag dieser Woche publizierte Bericht des
Adva-Zentrums für einen vorübergehenden erneuten Umschwung des Pendels.
Das Zentrum, ein unabhängiger sozioökonomischer Thinktank, gelangt
aufgrund der Auswertung von Daten des statistischen Zentralbüros Israels
und der Bank of Israel nämlich zu äusserst bedenklichen Schlussfolgerungen.
Seit 1990 haben die 20 Prozent der am meisten verdienenden Bürger ihren
Anteil an den bezahlten Löhnen von 40 auf 44 Prozent erhöht. Anders
herum ausgedrückt: Ein Lohnempfänger in der Schicht der zehn Prozent
am meisten verdienenden Israeli hat im Jahre 2004 mehr als zwölf Mal so
viel verdient, wie ein Angehöriger der untersten zehn Prozent der Einkommenspyramide.
Als weiteren Beweis für die ungleiche Verteilung des Wirtschaftswachstums
seit 1990 auf die Gesamtbevölkerung führt der Adva-Bericht die Tatsache
an, dass sich die Industriebereiche Textil und Nahrungsmittel mit bescheidenen
Wachstumsraten von vier Prozent begnügen mussten, während der High-Tech-Sektor
100 Prozent zulegen konnte. Es überrascht nicht, dass zwei bekannte Phänomene
in diesem Bericht der Ungleichheit und der wachsenden Kluft nicht fehlen: Die
Ungleichheit zwischen Männern und Frauen und die ethnische Ungerechtigkeit.
Der von Frauen verdiente Monatslohn macht in Israel immer noch lediglich 63
Prozent des Durchschnittslohns ihrer männlichen Arbeitskollegen aus. Und
Aschkenasim haben im Jahr 2004 pro Kopf 136 Prozent des israelischen Durchschnittslohns
einkassiert, während sich arabische Bürger mit 75 Prozent dieses Wertes
zufrieden geben mussten und die Sephardim genau auf den Durchschnittslohn kamen.
Barbara Swirski, die Leiterin von Adva, gelangt aufgrund von dieser Analyse
zum wenig erhebenden Schluss, dass Israel es mit einer kleinen Schicht der Bevölkerung
(die vorwiegend im Zentrum des Landes lebt) gut meint und dass auch die Mittelklasse
zusehends unter Druck gerät. Bei ihrer Beurteilung betont Swirski, dass
nicht der Lohnzuwachs in absoluten Zahlen wichtig sei, sondern die Frage, wie
es einer Person in der Gesellschaft als Ganzes gehe. «Das Gefühl
des Wohlbefindens in der Gesellschaft gibt Aufschluss darüber, wie nahe
ein Mensch sich dem sogenannten normativen Israeli fühlt», erklärt
Swirski, die vor einer immer tiefer werdenden Wohlstandskluft warnt.
Artikel sorgt für Wirbel
Dass die sozioökonomische Situation in Israel nicht unbedingt beispielhaft
ist, bestätigt auch ein Bericht des United Nations Development Program,
nach welchem Israel auf einer die nationalen Einkommensungleichheiten messenden
Rangliste Platz 49 unter 124 untersuchten Staaten belegt. Die genannten Fakten
und Zahlen sollten eigentlich in allen Parteizentralen rote Alarmlichter aufleuchten
lassen, ganz zu schweigen von den Regierungsbüros. Abgesehen von vagen
Versprechungen aber, nach den Wahlen werde «alles anders», gab es
bisher in dieser Hinsicht nichts zu vermerken. Die von Eli Yishai, dem Chef
der ultrareligiösen Shas-Partei, geäusserte Vermutung, die sozioökonomischen
Schecks, welche die Parteien im Wahlkampf ausstellen, würden «am
Tag nach den Wahlen» verfallen, dürfte daher nicht ganz unrealistisch
sein.
Was den Wahlkampf angeht, schwebt seit Dienstag ein ganz gewichtiger politischer
Versuchsballon am Himmel Israels. Laut einem im Magazin «Newsweek»
erschienenen Artikel soll Ariel Sharon im Austausch für einen Frieden nämlich
nicht nur bereit sein, einen palästinensischen Staat auf 90 Prozent des
Territoriums der Westbank zu akzeptieren, sondern auch in Jerusalem territoriale
Zugeständnisse zu machen. Der Artikel basiert auf einem Gespräch eines
«Newsweek»-Reporters mit Kalman Gayer, einem Berater Sharons für
Umfragen und Meinungsforschung. Sharons Büro reagierte prompt und bezeichnete
die Aussagen des Artikels als «sinnlos und absurd». Man sei einzig
dem «Marschplan» verpflichtet und verfolge keine Alternativprogramme.
Wer anderes behaupte, mache das auf eigene Initiative und nicht im Namen des
Regierungschefs. Der Artikel relativierte Gayers Bemerkungen, indem er betonte,
Sharons Konzessionen seien derzeit noch theoretischer Natur, nicht zuletzt aufgrund
der Abwesenheit kompetenter palästinensischer Gesprächspartner. Heute
würde Israels Premier einen Palästinenserstaat auf der Hälfte
des Westbank-Territoriums anstreben sowie das Ergreifen vertrauensbildender
Massnahmen. Gayer selber, offenbar aufgeschreckt durch den Staub, den der Artikel
aufgewirbelt hatte, machte einen raschen Rückzieher. Er habe «Newsweek»
nur Hintergrundinformationen gegeben und verboten, dass diese in seinem Namen
zitiert würden. Dass der Artikel für Sharons innenpolitische Gegner
ein gefundenes Fressen ist, war zu erwarten. Binyamin Netanyahu etwa, ein Kandidat
für das Amt als Likud-Vorsitzender, meinte, der Assistent des Premiers
würde das enthüllen, was der Chef zu verbergen trachte, was aber alle
längstens wüssten: Sharon werde Jerusalem teilen und an die Palästinenser
im Rahmen der Grenzen von 1967 Konzessionen machen. In die gleiche Kerbe schlug
Bildungsministerin Limor Livnat: «Ein weiterer Beweis dafür, dass
der Weg von Kadima der Weg der Linken und des Rückzugs ist.»
Kadima auf dem Vormarsch
Solche Äusserungen können zwar als Bestandteil des psychologischen
Wahlkriegs abgetan werden, doch einige Ungereimtheiten bleiben im Raume stehen.
So hat Sharon zunächst darauf verzichtet, den «sinnlose und absurde»
Äusserungen verbreitenden Mitarbeiter Kalman Gayer zu feuern. Ferner ist
es nicht üblich, dass derart hochrangige Assistenten ihren Chef zitieren,
ohne vorher mit ihm die Thematik besprochen zu haben. Die Möglichkeit ist
also nicht auszuschliessen, dass Sharon die Reaktion in Partei und Öffentlichkeit
hat testen wollen. Das Ganze beweist einmal mehr, dass der Regierungschef seiner
Tradition treu bleibt und seiner Umgebung in seine politischen Karten keinen
Einblick gewährt.
Was die Chancen der verschiedenen Parteien im Hinblick auf die Wahlen vom 28.
März betrifft, scheint der Vormarsch von Sharons Kadima kaum aufzuhalten
zu sein. Laut einer am Montag von «Yediot Achronot» veröffentlichten
Umfrage würde Kadima heute auf 41 der 120 Knessetmandate kommen, die Arbeitspartei
würde auf 21 zurückfallen, der Likud auf elf. Shinui, die mutmasslich
grosse Verliererpartei des kommenden Urnengangs, würde sich, ebenso wie
die National-Religiöse Partei (NRP) und die linksliberale Meretz, mit vier
Sitzen zufrieden geben müssen. Shas und die arabischen Parteien würden
unverändert bei zehn beziehungsweise acht Mandaten bleiben, während
das Vereinigte Thorajudentum (6) und Israel Beiteinu (6) steigende Tendenzen
aufweisen würden. Die bisher erfolglos eine Vereinigung mit der NRP anstrebende
Nationale Union bleibt auf ihren fünf Mandaten sitzen.
In Sharons Umgebung bereitet der nicht einzudämmende Zustrom vom Likud
zu Kadima nicht nur eitel Freude. Nachdem nun auch Verteidigungsminister Shaul
Mofaz die Fronten gewechselt hat – keine 24 Stunden nach seiner pathetischen
Beteuerung, der Likud sei sein Heim – mehren sich bei Kadima die Stimmen,
die fordern, die Aufnahme neuer Mitglieder strikteren Kriterien zu unterstellen.
Und sollte die Zeitungsmeldung vom Mittwoch zutreffen, wonach Mofaz nur zwei
Tage vor dem Verlassen des Likud Lokalverwaltungen von Westbank-Siedlungen den
Bau von mehreren hundert neuer Wohneinheiten gestattet hat, dann hätte
Mofaz sich selber das Zeugnis eines Opportunisten von wackliger Glaubwürdigkeit
ausgestellt und den Befürwortern einer «Zuwanderungsbeschränkung»
bei Kadima weitere Argumente geliefert.

