Das Schreckgespenst des 21. Jahrhunderts
Wenn der «Krieg gegen den Terror» je zu einem Ende kommen soll, dann muss zuerst den Ursachen des Terrorismus auf den Grund gegangen werden.
Von Behrouz Khosrozadeh
Der Ägypter Hassan al-Banna gründete 1928 die Muslimbruderschaft. Diese Bewegung, die als die Geburtsstunde des Islamismus gilt, konnte sich rasch in der sunnitisch-islamischen Welt verbreiten. Al-Bannas Konstruktion hatte die Errichtung eines Gottesstaates auf der Basis der Scharia zum Ziel. 1949 wurde er von der Kairoer Polizei erschossen. Der geistige Mentor der Muslimbruderschaft, Seyyed Qutb, dessen Pamphlet «Wegzeichen» wie der Koran in der sunnitischen Welt gelesen wird, wurde 1966 in Kairo öffentlich gehängt. Obschon die Bruderschaft sich im sunnitischen Teil des Islam tief verwurzeln konnte, blieb sie doch stets unter strenger Kontrolle der jeweiligen Staaten. Die Muslimbrüder treten heute in Ägypten für ein Mehrparteiensystem ein und halten das politische System und die ägyptische Gesellschaft für islamkonform.
Die Geburt des explosiven Islamismus
Infolge des Sieges der schiitischen Revolution im Februar 1979 mutierte der Islamismus von einem ideologisch-weltanschaulichen von arabischen Staaten effektiv überwachten Phänomen zu einer explosiven Herausforderung mit ungeahntem Mobilisierungspotenzial. Obgleich schiitisch geprägt, demonstrierte die iranische Revolution imposant die Macht der (islamischen) Religion und dass diese durchaus in der Lage ist, die Staatsführung zu übernehmen. Khomeini hatte ein Exempel statuiert. Fast alle islamistischen (gewaltfreien und terroristischen) Gruppierungen sind erst nach der Mullah-Revolution und nach deren Vorbild entstanden. So auch der ägyptische Jihad al-Islami, eine Abspaltung der Muslimbruderschaft, aus dessen Reihen der Sadat-Mörder al-Islambuli und der al-Qaida Chefideologe Ayman al-Zawahiri stammen. Jahre zuvor waren höchste sunnitische Prediger um Seyyed Qutb daran gescheitert, ihr korruptes Regime zu stürzen und die Muslime mit Hilfe einer «Weltrevolution» gegen den «dekadenten Westen» aufzubringen. Qutb bezeichnete den Westen als grössten Ignoranten und Verderber der Welt. Doch dies alles blieb ohne grosse Wirkung. Nassers Ägypten hatte die Bruderschaft fest im Griff. Ein gottesstaatliches Modell mit Klerikern und Predigern in höchster politischer Administration fehlte weit und breit. Khomeinis Modell faszinierte Muslime jeglicher Couleur, auch die Sunniten und ihre diversen Varianten, so die streng traditionellen Wahabiten wie auch die späteren Taliban. Der Khomeinismus wurde somit (innerhalb des Islam) konfessionsübergreifend. Etliche terroristische Organisationen, auch bin Ladens al-Qaida, dürften in einem Kettenprozess zu verstehen sein, an deren Anfang die Mullah-Revolution platziert ist.
Nun ist dieser Revolution eine 26-jährige brutale Monarchie vorausgegangen. Mit einer kurzen Unterbrechung regierte in Teheran der liberal-demokratische Premier Mohammad Mossadeq von 1951 bis 1953. Mossadeq war der allererste demokratisch legitimierte Regierungschef in der Dritten Welt, von den jungen Demokratien Indiens und Israels einmal abgesehen. Unter ihm und mit seinen grossen, weltweit Aufsehen erregenden aussenpolitischen Erfolgen (Nationalisierung des iranischen Öls und der damit verbundene diplomatische Sieg über Grossbritannien) wurde Iran zum demokratischen Vorbild vor allem in der islamischen Welt. Das «Time Magazine» wählte ihn zum Mann des Jahres 1951. CIA und MI5 stürzten Mossadeq 1953 in einem von Kim Roosevelt, einem Enkel des Ex-US-Präsidenten Theodore Roosevelt, initiierten Coup und setzten den Schah wieder auf den Thron. Der Schah bestellte den Coup-Architekten Roosevelt ein und sagte ihm: «Ich verdanke meinen Thron Gott, meinem Volk, meiner Armee und Ihnen.» Mossadeqs Regierung folgte eine 26-jährige brutale Diktatur des Schahs, die grenzenlose Unterstützung des Westens genoss. Sie überstrapazierte die Gemüter des iranischen Volkes und mündete in die islamische Revolution. Mit ihr beginnt die Genesis des aktiven globalen Islamismus. Noch als Präsident und Aussenministerin der USA haben Clinton und Albright konzediert, dass der von der Eisenhower-Administration erfolgte Umsturz von 1953 (der erste in der Geschichte Amerikas) als eine fatale Fehlentscheidung mit verheerenden regionalen und weltpolitischen Folgen zu beurteilen ist. Nach 1953 ereigneten sich Dutzende Staatsstreiche weltweit, doch kein Regime-Umsturz führte über eine Diktatur zu einem Gottesstaat und keine davon beschwor den Geist und die Praxis des religiös motivierten internationalen Terrorismus herauf. Skeptikern wird es schwer fallen, diesen Hintergrund zu ignorieren.
Der Preis früherer aussenpolitischer Fehler
Seit den achtziger Jahren sind amerikanische, britische und israelische Interessen und Zentren im Ausland Zielscheibe des islamistischen Terrors. Wie ein Bumerang kehrte der frühere US-aussenpolitische Abenteuerismus zurück und traf mitten ins Herz des Westens. Der 11. September 2001 markiert den Zenit der Spannung zwischen der morgen- und der abendländlichen Zivilisation, dem der 11. März 2004 (Madrid) und der 7. Juli 2005 (London) folgten. Hinzu kommen zahlreiche Anschläge auf westliche Interessen im Ausland, denen unzählige Zivilisten zum Opfer gefallen sind. Allein seit dem 11. September sind infolge von grossen Terroranschlägen mehr als 5000 Zivilisten, zumeist westliche und israelische Staatsbürger, getötet worden. Der Terror reisst aber auch unschuldige muslimische Glaubensbrüder mit in den Tod. Tausende irakischer Zivilisten in Irak und etliche ägyptische sowie auch europäische Bürger in Sharm el Sheikh fanden einen gewaltsamen Tod.
Die mächtigsten europäischen Hauptstädte erweisen sich als dem erbarmungslosen Terror hilflos ausgeliefert. Der Preis für die kurzsichtigen früheren externen Interventionen und für einseitige Parteinahme im Nahostkonflikt ist vor allem das Phänomen des islamistisch-religiös motivierten Selbst- mordattentäters. Die Mechanismen, Mittel und Motive dieses Phänomens besitzen ihre eigene Logik und ihre eigenen Gesetze, zu denen Unberechenbarkeit und Unvorhersehbarkeit bezüglich des Tatortes und der Ereigniszeit gehören. Nach London fragt sich in Rom niemand, ob ein Anschlag verübt wird, es geht um die Frage «Wann?». Der heutige Terrorismus islamistischer Prägung unterscheidet sich dramatisch von dem der siebziger und achtziger Jahre. Was ist ein Carlos mit einem Maschinengewehr und ein paar Handgranaten gegen einen Mohammed Atta, der einen Riesenjumbo in das World Trade Center fliegt und binnen weniger Sekunden den Tod von mehr als 3000 Unschuldigen verursacht. Der islamistische Terrorismus ist heute zu einem Global Player geworden, der gar das Schicksal von westlichen Regierungen mitbestimmen kann. Er bombte Spaniens Ministerpräsident José María Aznar in die Bedeutungslosigkeit.
Ursachen, Perspektiven
Präsident Bush deklarierte die Bekämpfung des globalen Terrorismus
zum «Krieg des Jahrhunderts» und die westlichen Staaten samt ihrer
Verbündeten haben die Federführung der USA angenommen. Zweifellos
darf dem brutalen islamistischen Terror nicht nachgegeben werden, vielmehr muss
ihm militärisch-polizeilich mit aller Härte begegnet werden. Dazu
ist ein umfassendes Netzwerk der Nachrichten- und Geheimdienste des Westens
und ihrer Verbündeten vonnöten. Scharfsinnige und verantwortungsbewusste
Politiker wissen allzu gut, dass dies alles nur eine Seite der Medaille darstellt.
Die strategische Lösung liegt anderorts.
Der Ursachenkomplex des islamistischen Terrors und dessen Nährboden ist
bekannt und lässt sich nicht ausbomben. Die sozioökonomische Perspektivlosigkeit,
kulturelle Entfremdung und parteiische Nahostpolitik des Westens spielen gewiss
eine entscheidende Rolle bei der Rekrutierung der Terroristen. Doch nicht nur
Armut und Zukunftslosigkeit treiben junge Männer und Frauen in die Arme
der Terroristenführer. In den Reihen der palästinensischen Selbstmordattentäter
finden sich gebildete, zukunftsträchtige Personen. So wie auch die Todespiloten
vom 11. September keine Armutsterroristen waren. Diese Selbstmordattentäter
ähneln Moskitos. Schlägt man eine tot, kommen Hunderte. Der Sumpf
muss ausgetrocknet werden.
Die heutige globale Sicherheitspolitik des Westens ist überwiegend auf
staatsbezogene innere und äussere Sicherheit mit polizeilich-militärischen
Mitteln bedacht. Ohne eine aktive Anteilnahme der reichen Nationen an der Lösung
bzw. Linderung der oben genannten Probleme wird es keine Sicherheit für
den Westen geben. Der massive Einsatz militärischer Macht in vermeintlichen
Rückzugsgebieten der Terroristen verschärft Konflikte und stärkt
den internationalen Terrorismus zusätzlich, wie der Fall Irak zeigt.
Die Hoffnungen auf eine friedliche Welt nach dem Ende des Kalten Krieges haben
sich als trügerisch erwiesen. In der Ambivalenz des Zeitalters des Zivilisationskonfliktes
und des Dialogs der Zivilisationen sind wir heute mit der «Rückkehr
der Geschichte» konfrontiert. Das neue Zeitalter benötigt verantwortungsbewusste,
weitsichtige Entscheidungsträger, von deren Handlungen der Frieden, das
Schicksal und das Leben von Millionen Menschen abhängt. Wenn der Kampf
gegen den globalen Terrorismus der «Krieg des Jahrhunderts» ist,
dann kann nur die Bekämpfung der Ursachen dieses Phänomens die einzig
aussichtsreiche Garantie für den Erfolg dieses Kampfes sein.

