23. Juli 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 29
 

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Frage der Woche 29

Vor 100 Jahren wurde der erste Kibbuz in Israel gegründet.






30. April 2004, 4. Jahrgang, Ausgabe 18, tachles

Einigendes und Trennendes

Rubrik: Israel

 

Proteste gegen Sharons Rückzugspläne Siedler in Gush Katif im Gazastreifen an Jom Haazmaut

Wie jedes Jahr erlebten die Menschen in Israel auch am diesjährigen Unabhängigkeitstag erhebende Momente der Einigkeit, durchzogen von einem in 56 Jahren voller Freud und Leid gewachsenen Gefühl der schicksalhaft gefestigten Zusammengehörigkeit.

Von Jacques Ungar

Am Dienstag stürzte sich rund eine Million Bürgerinnen und Bürger (und einige unentwegte Touristen) freiwillig, aber doch einem inneren Zwang gehorchend, in ihre fahrbaren Untersätze und verstopften zuerst die "Asphaltbänder" Israels, bevor sie Gleiches mit den Nationalparks und Wäldern des Landes taten. Darüber, wie sie nach zelebriertem Picknick diese Stätten in freier Natur zurückliessen, schweigt des Sängers Höflichkeit und Verlegenheit.
Zuvor schon hatten am Montagabend die Feuerwerke, die in den meisten Städten und Ortschaften (ausgenommen dort, wo fehlende Budgets es verunmöglichten) in die Luft gelassen wurden, vor allem die Vertreter der jüngeren Generationen in einem emotionalen "Ah und Oh"-Schulterschluss zusammenrücken lassen. Zu diesem Akt des audio-visuellen Frohlockens kam es aber erst, nachdem die Trauer um die gefallenen Soldaten, wie es die nationale Tradition und das Veranstaltungsprotokoll seit Jahrzehnten ohne einen Anflug von Hinterfragung oder gar Zweifel an der Logik des Geschehens verlangen, innert Sekunden durch Festtagstimmung abgelöst worden war.

Mehr und unübersehbarer als in vergangenen Jahren aber wurden dieses Mal die Gefühle und das Erleben von Einigkeit, Zusammengehörigkeit, von gemeinsamer glorreicher Vergangenheit und hoffentlich ebensolcher Zukunft überlagert und überschattet von Problematischem, Ungelöstem, Trennendem. Das begann schon an der offiziellen Jom-Haazmaut-Feier auf dem Jerusalemer Herzlberg. Nachdem er anlässlich der traditionellen Entzündung der Kerzen zuerst seiner Mutter Rachel in rührender Weise zu ihrem 100. Geburtstag gratuliert und an seinen Vater erinnert hatte, der viele Jahre vor ihm schon an der gleichen Stelle stehen durfte, missbrauchte der als offizieller Vertreter von Regierung und Parlament aufgetretene Knessetsprecher Reuven Rivlin (Likud) die Gunst der Stunde, um Anlass und Atmosphäre grob zu verpolitisieren. Indem er seine Kerze nämlich nicht nur der Knesset widmete, sondern auch den "Pionieren, die dem Lager vorausmarschieren, das Land unserer Vorväter besiedeln und den Boden erlösen von Hanita (im Norden) bis nach Kfar Darom (Siedlung im Gazastreifen), und von Negba (im Negev) bis nach Kiryat Arba (in der Westbank)", nahm er eindeutig Stellung für die Siedler und gegen Ariel Sharons Rückzugspläne aus dem Gazastreifen. Braucht es mehr als diese präzedenzlose Unterwanderung eines ursprünglich "für alle" konzipierten zeremoniellen Anlasses mit den Debatten der Tagespolitik, um die Zerrissenheit des israelischen Volkes zu belegen?

Um sich greifender Kampfgeist

Wahrscheinlich ganz im Sinne Rivlins agierten am Dienstag 60 000 bis 70 000 Siedler und deren Sympathisanten aus allen Teilen Israels mit ihrem Antirückzugsmarsch im Katif-Siedlungsblock im Gazastreifen. Bevor wir es aber den Organisatoren der Kundgebung gleichtun und von einem "unübersehbaren Signal an die Adresse Sharons" berichten, sollten wir kurz Zahlen sprechen lassen. Im Vergleich zu den mittlerweile 6,78 Millionen in Israel lebenden Menschen brachten die Katif-Leute 1,03 Prozent Demonstranten "auf die Waage". Ignorieren wir die 19 arabischen Bevölkerungsprozente (was viele Israeli seit 56 Jahren sowieso schon bewusst und gerne machen), ist es den Siedlern gelungen, an Jom Haazmaut 3,8 Prozent der Einwohner für ihre Zwecke zu mobilisieren. Im Ernstfall wird dieser Anteil sich wahrscheinlich noch verdrei- oder vervierfachen lassen. Aber auch fünfzehn Prozent einer Gesamtheit sind und bleiben eine Minderheit, die sich in einer Demokratie, wie Israel sie immer sein will, Mehrheitsbeschlüssen zu unterziehen haben. Gelingt es Sharon im Referendum vom kommenden 2. Mai, eine Mehrheit des Likud hinter seinen Rückzugsplan zu scharen, sollte den Siedlern und deren Freunden nichts anderes übrig bleiben, als sich zu fügen. Vorliegende Informationen lassen allerdings einen um sich greifenden Kampfgeist und eine noch weitere Radikalisierung der Leute von Netzarim, Kfar Darom, Neve Dekalim usw. vermuten. Noch niemand weiss, ob und wie dabei die Grenzen zwischen legitimem Widerstand im Rahmen der Gesetzmässigkeit und Gewaltanwendung verletzt werden. Die Saat für einen weiteren Zwist im Volk aber beginnt bereits aufzugehen.

Ein Wort noch zu Israels Arabern: Unüberseh- und unüberhörbar gedachten Hunderte von ihnen am Dienstag der "Naqba", der Katastrophe, welche die Gründung des Staates, dessen Bürger sie selber auch sind, ihrer Meinung nach über sie brachte. Die Intifada hat diese nie geheilte Zerrissenheit akzentuiert und in Tiefen gestürzt, die heute unüberbrückbar erscheinen.

Steigende Armut

Rechtzeitig zu Jom Haazmaut sodann veröffentlichten die zuständigen Ämter Zahlen, welche die soziale Zerrissenheit in Israel grell beleuchten. Elf Prozent von Israels Erwerbsfähigen, rund 292 000 Menschen, sind heute ohne Arbeit, und die Zahl der unter der Armutsgrenze lebenden Kinder nahm in einem Jahr von 40 000 auf kaum zu glaubende 660 000 zu! 660 000 potenzielle Kriminelle, vorzeitige Schulabgänger, Auswanderer oder sonstige gesellschaftliche Aussteiger. Natürlich werden zum Schluss nie alle heute Gefährdeten unter die Räder geraten, doch auch nur ein Prozent wären 6600 Flecken auf Israels sozioökonomischer Weste zu viel.
Zahlen dieser Art werden in Israel regelmässig publiziert. Vielleicht haben deswegen die hier aufgelisteten Entwicklungen bisher kaum für Diskussionen, geschweige denn Beschlüsse gesorgt. Wir sollten allerdings nicht zu streng mit den Israeli ins Gericht gehen. Schliesslich belegt sie die zunehmend von persönlichen Anwürfen geprägte Debatte rund um das Rückzugsreferendum schon zur Genüge mit Beschlag, gar nicht zu reden von der Endrunde im europäischen Basketball (Final Four), die gestern Donnerstagabend in Tel Aviv ihren Anfang nahm. Die Erkenntnis, dass die nächsten Statistiken über Kinderarmut und Arbeitslosigkeit ebenso garantiert kommen wie das Feuerwerk und das Picknick des nächsten Jom Haazmaut, gereiche uns zum Trost.