Für eine Demokratisierung des Islam
Bassam Tibi gilt als einer der besten Kenner der islamischen Welt und tritt seit Jahren für die Verständigung zwischen Kulturen und Konfessionen ein. Im Gespräch mit Yves Kugelmann plädiert er für Laizismus, gegen die Etablierung von Feindbildern und arabischen Antisemitismus.
tachles: Sie haben sich immer für den laizistischen Staat
ausgesprochen. Mit seiner Rede im Dezember hat Frankreichs Präsident nochmals
seine klare laizistische Haltung formuliert und sogleich die vielen Problemkreise
dieses Spagats angetönt. In der Theorie ein gutes Modell, doch schafft
es in der Praxis nicht mehr Probleme, als es löst?
Bassam Tibi: Es wird nicht leicht sein, das Kopftuchgesetz im September
des kommenden Jahres in die Realität umzusetzen. Frankreich hat die grösste
islamische Gemeinde – fünf Millionen Personen – in Europa.
Besonders in den letzten zwölf Monaten war der Kern nicht mehr der Konflikt
zwischen zwei religiösen Weltanschauungen – Muslime und Juden die
Symbole ihrer Religion auch in der Öffentlichkeit tragen dürfen –,
sondern das Problem wurde politisiert und zum Schluss zu einer wirklichen Machtprobe.
Bernard Stasy, der die Kommission in der Frage geleitet hat, hat in seinem Bericht
geschrieben, dass es ein Machtkampf war, auch physisch, auf den Strassen von
Paris.
tachles: Glauben Sie, dass in Frankreich der Laizismus am
Islamismus oder der Islamismus am Laizismus scheitert?
Bassam Tibi: In Frankreich hat man erkannt, dass ein grosses Segment
der Bevölkerung islamisch und im Vergleich zu früher, vor vielleicht
20 Jahren, nicht voll respektive weniger integriert ist. Das liegt an den vielen
neuen Immigranten und den neu geborenen Kindern. Es gibt zahlreiche maghrebinische
Franzosen, die nie im Maghreb gelebt haben, Leute, die heute zwischen 20 und
25 Jahren alt und sehr stark islamistisch sind. Dieser Tatsache wurde man sich
in Frankreich während der Irak-Krise bewusst. Das Phänomen tauchte
schon während der ersten Intifada im Nahen Osten auf, als Jugendliche in
den Vororten Gewalt praktiziert und dies die «Intifada française»
genannt haben. Damals hat man dies nicht ernst genommen.
tachles: Besteht bei einer Durchsetzung des Laizismus die
Gefahr nationaler Unruhen?
Bassam Tibi: Hätte sich Frankreich in der Irak-Frage an die Seite
der USA gestellt, hätte es einen Aufstand gegeben. Einige der Führer
der französischen Muslime setzen sich für den europäischen Islam
ein, aber es gibt auch die anderen, jene des Conseil, die Moslembrüder
sind. Während des Irak-Krieges haben diese gesiegt und Frankreich hat die
von ihnen gewollte antiamerikanische Politik betrieben. Sie machen nun das Kopftuch
zur Machtprobe. Was Chirac zu tun hat, ist nicht leicht, weil es zur Konfrontation
führen wird. Aber wenn er jetzt nachgegeben und die Empfehlungen Stasys
nicht angenommen hätte, hätten die Islamisten dies als Sieg verbucht.
Chirac ist ein Pragmatiker; es geht nicht um Prinzipienreiterei, wenn er das
Prinzip der Laizität durch- und die Empfehlungen umsetzt, sondern er will
und muss damit eine Niederlage vermeiden.
tachles: Ist all dies ein Problem des importierten Islamismus
oder ein ethnisches respektive Immigranten-Problem nicht spezifisch muslimischer
Natur, will sagen, hat es konkret mit dieser Ideologie zu tun oder ist es ein
gesellschaftspolitischer Konflikt?
Bassam Tibi: Ich glaube, dass an allem, was Sie aufgezählt haben,
etwas dran ist. Die ethnisch-soziale Komponente ist sicherlich ein Element.
Die Zahl der muslimischen Immigranten in Frankreich hat in den letzten 30 Jahren
dermassen zugenommen, dass die französische Gesellschaft nicht in der Lage
war, sie voll zu absorbieren, das heisst sozial zu integrieren. Und in diesem
Zusammenhang sind beispielsweise die «banlieues de lIslam» entstanden,
die Vororte des Islam in Paris. Sie sind ein gesellschaftlicher Beleg dafür,
dass die Integration nicht vorhanden ist. Dabei wird der Islam, der universalistisch
orientiert ist, ethnisiert.
tachles: Das Problem ist also ursächlich durch die Ablehnung
der Franzosen entstanden?
Bassam Tibi: Die Ablehnung ist psychologisch, und sie ist da. Wenn jemand
in Paris eine Putzfrau sucht, heisst dies: «Je cherche une Fatimah».
Es gibt aber auch sozioökonomische Faktoren, denn wenn eine Gesellschaft
100 000 Arbeitsplätze zu vergeben hat und 300 000 Immigranten kommen, dann
bleiben 200 000 arbeitslos. Dies ist kein böser Wille, jede Gesellschaft
hat begrenzte Kapazitäten. In den letzten Jahren hat man die Immigration
ein wenig kontingentiert und reglementiert, weil Frankreich bei völligem
Offenlassen der Tür den Zusammenbruch kommen sah. Das demografische Wachstum
im Maghreb kommt einer Explosion gleich, und Frankreich kann dies nicht absorbieren.
Algerien hatte beispielsweise 1962 noch 8 Millionen Einwohner, heute sind es
über 35 Millionen.
tachles: Sie verweisen in ihren Büchern immer wieder
auf das Prinzip der «Hidschra» – der Verbreitung des Islam
durch Migration. Liegt hierin eine tiefere Ursachen für den Islamismus?
Bassam Tibi: Es gibt drei Ursachen, und Frankreich ist hier sowohl im
Positiven als im Negativen ein Modell, von dem alle Europäer lernen können.
Nummer eins ist eine zu starke Immigration, die die Wirtschaft nicht absorbieren
konnte, aber auch Vorurteile – wobei Sozioökonomie wenig mit Psychologie
zu tun hat. Die Ablehnung ist ein Element, aber nicht die Ursache der gescheiterten
Integration. Nummer zwei ist der Import. Es gibt mindestens ein Dutzend prominenter
Bildungseinrichtungen in Frankreich, die islamistisch-ideologisch dominiert
und mit Ölgeld finanziert sind – Import von aussen. Im Islam gibt
es ein Konzept, Hidschra, was wörtlich übersetzt Einwanderung, Zuwanderung
bedeutet. Bereits im Koran, und das hat mit Fundamentalismus nichts zu tun,
gibt es viele Stellen, die Jihad und Hidschra miteinander verbinden. Ein Muslim,
der in die Welt ausserhalb des Islams auswandert, ist verpflichtet, den Islam
zu verbreiten. Vergleicht man Judentum und Islam, so ist es für den nicht
zum Missionieren verpflichteten Juden leichter, ein französischer Bürger
zu sein, als für den Muslim.
tachles: Ist dieses Prinzip mit dem Prinzip der Mission im
Katholizismus vergleichbar?
Bassam Tibi: Es geht hier um die Verbreitung einer Religion, die sich
als eine für die ganze Menschheit betrachtet und ihre Gläubigen verpflichtet,
nicht nur religiös zu missionieren, sondern ihre Ordnungsvorstellungen
durchzusetzen. Wenn Immigranten nicht bereit sind, französische Bürger
zu werden, sondern den Status der Minderheit akzeptieren, ist dies nur vorübergehend.
Die Vorstellung ist, dass sie einmal die Mehrheit werden und dann ihre Ordnung
installieren. Als Muslim darf man sich nicht einem nicht-muslimischen Oberhaupt
unterordnen. Dies ist eine Doktrin im Islam, die zumindest für die Migranten
in Europa revidiert werden muss. Wenn sie nicht revidiert wird, gibt es keine
Integration.
tachles: Rund 95 Prozent der Muslime in Europa gelten als
normale Bürger- und Bürgerinnen, zwischen drei bis fünf Prozent
als Islamisten oder gar Fundamentalisten.
Bassam Tibi: In Europa gibt es 17 Millionen Muslime, und die Mehrheit
von ihnen kennt diese Hidschra-Doktrin nicht oder handelt nicht danach. Die
Minderheit tut das jedoch und sie kontrolliert die Islamzentren, die Koranschulen,
und der organisierte Islam kommt aus ihr. In Deutschland gibt es 3,7 Millionen
Muslime, organisierte Islamisten sind davon lediglich 100 000. Aber sie treten
in der Öffentlichkeit als Sprecher des Islam auf. Diese 100 000 sind keine
Terroristen. Islamist ist nicht gleich Terrorist.
tachles: Und wie hoch ist das Gewaltpotenzial?
Bassam Tibi: Es gibt Islamisten, die eindeutig gegen Gewalt sind. Man
darf also Islamismus nicht mit Jihadismus oder Terrorismus gleichsetzen. Islamisten
sind Leute, die an einer islamischen Ordnungsvorstellung hängen und sagen,
dass ein Muslim nur in einer islamischen Ordnung leben darf. Dies wiederum ist
nicht vereinbar mit dem Leben in Europa, wo man davon ausgeht, dass ein Mensch
ein Bürger ist – wie mein Freund Ignaz Bubis sagte: «Ich bin
ein deutscher Bürger jüdischen Glaubens.» Und das soll für
alle gelten. Ich bin ein deutscher Bürger islamischen Glaubens.
tachles: Können Sie den Unterschied zwischen Islam
und Islamismus darstellen?
Bassam Tibi: Es gibt zwei Deutungen des Islam. Der Islam ist Ethik, Religion
und ein Glaube, der natürlich mit Kult verbunden ist, aber Kult hat mit
Politik nichts zu tun. Für mich ist der Islam keine politische Religion,
das ist eine reine Interpretation und Instrumentalisierung. Die Deutung des
Islam als Islamismus ist eine politische Deutung, innerhalb dieser Richtung
gibt es eine Strömung, die friedlich ist und sich demokratisch nennt, die
andere ist jihadistisch, also terroristisch. Im Koran gibt es zwar den Jihad,
jedoch keinen Jihadismus. Der ist neu, eine Erfindung der Tradition.
tachles: Sie plädieren und argumentieren in der Tradition
der Aufklärung. Doch wundert man sich immer wieder, dass die einstige Hochkultur
Islam, die so viel in Kunst und Wissenschaft hervorgebracht hat, seit dem Mittelalter
einen Bruch in der Entwicklung erlebt. Wird in der arabischen Welt die Aufklärung
erst stattfinden?
Bassam Tibi: Es gab im Islam zwei grosse Aufklärer, einer war Muslim,
einer war Jude, und sie lebten in der gleichen Zeit: Maimonides und Averroes.
Im Islam hat es weitere Aufklärer gegeben, aber nicht Aufklärung,
und dies ist keine Wortspielerei. Aufklärung bedeutet Akzeptanz des Primats
der Vernunft und die Anerkennung verschiedener Wahrheiten. Wenn eine Gesellschaft
oder eine Zivilisation davon bestimmt wird, dann hat eine Aufklärung stattgefunden.
Mein enger Freund Shlomo Avneri, ein Kantianer wie ich, sagte zu mir: «Du
als Muslim und ich als Jude haben uns anerkannt, und die anderen haben ihren
Gott.» Kant war ein Christ und glaubte an Gott, und auch Shlomo Avneiri
und ich glauben an Gott. Aber in der Politik lassen wir Gott draussen. Die Aufklärer
im mittelalterlichen Islam, die auch so dachten, haben sich nicht gegen die
Orthodoxie durchsetzen können.
tachles: Ein Resultat der Aufklärung im Westen war die
Demokratie. Gibt es etwas aus der muslimischen Aufklärung Resultierendes,
das einer Demokratie ähnlich wäre und das Sie als Konzept für
die arabische Welt betrachten würden?
Bassam Tibi: Es gibt islamische Individuen, die das vertreten, wie zum
Beispiel der grosse Philosoph Mohammed al-Jabiri in Marokko, der ägyptische
Aufklärer Mohammed al-Aschmawi und Sakhur in Syrien. Ein Staatswesen, das
ich als Konzept für die arabische Welt ansehen würde, gibt es jedoch
im Moment noch nicht. Die drei wichtigsten Jahrhunderte der islamischen Zivilisation
liegen zwischen dem 9. und dem 12., von denen Bernard Lewis in seinem Buch «Die
Juden der islamischen Welt» sagt, dass sie innerhalb der islamischen Zivilisation
ein Höhepunkt des jüdischen Lebens und der jüdischen Kultur waren.
Während dieser Zeit haben jüdische und islamische Philosophen am selben
Strang gezogen – Aufklärung – und das Primat der Vernunft anerkannt.
Wenn ich aber heute in arabischen Staaten über die Aufklärung spreche,
sagt man mir, dass ich etwas Westliches bringe, und als solches ist dieses Thema
im Islam verpönt. Zwischen dem 9. und dem 10. Jahrhundert schrieb der grosse
islamische Philosoph al-Farabi, der nach Cicero wieder der erste und einer der
grössten politischen Philosophen der Weltgeschichte war, das Buch «Der
perfekte Staat». Darin beschrieb er die Trennung zwischen Religion und
Politik. Das Staatsoberhaupt ist bei al-Farabi ein vernunftorientierter Philosoph,
kein Imam.
tachles: Wenn man beobachtet, wie Christen, Juden und Muslime
später in Spanien miteinander gelebt haben, muss man sich fragen, was passiert
ist, dass heute die meisten arabischen Länder unter Diktaturen leben, dass
diese grosse Geistesgeschichte nicht ihren Fortgang gefunden hat. Wo liegt der
Bruch?
Bassam Tibi: Die Diktaturen sind eine moderne Erscheinung, aber der Niedergang
der islamischen Zivilisation fand schon im 13. Jahrhundert statt. Damals gab
es einen Kampf innerhalb der islamischen Zivilisation zwischen den orthodoxen
Salafisten und den Rationalisten. Letztere haben diese Schlacht leider verloren.
Ich behaupte, und da bin ich nicht der einzige Muslim, dass der Niedergang der
islamischen Zivilisation mit dem Niedergang des islamischen Rationalismus einherging.
tachles: Aber stets wird von Kritikern angeführt, der
Koran sei das Problem.
Bassam Tibi: Das ist falsch. Alle Terroranschläge in Israel zum
Beispiel dürfen nicht islamisch gerechtfertigt werden. Im Koran impliziert
Jihad Gewalt, es ist demnach falsch, zu sagen, dass Jihad gewaltfrei sei. Aber
im Koran ist Gewalt an Regeln gebunden und diese sind streng einzuhalten. Dazu
gehört, dass man niemals Zivilisten angreifen darf und der Gegner bewaffnet
sein muss, und dass man niemals einen Gegner aus dem Hinterhalt, also ohne Vorwarnung,
angreifen darf.
tachles: Die Türkei nimmt in Europa eine Scharnierfunktion
zur arabischen Welt wahr. Nun regieren dort die Islamisten. Die Türkei
könnte ein Modell sein, das nun bedroht ist.
Bassam Tibi: Genau, die Türkei ist ein Modell. Man darf die Islamisten
nicht ausschliessen, aber sie dürfen nicht alleine regieren. Und jetzt
regieren sie doch alleine in der Türkei, und darüber bin ich sehr
unglücklich. Denn die Islamisten spielen Demokratie, aber ihr Endziel ist
der islamische Sharia-Staat, den ich als nicht demokratisch deute, welchen aber
alle Islamisten anstreben. Die Diskussion, die heute geführt wird, heisst
«Islamisierung der Demokratie oder Demokratisierung des Islam».
Die reine westliche Demokratie ist in islamischen Ländern nicht anwendbar
und deswegen bin ich für eine Demokratisierung des Islam. Durch eine Neuinterpretation
islamischer Quellen sind Islam und Demokratie miteinander vereinbar, und das
ist, was ich tue und wovon ich glaube, dass es machbar ist. Islamisierung der
Demokratie dagegen heisst, die Demokratie in den Islam einzubauen, aber dies
bedeutet mehr Scharia-Islam als Demokratie, und das ist, was die Islamisten
wollen. Hier liegt der Unterschied.
tachles: Wie lange wird es dauern, bis sich die Diktaturen
entsprechend umfunktionieren lassen?
Bassam Tibi: Ich bin der Überzeugung, dass religiöse Reformen
von innen erforderlich sind. Eine Demokratie, die wie in Irak von aussen aufgezwungen
wird, funktioniert nicht.
tachles: Neben der Beeinflussung der arabischen Mittelmeerstaaten,
die sich langsam öffnen, ist sicher die Zeit ein wichtiger Faktor. Aber
wird sich ein Gottesstaat Iran ändern?
Bassam Tibi: Es ist möglich, dass der Gottesstaat in Iran zusammenbricht.
Das iranische Gottesstaatsmodell ist jedenfalls auf die Nachbarländer nicht
übertragbar, weil der Iran schiitisch ist, die Mehrheit der Araber ist
aber sunnitisch.
tachles: Neben der Islam-Diskussion in Europa gibt es aber
vor allem innerislamische Fronten. Wie verlaufen diese?
Bassam Tibi: Es gibt grosse innerislamische Kämpfe wie den der institutionellen
Islamisten und der Jihadisten, das sieht man heute in der Türkei. Ich glaube,
dass die jetzige türkische Regierung, obwohl sie islamistisch ist, mit
den Massnahmen gegen die Jihadisten Ernst macht. Ferner haben wir den Konflikt
zwischen den Liberalen und den islamistischen Muslimen und auch den zwischen
dem Islamismus und dem Salafismus.
tachles: All diese Fronten sind nach Europa importiert worden
und machen sich hier spürbar. Sie plädieren für den Euro-Islam.
Was heisst dies konkret?
Bassam Tibi: Ich unterscheide zwischen Religion als Glaube und Religion
als Ethik, und ich erlaube mir überhaupt nicht, am Islam als Glauben zu
rühren. Euro-Islam ist ein Alltagsislam. Ich will den Muslimen mit meinem
Konzept ermöglichen, sich mit der Demokratie anzufreunden, ohne an ihrem
religiösen Glauben etwas zu ändern. Der Euro-Islam berührt nur
die Alltags- und die politische Kultur, denn der Islam ist keine politische
Religion, und es ist möglich, Glaube und Politik zu trennen. Der Euro-Islam
dreht sich um fünf Bereiche: Akzeptanz der Demokratie; Akzeptanz der Trennung
zwischen Religion und Politik, also Laizität; Akzeptanz der individuellen
Menschenrechte – denn im Islam gibt es kollektive Menschenrechte –,
und dazu gehört auch Glaubensfreiheit; Toleranz im modernen und nicht im
islamischen Sinne; und Anerkennung des Pluralismus der zivilen Gesellschaft,
denn wir Muslime glauben, dass unsere Religion die einzige vollständige
göttliche Offenbarung ist. Deshalb betrachten wir uns als den anderen überlegen.
Das darf man persönlich religiös vertreten, wenn man will, aber in
der Gesellschaft, in der Politik darf es das nicht geben. Dort müssen alle
Religionen gleichwertig sein, und das ist die Grundlage des religiösen
Pluralismus.
tachles: Man spricht von einem spezifischen islamischen Antisemitismus
in Europa oder vielleicht auch weltweit. Inwieweit hat er mit Israel zu tun
oder ist gar im Islam eingebettet?
Bassam Tibi: Ich hänge hier einer historischen Deutung an, die nebst
der Interpretation von Bernard Lewis auch meine eigenen Ideen beinhaltet. Es
gab in der Geschichte wohl Probleme zwischen Juden und Muslimen. Aber was man
unter Antisemitismus versteht, hat es vor dem 20. Jahrhundert niemals gegeben.
Der Auslöser ist politisch, und ich glaube, dass es Import von aussen,
aus Europa, gibt. Zu Lebzeiten des Propheten gab es so viele Ähnlichkeiten
zwischen dem Judentum und den von ihm selbst empfangenen Offenbarungen, dass
er fest überzeugt war, die Juden seien in dem Sinne Brüder, dass sie
alle zum Islam übertreten würden. Er versuchte, sie zu missionieren,
sie traten aber nicht über und es gab grosse Enttäuschungen. Es ist
eine historische Tatsache, von der heute viele nichts wissen wollen, dass die
Muslime vor den Auseinandersetzungen zwischen dem Propheten und den Juden, also
lange vor Errichtung des Felsendoms, Richtung Jerusalem gebetet haben. Erst
danach wurde die Gebetsrichtung nach Mekka geändert. Bei diesen Auseinandersetzungen
wurde ein Kompromiss erreicht, wonach die Juden als geschützte Minderheit
unter den Muslimen leben würden.
tachles: Glauben Sie, dass nach einer Lösung des Nahostkonflikts
der islamische Antisemitismus wieder abnimmt?
Bassam Tibi: Es gibt jetzt Wellen des Antisemitismus in den islamischen
Gemeinden Europas. Vor zehn Jahren gab es dies in solch massiver Form wie beispielsweise
Angriffe auf Synagogen nicht. Das hängt, glaube ich, mit der jetzigen Intifada
zusammen.
tachles: Heisst dies, dass es sich dabei nicht um einen tief
verankerten Antisemitismus handelt, wie wir ihn im Christentum kennen, sondern
eher um Auswüchse vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts?
Bassam Tibi: Der Antisemitismus hat in der arabischen Welt keine historischen
oder geistigen Quellen; es gibt sogar jüdische Autoritäten im Islam,
wozu Maimonides gehört, der von den Muslimen geehrt wird. Der arabisch-israelische
Konflikt verschärft jedoch den importierten Antisemitismus; eine Lösung
dieses Konflikts würde ihn vielleicht nicht verschwinden lassen, aber zu
einer weitgehenden Deeskalation führen. Ich stimme der Empfehlung des jüdischen
Leitartiklers der «New York Times» Thomas Friedman bei, die Bilder
der Auseinandersetzung und Gewalt auf beiden Seiten während der Intifada
freiwillig aus dem Fernsehen und somit aus der von diesem Medium übertragenen
Realität zu nehmen. Dadurch würde dieser Antisemitismus gedämpft.
tachles: Der Islam wird derzeit dämonisiert, es gibt
in Europa eine starke Tendenz zum Antiislamismus. Spüren Sie den?
Bassam Tibi: Es gibt in Europa historische Feindbilder des Islam, die
bis tief ins Mittelalter zurückgehen. Auf der anderen Seite gibt es aber
auch historische Feindbilder des Westens bei Muslimen. Man muss auf beide hinweisen.
In Europa wird spürbar mit dem Feindbild Islam gearbeitet, aber die Islamisten
versuchen ihrerseits, damit jede Kritik am Islamismus zu unterbinden. Als Ignaz
Bubis noch lebte, sind Islamisten an ihn herangetreten und haben versucht, ihm
ein jüdisch-islamisches Bündnis gegen Antisemitismus und Antiislamismus
schmackhaft zu machen. Er liess über diese Leute recherchieren und stellte
fest, dass sie rechtsradikale und antisemitisch gefärbte Islamisten mit
Zugang zur deutschen rechtsradikalen Szene waren. Er fragte sich, warum sie
an ihn herangetreten waren und bat mich um meine Meinung. Ich erklärte
ihm, dass der Islamismus seine finanzielle und logistische Ruhezone in Westeuropa
hat, nicht in der Welt des Islam und nicht mehr in Amerika. Die Islamisten kommen
nach Europa, weil sie hier abgesichert sind. Noch mehr Absicherung könnten
sie erreichen, wenn Antisemitismus und Antiislamismus gleichgesetzt würden,
denn Antisemitismus wird geächtet, und wenn diese Parallele durchgesetzt
würde, wären die Islamisten nicht mehr angreifbar. Es gibt sehr intelligente
Islamisten. Aber Ignaz Bubis akzeptierte meine Erklärung und trat nicht
auf den Vorschlag ein. Wir dürfen Islam und Islamismus nie gleichsetzen.
tachles: Seit dem 11. September werden die Probleme oft dem
Islam angelastet. Also der Islam als Feindbild und Ursache aller Probleme.
Bassam Tibi: Ich bin gegen das Feindbild Islam, ich bekämpfe auf
geistiger Ebene alle Vorurteile gegen den Islam und dessen Dämonisierung.
Aber ich mache – wie ich soeben sagte – einen Unterschied zwischen
Islam und Islamismus, und ich als Muslim bin gegen den Islamismus. Vor dem Islamismus
zu warnen ist nicht Antiislamismus. Mein Anliegen ist, dass zwischen dem Feindbild
Islam und dem Feindbild Islamismus, den es eigentlich gar nicht gibt, unterschieden
wird. Es gibt tatsächlich nur Warnungen vor dem Islamismus. Diese sind
unter anderem ein sicherheitspolitisches Anliegen, denn die Islamisten sind
auch für die Muslime selbst eine Gefahr.
tachles: Glauben Sie, dass wir in eine Zeit der Religionskriege
zurückkehren, nachdem wir ja im letzten Jahrhundert noch dachten, dass
diese vorüber seien?
Bassam Tibi: Es gibt heute eine Weltrealität, die allgemein und
nicht nur für Juden und Muslime zählt: Die reine Säkularität
ist gescheitert. Vielleicht ist sie in Frankreich noch lebendig und auch sonstwo,
aber sie ist gescheitert. Sie sehen das im Islam, im Hinduismus, im Buddhismus.
Ich bin über die Rückkehr der Religion nicht sehr glücklich,
weil ich Laizist bin, wenn auch ein undogmatischer. Einen möglichen, daraus
hervorgehenden Schaden können wir nur in Grenzen halten, wenn wir sagen,
dass Religion als Ethik zurückkommen darf. Denn die ethischen Grundsätze
der Juden, Hindus, Buddhisten etc. sind für mich als Muslim auch akzeptabel.
Wenn aber Religionen zu politischen Ordnungsvorstellungen werden, sind sie nicht
mehr kompatibel. Eine demokratische Ordnung mit jüdischem Geist hingegen
ist einer demokratischen Ordnung mit islamischem Geist annäherbar. Das
Ziel ist also, Religion und Politik auseinander zu halten. Wenn wir das schaffen,
haben wir Frieden, wenn nicht, wird es keinen Weltfrieden geben.
tachles: Es ist aber vermutlich unvermeidlich, die religiös
Verantwortlichen auch in die politische Verantwortung mit einzubeziehen.
Bassam Tibi: Natürlich darf man sie nicht an die Wand drücken.
Aber man muss sie einbinden, ohne auf ihre Forderungen einzugehen. Diese Doppelstrategie
versuchte Präsident Chirac in seiner Rede. Er hat eindeutig gesagt, dass
ein Antidiskriminierungsprogramm entwickelt und alle Muslime in Frankreich in
die Politik eingebunden werden müssen, aber unter Wahrung der Laizität.
Für mich ist dies kein Widerspruch. Ich beobachte mit Sorge die Türkei.
Ich war immer dafür, dass institutionelle Islamisten an der Regierung beteiligt
werden dürfen, Verbote sind keine Lösungen. Aber ich möchte nicht,
dass sie mit Zweidrittelmehrheit regieren. Sie ändern bereits die Gesetze
im Sinne der Desäkularisierung.
tachles: Glauben Sie, dass die Türkei weiter Richtung
Europa demokratisiert wird?
Bassam Tibi: Der Kampf zwischen Islamisten und Laizisten ist in der Türkei
noch offen.
tachles: Wer, glauben Sie, macht das Rennen?
Bassam Tibi: Ich würde sagen, die Islamisten haben jetzt eine sehr
etablierte Machtposition. Sie haben den Staat in ihrer Hand. Aber die Kemalisten
sind noch da. Ihr Problem ist, dass sie dogmatische Laizisten sind. Ich habe
bei Besuchen in der Türkei in Dialogen mit Kemalisten immer gesagt, dass
ich ihr Verbündeter sei, aber solange sie den Islam als Ethik nicht umarmen,
würde der Zug an ihnen vorbeifahren. Mit dogmatischem Laizismus kommt man
heute nicht mehr weiter, und das ist jetzt auch im arabisch-israelischen Konflikt
ersichtlich. Israel kann kein laizistischer Staat werden, denn das Judentum
ist die Identität Israels. Das muss man irgendwie akzeptieren, das heisst,
den jüdischen Geist – aber nicht die Halacha.
tachles: Israel muss also auch die Trennung zwischen Staat
und Kirche erreichen, um das Problem lösen zu können?
Bassam Tibi: Ja. Ich glaube, dass Israel auf der Basis der Halacha und
die benachbarten islamischen Staaten auf der Basis der Scharia keine Ansätze
für eine Annäherung und Lösung finden werden. Auf diese Weise
wird es keinen Frieden geben.

