Was geschieht wirklich an Rosch Haschana?
Ich muss immer an die Geschichte von dem Rabbiner denken, der an Rosch Haschana zur Synagoge ging und dabei sah, wie Mojsche Rabinowitz in einem Café sass und Zeitung las. Er war erstaunt,dachte aber: «Mojsche ist schon alt, vielleicht hat er nur vergessen, dass Rosch Haschana ist.» Er ging auf ihn zu und stellte ihn zur Rede. Mojsche antwortete: «Rebbe, ich bin Gott sei Dank 93. Alle meine Freunde trinken schon im Gan Eden Kaffee, und ich habe den Eindruck, dass der Herr der Welt mich einfach vergessen hat. Da möchte ich auf keinen Fall nach Schul gehen und Ihn daran erinnern, dass ich noch lebe.»
Wir haben gelernt, dass Gott an Rosch Haschana die ganze Welt richtet und festlegt, wie es jedem Einzelnen im kommenden Jahr gehen wird. Wir sprechen lange Gebete und bitten Gott, uns zu verzeihen und uns ein gutes Leben zu gewähren. Wir bitten Ihn auch, dass Maschiach bald kommen und dass Frieden herrschen möge.
Aber ich habe mit all dem ein Problem. Passt es denn, dass wir an diesem Tag, der im Judentum so wichtig ist, vor allem sicher stellen, dass wir morgen etwas zu essen haben? Reduziert sich alles auf unsere private, persönliche Sorge um unser materielles Leben? Brauchen wir dafür wir einen Machsor von 200 Seiten (und bei den Jeckes doppelt so viel)? Wenn das so ist, bin ich doch mit Mojsche Rabinowitz einverstanden!
Ich versuche also, ganz einfach zu verstehen: Was passiert an Rosch Haschana? In der Kabbala und im Chassidismus wird erklärt, dass an diesem Tag der «Aufbau des Königtums» geschieht und die Herrschaft Gottes über die Welt erneuert wird. Wer baut? Wir – jeder Einzelne von uns, der in die Synagoge geht und betet.
Eines schönen Tages beschloss Gott, sich eine materielle Welt zu erschaffen, mit Menschen, Häusern, Autos und Geld. Das Ziel war jedoch, dass die Menschen diese Welt zu einem besseren Ort machen, wo die göttliche Gegenwart ruhen kann. Der erste Schritt dazu besteht darin, dass der Mensch, der ja Verstand und freien Willen hat, anerkennt, dass es einen Herrn der Welt gibt. Er muss Gott bitten, König zu sein, denn «es gibt keinen König ohne ein Volk», wie unsere Weisen gesagt haben. Der erste Mensch, der am sechsten Schöpfungstag erschaffen wurde, sagte noch am selben Abend Lechu Neranena, «Kommt, lasst uns dem Ewigen jubeln, jauchzen dem Fels unseres Heils». Mit diesen Worten meinte er: «Ich nehme das Königtum Gottes auf mich». Das war an Rosch Haschana.
Die Kabbala lehrt, dass wir jedes Jahr an diesem Tag wieder das Gleiche tun müssen. Wir müssen Gott als König krönen, aber zuvor müssen wir den Wunsch danach aufbauen. Und darum geht es in dem ganzen Gebet von Rosch Haschana. Im Machsor findet man vielleicht fünf Prozent persönliche Bitten, und der ganze Rest handelt von einem einzigen Thema: «Komm und sei unser König!». Rosch Haschana ist also deshalb der wichtigste Tag im Kalender, weil wir uns an diesem Tag mit unseren Seelen und unserer Tradition verbinden und dieses Volk vereinen, damit es als eine liebevolle, solidarische Einheit den König aufs Neue krönt. Gewiss gibt es ein Element der Teschuwa, ein Element von Reue. Aber damit zeigen wir: «Wir sind dein Volk und du bist unser König, wir sind deine Kinder und du bist unser Vater.» Gewiss bitten wir um ein gutes Leben, um Gesundheit und Einkommen, aber auch das folgt aus dem zentralen Ziel dieses Tages, dem Aufbau des Königtums Gottes – mit anderen Worten, einer tiefen und dauerhaften Verbindung mit unserem Vater, unserem König.
Zalmen Wishedski ist Rabbiner von Chabad Lubawitch in Basel.
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