Wäre es besser, ich wäre ein Drei-Tage-Jude?

Von Rolf Stürm, 22. September 2011

 

Der Drei-Tage-Jude, wie ihn meine deutschen Grosseltern idealisierten, ging höchstens drei Mal pro Jahr in die Synagoge: An Rosch Haschana und Jom Kippur. Sein Reformtempel war prächtig und hatte Chor und Orgel. Ich bin vom Ideal meiner Vorfahren weit entfernt. Erstens gibt es in der deutschen Schweiz leider keine liberale Prachtsynagoge, und zweitens nehme ich als Ofek-Präsident an mehr als drei Gottesdiensten pro Jahr teil. Wäre ich ein echter Drei-Tage-Jude, dann wäre ich von den Gottesdiensten, weil ich sie extrem selten besuche, fasziniert und würde mich während der Amida (Hauptgebet) weder ablenken lassen noch deren Inhalt hinterfragen.

 

Wenn sich Ofek als Aguda Achad (einige Genossenschaft) in der Amida auf Avraham, Isaak, Jakob, Sara, Riwka, Rachel und Lea beruft, schweifen meine Gedanken zu Männern ab, die mich mehr interessieren: Korach, Flavius Josephus und Walther Rathenau. Von Gemeindefürsten unterstützt forderte Korach mehr Mitbestimmungsrecht von Moshe und Aaron und – modern ausgedrückt – die Gewaltentrennung zwischen den Stämmen einerseits und dem Stiftszelt andererseits: «Ihr beansprucht zuviel; denn die ganze Gemeinde ist überall heilig» (4. B. M. 16:3). Flavius Josephus lief, nachdem er als Oberkommandierender im Galil den jüdischen Widerstand verraten hatte, zu den Römern über, suchte als liberaler Intellektueller in Rom den Ausgleich mit der Weltmacht und begründete so die Diaspora der Nach-Tempel-Ära. Walter Rathenau leitete, nachdem er im Ersten Weltkrieg noch ein deutscher Hardliner war, als Aussenminister der Weimarer Republik die europäische Verständigungspolitik ein.

 

Wenn in der Rosch-Haschana-Amida das «elohe awraham, elohe jaakow welohe jizchak» ertönt, wird sich meine Aufmerksamkeit von unseren Stammvätern und ihrem Gott ab- und Korach, Josephus und Rathenau zuwenden. Ich spekuliere, welche provokativen Neujahrsvorsätze meine Vorbilder, wenn sie hier und jetzt neben mir stehen könnten, fassen würden. Würde Korach die Trennung von Staat und Oberrabbinat in Israel fordern? Würde Josephus ein Pamphlet für mehr Dezentralisierung und Pluralismus im Judentum verfassen? Würde Rathenau als Nachfolger von Aussenminister Avidgor Lieberman einen Plan zur Aussöhnung im Nahen Osten vorlegen? Und was wäre ihr Erfolg und Schicksal heute: Würde Korach wieder den Theokraten unterliegen, würde Josephus wieder vom Imperium vereinnahmt und würde Rathenau wieder von Frühnazis ermordet?

 

Als Ofek-Präsident sollten meine Rosch-Haschana-Gedanken – wenn sie schon nicht bei Avraham, Isaak und Jakob sind – bei der Basler Politik und Zukunft sein. Es steht geschrieben (Mitteilungsblatt der Israelitischen Gemeinde Basel, Pegischa vom Juli 5771/2011) im Interview mit dem IGB-Präsidenten: «Wir werden gezwungen, durch die kleiner werdende Anzahl Mitglieder die Struktur anpassen und uns hoffentlich in Form der zuvor erwähnten Holdingstruktur auch für liberalere Anwohner der Region wieder attraktiv zeigen, ohne die in unserer Gemeinde sehr aktive religiöse Minderheit zu verlieren». Diese Holding hat für mich etwas von Korach, Josephus und Rathenau. Darf man in der Rosch-Haschana-Amida «Gott segne unseren Gemeindepräsidenten» beten?

Wäre es da nicht besser, ich wäre ein Drei-Tage-Jude und käme nicht auf solch abwegige Gedanken während der Amida?

 

Rolf Stürm, Mitglied der Israelitischen Gemeinde Basel sowie der Jüdische Liberalen Gemeinde Zürich und Ofek-Präsident seit 2009.

 



Zurück


3 Kommentare


horst - 28.10.2011

@ "Wir Juden haben aus der Geschichte gelernt" (Zitat vom Israelkongress 2011, Frankfurt). NICHTS wurde scheinbar gelernt: 1. Begriffe wie "die Juden" und "wir" sind Zitate aus Hitlers "Mein Kampf". 2. Medizinisch und biologisch gesehen gibt es schon längst nur noch "individuelle Körper" (aber keine "Juden", "Deutsche", etc.), die immer perfekter kartiert werden können (Genomanalysen, Blutanalysen, Hirnkarten). 3. "Die Geschichte" gibt es spätestens seit KOSELLECK 1971 nicht mehr. Denn nur wer die "besten" Karten hat und die besten Geschichten erzählen kann...



Augustina - 17.10.2011

If I communicated I could thank you egonuh for this, I'd be lying.



Nina Hurwitz - 29.09.2011

Ich finde Ihre Gedanken gar nicht abwegig. Befürchte aber , dass auch heute das Schicksal von Korach, Josephus und Walter Rathenau nicht anders wäre. Hat man jemals etwas aus der Geschichte gelernt?



Kommentar hinzufügen

»zurück zur Übersicht